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süßt wein wasser?

stefan schmitzer | süßt wein wasser?

Eines der drei neuen Bücher von Helwig Brunner in der Frühjahrssaison 2008 ist der Gedichteband "süßwasser weinen", erschienen in der edition graz im Sonderzahl Verlag. Über den lyrischen Beobachtungsgestus, Dreierfiguren, hübsche kultivierte Gehirne und vieles mehr diskutierte mit ihm für die schreibkraft Stefan Schmitzer.

Schmitzer: Mein erster Eindruck von deinem neuen Buch ist, dass es von einem eher unproblematischen Verhältnis zu den Traditionen von Natur- und Gedankenlyrik geprägt ist, aber auch von einem Formbewusstsein, das über diese weit hinausweist. Um also mal mit der Form anzufangen: Die Gedichte in süßwasser weinen sind sämtlich dreistrophig. Auch hat der Band drei Kapitel, die mit "Naturalien", "Musikalien" und "Destillate" betitelt sind, also in einer Weise, die als Bekenntnis zu einer ganz bestimmten Poetologie des lyrischen Dreischritts gelesen werden kann - von der Beobachtung zur Überformung zur eingedampften Substanz. Diese Poetologie wiederum macht meines Erachtens nur Sinn, wenn der "Naturalie", dem Tatsachensubstrat des Gedichts sozusagen, tatsächlich so etwas wie eine inhärente Quintessenz zugestanden wird. Sprache "legt" dann "frei", oder "öffnet Türen": Als liege das am Gedicht Wesentliche außerhalb seiner selbst...

Brunner:    Zunächst einmal: Mein Verhältnis zur Natur sowie zur Natur- und Gedankenlyrik sehe ich keineswegs als unproblematisch; es ist vielmehr ziemlich intensiv durch die einschlägigen Probleme hindurchgegangen, bis jetzt dieses Buch auf dem Tisch liegt. Ich habe von der kühlen naturwissenschaftlichen Betrachtung über die Spielarten lyrischer Expressivität bis an die Celan'schen Ränder des Verstummens alles gründlich genug kennen gelernt, um mir jetzt auch das transparente, fast aphoristisch verknappte Naturgedicht leisten zu können. Ich denke, wenn man von dem, was sich wahrnehmen lässt, den dünnen und kurzlebigen Firnis des Kulturellen abkratzt, gelangt man nun einmal zu so etwas wie Natur: zu einer grundlegenden Matrix, auf der sich unsere existenziellen Bewegungen aufzeichnen. Das Sprechen darüber ist immer ein Vorgang kultureller Überformung; mit einem quasi-romantischen Naturbegriff hat das nichts zu tun. Den poetischen Zugriff auf die "Naturalie", auf das Tatsächliche außerhalb des Gedichts, hat Raoul Schrott im Nachwort meines Buches schön beschrieben, er spricht da von einem "Schritt aus der Sprache ins Reale", von einer "Nachbelichtung", einem "solarisierten Schattenrand", der jenseits der poetischen Selbstironie und auch jenseits der Verzweiflung an der Versatzsprachlichkeit des Gedichts, ohne diese je zu vergessen die Dinge wieder "so eindringlich nah wie einprägsam konkret" macht. Du hast Recht, das Gedicht verweist damit nachdrücklich auf etwas, das jenseits seiner selbst liegt. Ich halte nicht viel von einer literarischen Endlosschleife, die sich aus sich selbst speist. 

Was die Form betrifft, so ist in den lyrischen Dreischritten dieses Bandes zumindest dreierlei enthalten (lacht): Erstens eine gewisse Form der Ritualisierung, die es mir erlaubt hat, sehr unterschiedliche Sprachregister in beinah meditativer Zusammenschau in einen gemeinsamen lyrischen Duktus zu fassen. Zweitens ein Rest von Dialektik, der sich im Dreischritt so etwas wie eine Synthese anmaßt, den Mut zur radikal subjektiven Schlussfolgerung aus den disparaten Thesen und Antithesen, die jedes Sprechen bevölkern. Und drittens auch ein guter Schuss der schon erwähnten Selbstironie - der geheime Arbeitstitel des Manuskripts war immerhin "dreifaltige Gedichte".  

Als wesentliches Element, von dem bisher nicht die Rede war, tritt in diesen Gedichten auch das Musikalische hervor. Auch da habe ich das Glück, nach aus der intensiven eigener Anschauung oder Anhörung eines Musikstudiums sprechen zu dürfen. Mit Musik meine ich eine klangliche Qualität, nicht bloß in einem spielerischen oder musikantischen Sinn, sondern als primäres sinnliches Phänomen, dessen Eigenschwingungen wohl zum Persönlichsten, aber auch zum Universellsten gehören, das wir haben.

Ich möchte behaupten, dass dieses Buch damit bei aller Unmittelbarkeit gleichzeitig reflektierteste ist, das ich bisher geschrieben habe. Nach sieben Jahren Arbeit an einem Buch, das gerade einmal 93 zumeist sehr kurze Gedichte enthält, darf ich das wahrscheinlich sagen. Manchmal bezeichne ich Gedichte als "homöopathische Erzählungen" oder als "Destillate", und die Langsamkeit, mit der dieses Buch entstanden ist, spiegelt durchaus den Vorgang des beharrlichen Herausfilterns einer Essenz wider, jener eingedampften Substanz also, die du angesprochen hast.


Schmitzer: Die offensichtliche Reflektiertheit des Bandes unbenommen. Auch, dass "Natur", wie sie sich unter dem "Firnis" des Partikularen auffinden lässt, nur in kulturell überformter Weise "besprochen" werden kann, nebsamt den dazugehörigen Paradoxien, wird ja von den Texten mitreflektiert. Ich wollte nun aber gar nicht so sehr in Frage stellen, dass du an der äußerten Grenze dessen operierst, was Natur-/Gedanken-Lyrik ist und kann - das tust du in süßwasser weinen ganz klar. Anders gesagt: Ob du dieser ganzen Welt an Fragen und Problemstellungen gerecht wirst, die in dieser Tradition auftreten, wofern ihre Grundlagen zu Ende - zum dialektischen "Umschlagpunkt" sozusagen -  denkst, wollte ich gar nicht anzweifeln. Mir geht es mehr darum, dass mir die meditative Grundhaltung, dieser Textbegriff, der in Lyrik primär einen Königsweg zur Welt-istgleich-Selbsterkenntnis sieht, recht entkoppelt von aktuelleren Diskursen erscheint. Ich sehe da eine Behauptung, die ich mindestens problematisch finde: Vom "Wesen der Dinge", das, wie gebrochen auch immer, zugänglich wäre. Von "Zeitlosigkeit". Ein begriffliches Bezugssystem das alles, dem ich misstraue.

Brunner:     Dein Misstrauen in Ehren, ich teile es. Aber auf die Gefahr hin, dass man mir Arroganz oder Ignoranz vorwirft: Was wären denn bitte die großartigen Diskurse, die nicht über kurz oder lang zu dem Wesentlichen zurückführen, von dem ich - wie so viele Dichter vor und neben mir - im Gedicht zu sprechen versuche? Dass es die eine Erzählung, den einen Kern der Dinge nicht gibt, ist ja kein Naturproblem, sondern ein Denk- und Sprech- und Sprachproblem, ein Kulturproblem also, in dem wir verfangen sind. Zum Beispiel ist von den Ungeheuerlichkeiten eines Welle-Teilchen-Dualismus oder der Relativitätstheorie nicht etwa die Natur überfordert, sondern wir mit unseren hübschen kultivierten Gehirnen sind es zumeist. Die Frage ist also: Kann die Sprache irgendwie über ihre eigenen Ränder und über die Ränder unseres Denkens hinausschauen, kann das Gedicht über seine Ränder hinaus verweisen und, um mit Durs Grünbein zu sprechen, klüger werden, als sein Autor es ist? Zum Beispiel, nachdem sich die Selbstbezüglichkeit der Poesie gründlich und methodisch zu Schrott gefahren hat? In einer anderen Spielart ist die Frage ist ja alt: Sind noch Lieder zu singen jenseits der Menschen? Ich sage dazu nicht ja oder nein, sondern ja und nein. Genau darin liegt der Diskurs, der mich wirklich interessiert und der mir aktueller erscheint als so mancher andere. Ich gehe davon aus, dass es Wesentliches gibt, das das Gedicht nicht erfassen, sondern auf das es nur verweisen kann. Eine meditative Komponente hat das sicherlich, warum auch nicht. Warum sollte nicht auch Lyrik an jene Grenzen rühren, an die ein buddhistisches Koan oder die Quantenphysik rühren, an die letztlich jedes konsequente Weiterdenken rührt, das sich nicht von kleinlichen Bezugssystemen und partikulären Diskürschen beeindrucken lässt? Das ist ja nichts Neues, schon der erwähnte Raoul Schrott, der allerlei, aber sicher kein Mystiker ist, hat vor etlichen Jahren in seiner Grazer Poetikvorlesung über genau diesen Punkt gesprochen.

Schmitzer:     Dazu dreierlei: Erstens eine Verständnisfrage: Ob du es nämlich überhaupt erst mal für möglich hältst, dass sich 'die unvermeidliche Selbstbezüglichkeit der Poesie gründlich und methodisch zu Schrott' fährt? So weiterkommen zu können, wäre ja am ehesten die Hoffnung "konkreter Poesie". Zweitens Affirmation: Dass ich das schon sehe, wie das lyrische Ich von süßwasser weinen auf diesem schmalen Grat balanciert, zwischen den einander ausschließenden Umgangsweisen mit den radikalen Fragestellungen des Celan‘schen Schreibens; zwischen dem Ja und dem Nein zum Verstummen letztlich, auch, und gegengleich, dem Ja/Nein zur Moderne selbst. Drittens aber: Raoul Schrott kein Mystiker? Ja was denn sonst? Wobei die Frage auch allgemeiner gestellt werden kann - als eine nach deiner Einschätzung aktuell relevanter Strömungen und Protagonisten in der deutschsprachigen Lyrik.

Brunner:   Ad eins: Ja, das halte ich für möglich. Poesie kann, wenn sie sich entsprechend berserkerhaft abgearbeitet hat an ihrer eigenen Sprachlichkeit, tatsächlich wieder nachhaltig und ungebrochen auf Dinge verweisen, die außerhalb der Poesie liegen. Kann von ihnen erzählen, quasi erschöpft und glücklich. Eine Zeit lang schien das ja zu Recht unmöglich, aber manche aktuelle Lyrik hat, wie mir scheint, diese Unmöglichkeit hinter sich gelassen, freilich ohne sie ganz zu vergessen.

Ad zwei: Das ist für mich kein Balancieren; je schmäler dieser Grat sich scheinbar zuspitzt, desto breiter die Basis, auf der das Gedicht steht ... Da stülpt sich etwas um, invertiert sich: raus aus den Verengungen eines aristotelisch kategorisierten, katholisch gezüchtigten Denkens, hinein in das Paradoxe, das Sowohl-als-auch zeitgenössischer Wissenschaft, in die graduellen Wahrheiten einer Fuzzy Logic und in das "Zusammen des sich Ausschließenden", das schon Stefan George im Gedicht geortet hat.

Ad drei: Nein, als Mystiker würde ich Raoul nicht bezeichnen, dafür sehe ich keine Anhaltspunkte. Oder aber: Wenn er für dich ein Mystiker ist, dann bin ich es in einem ähnlichen Sinn wohl auch. Egal, das sind doch bloß Etikettierungsfragen.

Und schließlich zu den Strömungen: Man begegnet vielen Stimmen, vielen Sprechtemperaturen, viel Individuellem. Schwer und wenig hilfreich, das auf Strömungen herunterzubrechen. So wie es auch in der zeitgenössischen Musik kaum Strömungen, aber viel Strömendes gibt. Und natürlich viel Mist, Untertemperiertes oder künstlich Aufgeheiztes, hier wie dort. Ein Namedropping von sehr unterschiedlichen Protagonisten, die mir ohne Vollständigkeitsanspruch und ohne dingfesten Kriterienkatalog relevant erscheinen (die Reihenfolge spiegelt keine wertende Reihung wider), könnte enthalten: Michael Hamburger, Friederike Mayröcker, Cees Nooteboom, Michael Krüger, Peter Waterhouse von den Älteren; von den Jüngeren besonders Ron Winkler und sensible neue Stimmen wie zum Beispiel Uljana Wolf oder Ulrike Almut Sandig. Aber ganz ehrlich: Begeisterndes entdecke ich selten, vor allem hierzulande. Jetzt, da sich im Gedicht wieder auf die Welt und die Menschen zugehen ließe, erschöpft sich vieles in einer neokonservativen Nabelschau oder verkrampft sich in linken Posen, was für mich beides auf Stillstand hinausläuft. Ganz bestimmt habe ich aber auch zu wenig Zeit zum Lesen und übersehe manches, vor allem international, obwohl sich ja gerade Lyrik ziemlich effizient über Literaturzeitschriften und Anthologien sowie auf internationalen Festivals erfassen lässt.

Schmitzer:     Du hast es bereits angedeutet: Dein Denken ist zu gleichen Teilen in literarisch/musikalischen und in naturwissenschaftlichen Diskursen verankert. Ist auch, andersherum gedacht, deine Arbeit auf beide bezogen? Ist mithin Brunner'sche Literatur vom Selbstverständnis her ein Beitrag auch zur außerliterarischen Überbau-Tektonik?

Brunner:     Mir schwebt ein diskursübergreifendes Schreiben vor, das sich also, wie schon erwähnt, nicht allein aus dem literarischen Diskurs nährt und in diesem erschöpft, sondern die Erdung in einer breiteren existenziellen Basis sucht, offen für alle Diskurse, die geeignet sind, Existenz zu reflektieren. Natürlich schöpfe ich dabei gerne aus den Bereichen, in denen ich aufgrund meines persönlichen Bildungsweges über gut ausdifferenzierte Begrifflichkeiten verfüge. Das Ergebnis ist freilich Literatur und der Anspruch, damit direkt auf außerliterarische Bereiche rückzuwirken, schiene mir vermessen. Indirekt auf dem Weg, wie Literatur Bewusstsein verändern kann, scheinen mir solche Rückwirkungen allerdings möglich.

Schmitzer:     Leidvolle Erfahrung lehrt mich, dass professionelle Leser mit den jeweiligen speziellen Vokabel-Welten, über die ein Autor zusätzlich zur "bloß literarischen" verfügt, meist überfordert sind und in ihren Reflexionen (seien es Kritiken, Moderationen oder Interviews) oft auf jenem "kleinsten gemeinsamen Nenner" herumreiten, mit dem sie gerade eben noch umgehen können - m. a. W., dass ausdifferenziertes Vokabular aus anderen Bereichen als dem literarischen ein großes Potenzial zu Missverständnissen bietet. Wie beurteilst du den rezensentenseitigen Umgang mit süßwasser weinen und deinen anderen aktuellen Arbeiten?

Brunner:     Wenn ich vorhin "gut ausdifferenzierte Begrifflichkeiten" gesagt habe, dann meine ich damit nicht, dass ich meine Leser mit Fachvokabular drangsaliere. Das tue ich nur ausnahmsweise. Es geht eher um einen interdisziplinär erweiterten, in sich ruhenden Wahrnehmungs- und Sprachraum. Dieser wird von Rezensenten durchaus gewürdigt. Von "anderen Augen und Ohren" ist da die Rede, auch von einem "immer gelasseneren Zugriff auf die Sprache". Ich habe also den Eindruck, dass die Diskurserweiterung funktioniert und auch von denen, die sich die Mühe machen, als funktionierend wahrgenommen wird.

Schmitzer:    Danke für das Gespräch!