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über maltes und dörtes

Volker Strübings Schnellsprechprosa in Wort und Ton


Volker Strübing: Ein Ziegelstein für Dörte

Voland & Quist 2007

Rezensiert von: fritz gaigg


Nein, die Frage, was denn nun eigentlich „Marilpen“ sind, beantwortet Volker Strübing auch in seinem zweiten Buch #Ein Ziegelstein für Dörte# nicht. Das wird unzählige LeserInnen des irrwitzigen Debütromans #Das Paradies am Rande der Stadt# zutiefst enttäuschen, ist die Suche nach Wesen, Herkunft und Beschaffenheit der geradezu leitmotivisch in den Erstling eingewobenen Marilpen doch eine der letzten wahrlich maßgeblichen Fragestellungen der Literaturwissenschaft. Sei’s drum, zu viel Gram tut nicht Not, denn abgesehen von der Marilpen-Enttäuschung ist das neue Volker-Strübing-rundum-sorglos-Paket aus dem Hause Voland & Quist wieder Garant für kurzweilige Unterhaltung, und das sogar in multimedialer Form: Neben dem Buch, das auf 157 Seiten 23 kurze, für die Berliner Lesebühnen #LSD – Liebe Statt Drogen# und #Chaussee der Enthusiasten# verfasste Texte vereint, bekommt der/die geneigte KäuferIn wie bei allen Publikationen des in Dresden und Leipzig beheimateten Verlags auch noch eine CD oder DVD, im konkreten Fall eine CD mit 13 Audiotracks und 6 Videoclips. Natürlich könnte man sich derartiges Material mittlerweile auch bei youtube, auf Strübings Homepage oder sonstwo im Netz zusammenkramen, bequemer ist es mittels CD aber ohne Zweifel.

Das Konzept der dualen Veröffentlichungsform ist zudem auch ein unbestreitbarer Gewinn für die Publikation eines Literaturgenres (der Verlag nennt es „Liveliteratur“), das in erster Linie gelesen, performt oder gesungen werden soll und nicht notwendigerweise den Anspruch erhebt, als gedruckter Text zwischen Buchdeckeln zu erscheinen. Eine Literatur, die sich in der „Tradition der Barden und Minnesänger“ sieht, wie es der Berliner Lesebühnenautor Micha Ebeling in der #taz# formuliert hat, lebt naturgemäß in besonderem Ausmaß von der Vortragskunst ihrer AutorInnen. Das trifft auch auf Strübing zu, seines Zeichens Sieger der deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften des Jahres 2005 im Einzel- und 2006 gemeinsam mit Ebeling im Teambewerb. So unterhaltsam Strübings Texte nämlich beim Lesen auch sein mögen (und der Konjunktiv ist hier ein rein stilistischer Kunstgriff, denn die Texte sind zweifelsohne unterhaltsam), so schwer lässt sich der Wunsch unterdrücken, die Geschichten über einen sympathischen Verlierer in Strübings gewohnt wahnwitzigem Tempo von der Bühne aus um die Ohren gefetzt zu bekommen. Denn erst dann funktionieren die Texte in vollem Ausmaß und es lässt sich erahnen, warum Lesebühnen einen derartigen Boom erfahren, wie das in den letzten Jahren der Fall war. Und siehe da, durch die beigelegte CD geht dieser Wunsch zumindest bei einigen Texten tatsächlich in Erfüllung.

Doch zurück zum gedruckten Wort: In der (ungeschriebenen) Typologie der Liveliteratur wäre Strübing ein Vertreter der Hauptgattung „biographisch-unterhaltender Schnellsprechprosamann“. Wie andere VertreterInnen dieser Spezies verankert er seine Texte zunächst mit Vorliebe irgendwo in biographischen Gefilden (gerne wird die DDR-Kindheit herangezogen und alle entsprechenden Klischees bedient), um die Geschichten dann vor einem Erfahrungshorizont voranzutreiben, den viele LeserInnen oder ZuhörerInnen mit ihm teilen. So entstehen Geschichten über Fleischsalatmitbringsel für die Freundin, über traumatische Zugreisen und Tandemfallschirmsprünge oder die titelgebende Ziegelsteinattacke auf Dörte. Doch Strübing belässt es nicht bei der Aufbereitung des mehr oder weniger Alltäglichen, denn auch in fünfminütigen Bühnentexten lassen sich ähnlich durchgeknallte Szenarien entwerfen wie im #Paradies am Rande der Stadt#. Da kann es dann schon mal vorkommen, dass die morgendliche Dusche den Protagonisten direkt zu den Vorbereitungen zum 55. Jahrestag der DDR katapultiert oder sich der sechsjährige Sohn Malte, von dessen Existenz er eben erst erfahren hat, als extraterrestrischer Freak entpuppt, der sich für den Bau von Wasserstoffbomben und genetische Manipulation interessiert.

Auch wenn man also wahrscheinlich bis zum nächsten Buch warten muss, um endlich das Marilpen-Mysterium gelöst zu bekommen, beschert einem Strübings neues Buch einen äußerst kurzweiligen Leseabend. Und sofern man AutofahrerIn ist (oder zumindest einen CD-Player sein Eigen nennt), sogar noch eine kostenlose Lesebühnenlesestunde extra. Was will man eigentlich mehr?