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von klomuscheln und leichenbestattern

emily walton | von klomuscheln und leichenbestattern

Damit alles einen Model hat

Raum 212 im zweiten Stock. Stühle, Tische, in U-Form aufgestellt, eine Leinwand für Präsentationen. Gläser sind auf kleinen Tabletts angerichtet, Mineralwasser steht daneben.

Ein Besprechungszimmer? Ein Seminarraum? Nein, 212 im zweiten Stock der Heinestraße 38 im zweiten Wiener Bezirk ist ein Sitzungssaal. ON (österreichisches Normungsinstitut) prangt in blauen Buchstaben auf dem weißen Bürohaus mit rotem Dach. Saal wie Haus, beides ist unauffällig. Und heute leer. Denn wenn es hier wirklich zur Sache geht, ist für Besucher kein Zutritt. Dann, wenn es um die Qualität geht. Dann, wenn eine neue Norm geboren wird.

Über 20.000 Normen gibt es in Österreich, rund 3.000 kommen pro Jahr dazu. Denn: Spätestens nach fünf Jahren müssen Normen aktualisiert werden. 90 Prozent aller Ö-Normen werden aus Europanormen (EN) ¸benommen, die in 30 Ländern gültig sind. 40 Prozent all dieser Europanormen sind wiederum internationale Normen. ÖNORM EN ISO heißen dann die Qualitätssiegel, die sich unbemerkt in den Alltag einschleichen.

Klomuscheln, Matratzen, Wachsmalkreiden - für alles gibt es eine Norm. Wozu? Damit die Mutter sicher sein kann, dass die Stifte ihres Sohnes kräftig leuchten, die Sekretärin sich darauf verlassen kann, dass das A4-Papier tatsächlich in den Drucker passt, der Urlauber sorglos ist, weil die österreichische Bankomatkarte im französischen Geldautomaten funktioniert, und die Witwe weiß, dass der verstorbene Gatte richtig begraben wird. Ja, auch für Bestattungsdienstleistungen gibt es eine Norm.

„Genormt wird, was gebraucht wird“, sagt Johannes Stern, Sprecher des Normungsinstituts. Der Anstieg sei inflationär. Vor allem im Dienstleistungsbereich sei der Bedarf an Normen derzeit besonders groß. So gibt es für den Leichenbestatter, die Kosmetikerin und auch für den Call-Center-Mitarbeiter eine Norm. Wer gemäß ÖNORM 1020 telefonische Auskünfte gibt, ist nicht irgendwer, der einen Telefonhörer halten kann, sondern ein qualitätsgeprüfter Dienstleister.

Was die Klomuschel, der Leichenbestatter oder der Malstift nun genau können müssen, das wird in Räumen wie Zimmer 212 festgelegt. Vier Parteien sitzen dann auf den Stühlen, an den U-förmig aufgestellten Tischen, trinken Mineralwasser und so weiter.

„In der Kommission sitzen Vertreter aus der Wirtschaft, Verwaltung, Wissenschaft“, sagt Stern. „Und natürlich auch Konsumentenvertreter.“ Im Vorjahr wurden rund 5.600 Mitarbeiter in den verschiedenen Fachgremien gezählt. Manche von ihnen werden auch als „rot-weiß-rote“ Delegierte zu den europäischen und internationalen technischen Komitees entsandt. Wen es reize, in der ÖNORM-Kommission teilzunehmen, der könne einen Antrag ausfüllen, sagt Stern. Darin müsse man begründen, warum man sich für geeignet hält. Eine weitere Voraussetzung für die Teilnahme: Sitzfleisch. Denn der Weg zur Einigung ist nicht immer ein kurzer. Bis zu einem einstimmigen Beschluss, der für ÖNORMEN erforderlich ist, wird lange und oft getagt. „Binnen drei Jahren MUSS eine Norm aber feststehen“, sagt Stern. Nach dem ersten Entwurf gibt es eine sechswöchige Frist für Einsprüche beim Komiteemanager.

Diese Schnittstelle, den Komiteemanager also, stellt das Haus. 115 Personen arbeiten laut Stern beim österreichischen Normungsinstitut. „Sie koordinieren, protokollieren und bereiten vor“, sagt Stern über die Mitarbeiter des gemeinnützigen Vereins. Verkauft werden die Normen sowie dazugehörige Publikationen und Seminarangebote von der Austrian Standards Plus GmbH, einer Tochtergesellschaft. Im Webshop lässt sich damit jede Norm per Mausklick und Eingabe der Kreditkartennummer beziehen.

Um etwa beim Beispiel Call-Center zu bleiben: Wer 38,44 Euro investiert, kann den Normensatz 1020 als PDF herunterladen. Für 42,42 Euro gibt es den Schriftensatz auf Papier. „So können Unternehmer sehen, was verlangt wird, um sich mit einer Norm zu schmücken“, sagt Stern.

Ob ein Unternehmer normkonform sein will, das bleibt ihm selbst überlassen. Denn: Niemand ist verpflichtet, nach Normen zu produzieren. Und niemand ist verpflichtet, Genormtes zu kaufen. Wer möchte, der kann - vom Aufstehen bis zum Schlafengehen. Von der ÖNORM 20126 für Zahnbürsten, der ÖNORM 1605-6 für Matratzen. Eine Reportage wäre das bestimmt wert.