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war himmel, war boden, wir beide darauf

Beglückend gute Bücher der Lyrikpreisträger Ron Winkler und Ulrike Almut Sandig


Ron Winkler/Ulrike Almut Sandig: Fragmentierte Gewässer (Gedichte)/Streumen (Gedichte)

Berlin Verlag/Connewitzer Verlagsbuchhandlung 2007

Rezensiert von: helwig brunner


Das Gute an Rändern ist, dass man über sie hinausschauen kann, über den eigenen Tellerrand wie über den Alpenrand. In Sachen Lyrik lohnt sich derzeit besonders der Blick nach Deutschland. Schon der poetologische Diskurs wird dort reger geführt als in Österreich. Und die Qualität des Nachdenkens über Gedichte hat ihre Entsprechung in den Gedichten selbst. Kein Wunder also, dass auch die großen Lyrikwettbewerbe unseres Sprachraums meist fest in deutscher Hand sind.

Lyrikpreise mögen zwar, so Maik Lippert kürzlich am Rand einer Lesung in Graz, die Relevanz von Hühnerzüchterpreisen haben, die niemand anderer als die anderen Hühnerzüchter wirklich wahrnimmt. Im Fall des Wahlberliners Ron Winkler zeigt sich aber, dass renommierte Preise – Winkler hat den Leonce-und-Lena-Preis und den Mondseer Lyrikpreis erhalten – durchaus Karrierewege ebnen können. Nach drei Kleinverlagspublikationen folgte auf die beiden Preise der Band #Fragmentierte Gewässer# im Berlin Verlag. Auch die Ergebnisse seiner Arbeit als Übersetzer und Vermittler englischsprachiger Lyrik kann Winkler nun an bester Adresse platzieren; so hat er kürzlich die Anthologie #Schwerkraft#, eine Sammlung US-amerikanischer Lyrik, bei Jung und Jung herausgegeben.

Winklers #Fragmentierte Gewässer# dürfen schlichtweg als Idealfall neuer Lyrik bezeichnet werden. Liebevoll, frisch, von feinem Humor gefärbt spüren die Verse dem poetischen Wesen der Dinge nach („es regnete nie nur einmal pro Regen“) und freuen sich an der Lesbarkeit der Welt: „Die Pyramiden scheinen / einem Lehrbuch über Ästhetik entnommen.“ Seine entspannt präzise Sprache hält Winkler frei von der Befrachtung mit sprachskeptischen Skrupeln und dem Bemühen, „das Gedicht klüger zu machen, als sein Autor es ist“ (Durs Grünbein). Denn alles Klügelnde wird ironisch gebrochen: „Mutter war die erste variable Konstante, auf die wir trafen. / sie lebte in Ungleichung mit ihrem Mann.“ Mitunter lässt Winkler den Gestus des Gedichtemachens ruhen; dann bleiben federleichte Einzelsätze übrig, nicht minder poetisch als manche Notizen Peter Handkes.

Auch bei Ulrike Almut Sandig bestätigt der Lyrikpreis Meran Qualitäten, die beim Lesen ihres Bandes #Streumen# augen- und ohrenfällig werden. In einer fein ziselierten, aber ungekünstelten Sprache changieren ihre Verse zwischen zärtlich zarten Alltagstönen und dem unaufdringlich schönen Lied auf die Welt: „war himmel, war boden, wir beide darauf, / dazwischen flogen die vögel im schwarm, hoben auf, was uns festhielt.“ Russische Sprachsplitter lassen hier und da ein wenig Ostlicht in Sandigs Verse fallen, die wohl letzte mögliche Form indirekt reminiszierten DDR-Kolorits. Dass exzellente Lyrik wie diese in Kleinverlagen erscheint, spiegelt einerseits den geringen Marktwert der Literaturgattung wider, hat aber andererseits etwas erfrischend Widersetzliches und Anti-Elitäres. Abseits des kommerziellen Marktgeschreis kursieren verstreut bis versteckt jene Bändchen, die als kleine Preziosen das Bücherregal nur langsam, aber umso gewichtiger füllen.