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Martin Kolozs’ Erzählung „Die Geschichte geht so“ ist so wahr, wie jedes andere Märchen auch


Martin Kolozs: Die Geschichte geht so

Weitra: Bibliothek der Provinz 2005

Rezensiert von: brigitte radl


Wenn einer glaubt, das, was er selbst erlebt hat, vergessen zu können, liegt er falsch. Denn er ist Teil seiner Geschichte. Das wäre fast so, als würde er ein Buch in der Mitte zu lesen beginnen und glauben, er könne den Schluss trotzdem verstehen. Er müsste sich schon selbst vergessen, um nicht mehr Teil seiner Geschichte zu sein. Wichtig ist einzig und allein, dass sie fertig wird. Welchen Sinn hätte es für sie sonst gehabt, erzählt zu werden?

Martin Kolozs’ "Die Geschichte geht so" erzählt von einem alten Mann, der in einer kleinen, feuchten Innenstadtwohnung lebt und seit dem Tod seiner Frau Henriette sehr einsam ist. Der Psychiater kommt zu ihm um ein Gutachten zu erstellen, gerufen von einer vertrauten und doch merkwürdig fremden Stimme. Er hält den Alten für gleich irr wie die anderen Verrückten, mit denen er es täglich zu tun hat. Anscheinend lebt er in einer Fantasiewelt, die in keiner Karte verzeichnet ist, wo keine Straßen hinführen und deren Grenzen noch nicht gezogen wurden. Dort kann er sich in alles verwandeln, woran er denkt, ist einen Tag groß wie ein Riese, während er am nächsten aufrecht durch ein Schlüsselloch passt. Dass Fabelwesen und Märchengestalten tatsächlich existieren ist für ihn keine Frage. Den Umstand aber, dass sie unserer Welt nicht angehören, bestreitet er. Nach einer Weile jedoch beginnt der junge Arzt zu begreifen …

Der alte Zauberer lebt am Ufer eines silber-pechschwarzen Sees, noch hinter Sonne und Mond, brüllt mit dem Löwenzahn um die Wette, wenn er sich ärgert und trinkt kaltheißen Tau zum Frühstück. Manchmal fängt er sich abends einen hellen Stern als Leselicht vom Nachthimmel und bittet ihn, für ein Kapitel seines Buches zu bleiben. Er kann das Gras wachsen hören und den ganzen Tag so tun, als wäre er ein anderer. Eines Tages kommt ein junger Mann an den See, gerufen von einer vertrauten und doch merkwürdig fremden Stimme, und der Zauberer nimmt ihn als seinen Schüler auf, um ihm alles beizubringen, was er weiß. Als aber ein böser Gedanke seine Erinnerung stiehlt, beginnen seine ganze Welt und er selbst allmählich zu verblassen. Denn wer nur an die Vergangenheit denkt und Angst hat, mit ihr alles zu verlieren, macht sich keine Gedanken über die Zukunft mehr. Dabei gehören sie doch untrennbar zueinander, wie der Zauberer und die henriettenschöne weiße Frau aus dem Wald.

Martin Kolozs schnitzt in seiner Erzählung geduldig an sich nie wirklich schneidenden, aber dennoch voneinander abhängigen Parallelwelten, die Vergangenheit und Zukunft ineinander aufgehen lassen. Hinweise so klein wie Ameisenfußabdrücke und zunächst unbedeutend anmutende Motive, die sich mit einem wissenden Lächeln auf den Lippen dezent im Hintergrund halten, ermöglichen die Trennung von Erinnerung, Traum und Realität, auch wenn deren Kanten rund geschliffen sind wie glatte Steine im Flussbett. Ohne Scheu vor Perspektivenwechseln oder der Kürze seiner Erzählung führt der Autor den Leser auf eine verschlungene Spur, die gepflastert mit magischen Episoden und von Märchenfunken umgeben den Glauben an die eigenen Träume aus dem Dornröschenschlaf weckt. Man möchte selbst in der Zauberwelt mit den Nixen und Fischen im Mondenschein um die Wette schwimmen, in einen Esel verwandelt den Horizont unter den Hufen festhalten und gemeinsam mit dem Wind am Zaun Xylophon spielen. Und wenn man vorher tief Luft holt, um vollends in die geheimnisvolle Zauberwelt der Erzählung einzutauchen, erschließt sie sich von selbst und wird wahr. Denn wahr muss sie sein, sonst könnte man sie ja nicht erzählen.