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roland steiner | basta

Eine Reportage aus Italien

Totes Rot
Renato Biagettis Welt war rot, in einem Rot, wie es in Lauras Haar am Strand oft glänzte und in ihrem Herz für ihn pochte. Seine Welt war rot wie der Männerfußballverein, der nach ihm Renoize Calcio benannt werden wird, der ebenso freundschaftlich basierte Frauenfußballverein She-Reds und wie der Männerrugbyverein seines Bruders Paolo. So rot wie der Mehrspartenklub All Reds, das mütterliche Dach aller sportlichen Aktivitäten auf der vormaligen Pferderennbahn, hernach Hundehetzstätte und seit sieben Jahren besetzten, in jeder Hinsicht bespielbar entdürrten und selbstgeführten Laboratoriumsstruktur des römischen Prekariats, die Renato mit seinen Ingenieursfähigkeiten, seiner überbordenden Kreativität und seinem Naturempfinden zu konstruieren mithalf. Und rot war sie wie die herzkräftigen, ironischen und meinungsfesten, gestern wie morgen radikalen und wuternsten Spruchbänder auf den Mauern der weitläufigen Ovalanlage. Renatos Welt ist rot wie sein geschwungener Namenszug auf dem Oberarm seiner hennarot gesträhnten Mutter sich öffnen und leuchten, jäh schreien und sich zusammenziehen wird, weil da ein endgültiges Rot in sein Leben eingetreten ist, das niemand erwartete. „Totes Rot“, erfahre ich im Acrobax an der Via della Vasca Navale in San Paolo unter der Sechsspurbrücke, wo ich hinfuhr um zu wissen, wem das heutige Gedenkfest gilt. Renato war kein Militanter oder sonst wie öffentlich die kämpferische Auseinandersetzung suchender politischer Aktivist, erzählt Raffa, er frequentierte Orte in denen sein soziales Engagement ebenso geteilt wurde wie sein Sinn für Vergnügen. Und wenn das Rot in den Landesfarben Jamaikas, das Feuerrot im Signet des AS Roma, das Scheißrot links von der mauernden Mitte Italiens bei Wahlen und das Politrot der Banderolen im mit Computern und Teekannen gefüllten Tunnelsaal des Acrobax assoziiert wird mit dem Namen von Lauras Verlobten, dann, ja dann war der sechsundzwanzigjährige Renato Biagetti ein roter Römer. Ein Römer wie seine Verlobte Laura und sein Freund Paolo, die auf der Strandpromenade von Focene im römischen Küstenbezirk Fiumicino um fünf Uhr früh des 27. August 2006 entlang spazierten und sich auf die Heimfahrt in die nahe Kapitale machten, nachdem sie die Reggae Dancehall im von Parteisympathisanten der Kommunistischen Wiederbegründung geführten Strandlokal Buena Onda tanzend und lachend genossen hatten. „S’ Fest vorbei? Seid ihr aus Rom?! Was macht ihr dann noch hier, s’ nicht euer Terrain, haut ab nach Hause, ihr Scheißer“, riefen ihnen der siebzehnjährige G., ein guter Schüler der Leere, und der neunzehnjährige V., ein ebenso guter Hasslehrling Italiens und asoziales Egozentrum mit tätowiertem Keltenkreuz, die an der Einbahnstraße in einem Golf parkten, zu. „Steckt die Klingen weg“, antwortete Renato noch, als einer der beiden achtmal mit einem Messer auf seine Oberschenkelarterien und Brustorgane einstach, unmittelbar wie über vierzig Sekunden fortwährend. Im OP-Saal des Spitals von Ostia, in dem auch die Stiche in Paolos Rücken und Lauras Kampfspuren, die laut späterem Gerichtserkenntnis sage und schreibe vom selben Täter stammten, verarztet wurden, starb unser Renato. Die zwei Treffer ins Herz waren tödlich gewesen. Kaltblütig und vorsätzlich hätten die Angreifer agiert, heißt es in den Zeitungen kurz darauf, eine „Schlägerei unter Dummköpfen ob geringfügiger Motive mit tragischem Ausgang“, wird aber nur einen Tag später dieselbe Presse von rechts bis links der so genannten Mitte titeln und als für Aggressionen dieser Art benutztes Stereotyp den Politikern und Buchstabennachkriechern und Telewählern und Rechtsverdrehern in den Fellmund legen. Jene letzten Worte aus Renatos noch nicht schlauchrotem Mund hingegen, die er einem der Polizisten während der Fahrt ins Spital anvertraute, werden nicht zu den Gerichtsakten gelegt, weil dieser sie leider zu protokollieren vergisst und erst ein Jahr später aus der Erinnerung transkribieren muss. Obwohl Modell und Teile des Kennzeichen des Autos der flüchtenden Attentäter bekannt waren und auf ein einhundertfünfzig Meter vom Tatort registriertes passten, wo V. als Sohn eines der diese Untersuchungen leitenden Exekutiveinheit angehörenden Polizisten wohnt, mussten zweiundsiebzig Stunden vergehen, in denen die Attentäter sich im römischen Küstenland bewegten, zweiundsiebzig Stunden in denen Spuren verschmutzt und blutbeflecktes Gewand versteckt und Faktenversionen akkordiert wurden, ehe die Guten Schüler nach zweiundsiebzig Stunden, einer bereits in Anwesenheit seines Anwalts, verhaftet wurden. Am Tag nach dem Mord hatten sie in einem Reisebüro zwei Flugtickets nach Santo Domingo gekauft, nachdem ihnen diese Insel auf ihre Frage, welches Land keine Auslieferungsgenehmigung an Italien erteile, genannt worden war, und wurden vermutlich aufgrund des Reisebürotelefonats mit der Finanzpolizei später aufgespürt. Sie wären bloß auf jenem Reggaefest – „im bereits von Aggressoren mit tätowierten Keltenkreuzen angegriffenen Lokal“ – tanzen gewesen und hätten sich dann – „mit Messern, der Faschistenwaffe Numero Uno“ – gegenüber den Römern verteidigt, so die Aussage des V. Renatos obduzierter Körper aber wies weder Spuren eines Handgemenges noch irgendeiner gewalttätigen Reaktion auf. Vor Jahren hatte ein Junge im Acrobax einen Aschenbecher gegen Renatos Stirn geschleudert, die daraufhin mit fünf Stichen genäht werden musste, nachdem er seine Freunde mit den Worten: „Es ist ja nichts passiert“ beruhigt hatte. Lauras und Paolos Aussagen wurden im Gerichtssaal nicht gehört, weil für die Beweisführung als überflüssig befunden. „Da konnten Renatos Familie und Freunde und die Repräsentanten der Sozialzentren Acrobax und Strike und Forte Prenestino so laut wie sie wollten und nicht durften darauf beharren, die Maurer saßen hoch oben“, echauffiert sich Raffa noch heute und mir gegenüber, dessen Körper bereits fiebert. Ein knappes Jahr später reagierte die römische Stadtverwaltung im Namen des Bürgermeisters und stellte ebenso wie die italienische Partisanenvereinigung einen Antrag auf Einsetzung als Zivilrechtspartner, was vonseiten der Behörden abgelehnt wurde. Statt der von der Verteidigung geforderten einen Million für die Familie Renatos erhielt diese insgesamt einhundertzwanzigtausend Euro als provisorische Entschädigungssumme für ein rotes junges totes Leben zugesprochen, „und die in Raten“. Während der minderjährige Lehrling des Hasses vorerst nicht prozessiert unter elterlichem Hausarrest verblieb, wurde V. in erster Instanz wegen Totschlags zu fünfzehn statt staatsanwaltschaftlich geforderten vierundzwanzig Jahren Gefängnisstrafe verurteilt, da er die Behörden sein Messer finden hat lassen, vergraben im Küstenland zwischen Ostia und Fiumicino.

„Es hätte jeden treffen können, auch dich Weißkopfadler“, beendet Raffa seine Antwort und atmet aus. „Also kommst du heute aufs Fest für Renato“, fragt er rhetorisch.

„Aber ja“, sage ich, in Stand gekommen, sicher.

„Die Freiheit fällt nicht vom Himmel“, habe seine Schwester auf die Eingangsmauer des Sozialzentrums gemalt. Unter den Endbuchstaben der toten Weisheit parken zwei Mercedes-Kombis mit Pappkartons hinter allen Fenstern. Ein zehnjähriger Rom bedeutet Raffa, im besetzten Freiraum zu verschwinden und mir, abzuhauen.

 

Rot leben
Zwischen Ostia und Fiumicino, wo ein paar Monate vor Renatos Tod zwei linke Jugendliche begleitet vom gegrunzten Chor, „Ostia der Fiamma Tricolore“, zusammengeschlagen worden waren, fügt Paolo von der für soziale Rechte kämpfenden Agentur Action dem unverdauten Monolog hinzu, als wir am nächsten Tag im Zug nach Neapel sitzen. Im römischen Küstenland, wo ebenfalls 2006 ein Platz nach einer Eliteeinheit des Duce und ein Lokal neben dem Sitz der neofaschistischen Jugendaktion mit den in Zahlen umgewandelten Initialen Mussolinis benannt wurden. Gerade der sonnige Hintern der Kapitale ist Objekt der rechtsextremistischen Formationen und Rom eines der meist avancierten Zentren der gewalttätigen Eskalation dieser hooliganfaschistischen Rechten voll NS-Symbolik, die Brandattacken und Messerstechereien nährt gegen viele: Linke, Immigranten, Schwule Lesben Transgender, Sozialzentren und politische Sitze, Neger die stinken und Zigeuner die stehlen und Hindus die schänden und Moslems die morden und Juden überhaupt, denn alle Frauen sind kommunistische Homonutten. Dennoch sprach der römische Ex-Bürgermeister den Rechtsradikalen die zuerst von Familien besetzte und nunmehrige Zentralhöhle Casa Pound zu. Häuserbesetzungen, Sozialzentren, kulturelle Eigenproduktionen – alles von den linken Bewegungen kopierte Praktiken, bloß stellten die Glatzen und Anzugfaschisten allem das Präfix ‚Identität’ voran. „Von den Geschehnissen beim G8-Gipfel 2001 in Genua und den polizeilichen Molotows in der Diaz-Schule wirst du ja gehört haben, die Mutter des Getöteten und spätere Abgeordnete der Kommunistischen Wiederbegründung Heidi Giuliani hat sich auch in Renatos Prozess eingeschaltet“, fährt Paolo nahtlos fort. 2003 wurde in Mailand der sechsundzwanzigjährige sozial engagierte Arbeiter Davide „Dax“ Cesare erstochen, einer der mit Keltenkreuzen tätowierten und im brüderlichen Zuhause vor dem Duce errichteten Altar mit einem Rottweiler namens Rommel knienden Attentäter war erst siebzehn Jahre alt. 2004 wurden linke Jugendliche vor einem Mailänder Sozialzentrum mit Messerstichen attackiert und dem Tod nur durch Zufall entrissen. Und 2005 wurden in einem Turiner Sozialzentrum schlafende Jugendliche mit Messern angegriffen, tags darauf die Freunde der überlebt Habenden, die gegen die Aggression demonstrierten, von der Polizei verhaftet. Ebenfalls 2005 wurde am selben Scheißtag, an dem 1991 der neunzehnjährige Auro Bruni im römischen Sozialzentrum Corto Circuito mit Ketten geprügelt und verbrannt worden war, der Eingang des okkupierten Astra mit Sprengstoff zerstört, während „unter anderen wir von Action eine Versammlung abhielten“. Und abermals an einem brandheißen 19. Mai wird zwei Jahre später das Gedenkschild für den 1980 ermordeten Linksmilitanten Valerio Verbano angezündet. Der achtzehnjährige Federico Aldrovandi wird im September 2005 während einer ach so normalen Polizeikontrolle in Ferrara zu Tode geprügelt. Im selben Jahr und 2006 attackieren Naziskins, der rechtsextremen Fiamma Tricolore und der Forza Nuova nahe stehende Ultras und Neofaschisten in Verona politische Antagonisten eines okkupierten Sozialzentrums, des Weiteren Süditaliener und Roma-Verteidiger und linke Politiker mit Messern, Schlägen und Molotows. Im Oktober 2007 kommt es während eines Rockkonzertes im römischen Park Villa Ada zu einem regelrechten „Nazi Raid“, ebenso mit Messern attackiert wird ein Junge im besetzten Sozialzentrum Casal Bertone … ein paar Monate später wird in Meran gegen achtundsiebzig Naziskins vorgegangen, die sich auf die Südtiroler Terrorgruppe „Ein Tirol“ bezogen. Erst kürzlich, am 1. Mai 2008, wird in Verona der neunundzwanzigjährige Nicola Tommasoli von fünf Neofaschisten zu Tode geprügelt, weil er und seine ebenso nicht zigeunerischen, weißen, nicht immigrierten, nicht kommunistischen und nicht schwulen zwei Freunde ihnen keine Zigarette abgegeben haben, einer der Angreifer war Kandidat der rechtsextremistischen Forza Nuova bei den Wahlen im Jahr zuvor. Und wenn man nur die in lokalen und nationalen Zeitungen zwischen Jänner 2005 und April 2008 ausgewiesenen neofaschistischen Gewaltakte zählt, kommt man auf 262, so Paolo.

BASTA, lesen wir an einem aufgelassenen Bahnhofsgebäude. Der von den Feldern ins Zugabteil gewehte Gestank ist mittlerweile unerträglich geworden. „Hast du Gomorrha, die Verfilmung von Roberto Savianos Bestseller, gesehen? Die Mülltonnen des Nordens faulen.“


Guten Morgen. Autonomie
Paolo, einer der Recherchestützen meines Romans Guten Morgen. Autonomie, führt mich durch seinen Kosmos – von San Lorenzo, Rom, nach San Lorenzo, Neapel. Mühselig durchqueren wir den Markt für alles, aber vorwiegend Pornofilmschnäppchen an der Via Mancini und die zwecks U-Bahnstationsarbeiten aufgerissenen Plätze und bummeln schließlich über den sterilisierten Kirchenpfad voller Sehenswürdigkeiten Seinesgleichen. Auf der Piazza del Plebiscito lässt ein Soldat drei Jugendliche die abzubauende Musikfestivalbühne erklimmen, Jurisprudenz und anders gewandte Klugheiten dominieren das Universitätsviertel. Die für „Autonomie des Südens“ werbenden Plakate überlappen jene gemalten Zeugnisse der historischen Arbeiterautonomie, die hier der Camorra wegen nie Fuß fasste. Mit „BASTA!“ rufen gezeichnete Affenmenschen zum Konsumverzicht auf. Paolo grüßt eine hagere Blonde, die von drei Riesenkötern flankiert um Spenden für ein selbstbestimmtes Leben bittet, ihrem Pappschild ist etwas von „Ökofeminismus“ zu entnehmen. Wir steigen die Gassen der Quartieri Spagnoli hoch, als ein erstbester Polizist mich anspricht, was ich denn hier wolle. Da ich die Frage nicht verstehe, antwortet ihm Paolo: „Hör mal zu, er ist blond, dein Haar brünett, und weißt du, was dich das angeht? Dasselbe, was dein Berluskaiser mich kann!“ An der Piazza Baracche, einer Lichtung inmitten der abbröckelnden Häuserschatten und zwitschernden Käfigvögel, besuchen wir die Leute der Kulturvereinigung Sabu. Sie erzählen uns, dass jenes von ihnen über ein halbes Jahr mit Schülern geplante Theaterstück heute, einen Tag vor der Aufführung, abgesagt wurde, da die Eltern ihren schauspielernden Kindern verboten haben, T-Shirts gegen die Camorra zu tragen. Eine Madonna in Neon knistert, vom zweiten Stock eines angrenzenden Gebäudes wird ein Balkon abgestemmt und wir, mit rauchenden Kaffeetassen und Zigaretten in der Hand, schauen in die von Diego Miedo applizierten Mauergemälde. Am Fußweg zum Hafen telefoniert Paolo mit seinen Kumpanen der Officina 99, deretwegen er mich nach Neapel begleitete, während ich überlege, wie man die sozialrote Praxis Italiens den auf Linearität trainierten Popfetischisten zwischen Graz und Hildesheim klarmachen könnte. Am ausfransenden Betonrund, von dem die gestriegelten Rasenflächen zum Rathaus hinaufführen, bleiben wir stehen: „Das Soziale ist demokratisch, die Repression staatlich / Arbeit sofort / Soziales Zentrum des unnachgiebigen Subproletariates“. Vor diesen, an künftige U-Bahnschachtabgänge geklebten Plakaten gestikulieren etwa 200 erregte Frauen und Kinder, die zu einer Manifestation vors Amt drängen. Im Sommer war ein Großsiedlungsgebäude aus bis dato ungeklärten Gründen abgebrannt, den einkommensschwachen italienischen Familien wurde eine Ersatzunterkunft in einer hiesigen Volksschule gewährt, Migranten wurden auf zivilgesellschaftliche Einrichtungen verteilt. Nun, Monate später, wurde ob des Beginns des Schuljahres dieser Raum zur ursprünglichen Verwendung benötigt, die versprochenen Ersatzheime der möglicherweise durch Brandstiftung obdachlos Gewordenen waren nie gebaut worden. Inmitten der protestierenden Gesellschaftshälften – subproletarische versus bürgerliche Mütter – stehen in der Schule tätige rotwangige Schwestern Christi, die zu beruhigen versuchen. Paolo erkennt seine über den Platz verteilten Bekannten, die wir aus anderem Anlass im Radio Lina treffen wollten, telefonisch. Er zeigt auf die näher zum Eingang des imposanten Stadtregierungsgebäudes rückenden Soldaten und Spezialpolizisten und kritzelt mir die Adresse des Officina 99 auf die Hand. Ich fahre mit der Linie Circumvesuviana, steige am Schnellbahnhof der Via Gianturco aus und finde das Sozialzentrum anhand des für diese italienische Gesellschaft üblichen Postulats „Nur der Kampf zählt“. Claudia wartete tatsächlich dort, anstatt den Protest der verarschten Frauen mit ihrem einprägsamen Organ zu unterstützen. Schäbig fühle ich mich, „ach wieso, Weißköpfchen, einer muss ja die Scheune offen halten“, sagt sie mit ironischem Blick. Unter einem gesprayten Rastakopf unterhalten wir uns über Autonomie und Eskalation, rote Leben und Tote, die Nivellierung von „auch körperlichen Niederlagen“ unter der dritten Telekratie Berlusconis. Dann ruft Paolo an, um mich auf den letztmöglichen Zug hinzuweisen, der die Teilnahme an Renatos Gedenkfest in Rom erlaubt. Er könne nicht mitkommen, denn „hier ist Kampf“.

 

Basta
„Wer glaubt uns aufzuhalten, wird uns in Bewegung sehen, wer glaubt uns zum Schweigen zu bringen, wird uns schreien hören – Carlo Dax Aldro Renato“. Das gesprayte, von selbstironisch gezeichneten Jugendlichen gehaltene Transparent leuchtet von der Mauer der Metrostation Basilica San Marco, ein böse blickendes Halbgesicht weist auf Renatos Gedenkfest hin. Am Weg zum Parco Schuster, einer von Koniferen gesäumten und einer marmornen Promenade durchschnittenen Rasenanlage hinter der imposanten Kirche, treffe ich auf adrette Skinheads vor einer Burgerkaschemme und gelangweilte Carabinieri vor Mannschaftswägen. Noch ist es hell und der Besuch ein spärlicher, die erste Band plagt sich durch eine Aneinanderreihung alter Phrasen im Akustikset. Vor dem Infostand von Radio Onda Rossa steht Giangi, das historische Gewissen des seit 1977 sendenden Autonomieradios. Der Park füllt sich mit jedem Bandauftritt, am meisten ziehen die jungen Rapper Bestie Rare und die experimentelle Hardcoretruppe Rancore, dann öffnet der Essenstand: Couscous, Melonen und Großmütterkuchen zum solidarischen Preis, deren Duft sich mit den Marihuanawolken vermengt. Inzwischen ist es dunkel geworden, von der Videowand flimmern Portraits von Renato Biagetti, lachend mit seiner Verlobten, an der Arbeit im Acrobax, im Urlaub mit Mutter und Bruder. Vor dem Foto des eingeschlagenen Schädels des 18-jährigen Aldrovandi flackern Kerzen. Dann wird der Mahnbrief von Renatos Mutter verlesen: Bedrückung, Wut, Trauer, Sehnsucht und Lebensfreude legen sich über den stillen Park, auch der breitschultrige, mehrmals inhaftiert gewesene Ex-Autonome Massimo weint. Als ich den Park gegen zwei Uhr nachts verlasse, ist die Polizei längst verschwunden, ein Bomberjackengrüppchen trinkt Bier am Westeingang der Basilica.

Zehn Stunden später höre ich auf Radio Città Aperta, was etwa dreißig Minuten nach meinem Abgang geschah. In der zwischen Parco Schuster und der Wirtschaftsfakultät gelegenen Via Ostiense wurden drei Festbesucher von jungen Rechtsextremisten mit Messern schwer verletzt. Auf You Tube ist laut Renatos Mutter Stefania Zuccari ein Video aufgetaucht, in dem 40 Skinheads der von Renatos Bruder Paolo trainierten Rugbymannschaft des Acrobax drohen – „BASTA! Einen zweiten Sohn werde ich nicht begraben.“