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befremdetes leben

Beobachtete Paarungen bar von Barcodes und Arschgeweihen


Roland Steiner: Unter Haltungen – Stehend

Arovell 2008

Rezensiert von: andrea stift


Manche Rezensionen lesen sich, als wäre der Rezensent um den Text herumgeschlichen wie eine Katze um den heißen Brei. Sie werden mit persönlichen Daten des Autors eingeleitet, Preise, bisherige Veröffentlichungen: Alles, nur um nicht vom Text schreiben zu müssen. Texte von Roland Steiner lassen sich nicht einfach mal so schnell rezensieren, sie bieten sich dafür an, um sie herumzuschleichen.
„Prosa“ untertitelt sich sein erstes Buch mit dem Titel Unter Haltungen - Stehend, das im Vorjahr im kleinen Arovell-Verlag erschienen ist, aus dreizehn mal Kurzprosa besteht es. Diese Kurzprosa ist inhaltlich kaum verbunden, dafür formal und stilistisch. Aus dem Leben gegriffene, in Karikaturen und Zerrbilder umgewandelte Szenerien eines befremdeten Lebens. Thematisch spannt sich der Bogen von den Anstößen einer Familiengeschichte irgendwo in einem Bergbaugebiet bis hin zur Wartezimmeridylle mit gebrochenem Nasenbein. Trakl bekommt einen Text ganz für sich allein.
Roland Steiners Sprache ist anders, anfangs nur mit dem Willen zur Konzentration erfassbar. Vielleicht erklärt die Tatsache, dass man seine Texte nicht nebenbei lesen kann, dass man zur Rezeption ein Mindestmaß an Aufmerksamkeit aufbringen muss, eine allzu schnelle Abstempelung mit dem Adjektiv „schwierig“ oder auch, dass es zu seinem Buch bislang wenige Rezensionen gibt: Traut sich ja kaum wer drüber.
Aber gerade diese Sprache, die verstörende Bilder mit lapidarer Nonchalance zu beschreiben in der Lage ist und dabei mit Wortneubildungen und Mut zu Satzverschachtelungen nicht spart, macht dieses Buch so reizvoll. Was den Leser teils herausfordert, teils erschreckt, sind starke, detailreiche Bilder in harter, manchmal stakkatoartiger Sprache:
„Viele Jahre waren wir einander Zellen. Darin verstarb einer, verlandschaftete. Einer vielleicht mag sich durchs Gewölk ans Licht geschlängelt haben, wo erfüllte Wünsche die Endzeichnung berieten.“
Steiners Graben durch verquere Beziehungen verschiedenster Art – Paarbeziehung, (Groß-)Eltern-Kind oder auch Mensch-Tier – führt oft unerwartet an Stellen mit scharfzüngigem Witz. Anspieltipp, vielleicht schon fast zu greifbar, jedoch zügig und witzig zu lesen: (Platons) Ehen, ein Text, in dem Steiner mit Gegenwartsvokabular aus Internet, Medien, PR und Politik gekonnt die herrschende Praxis rund um Asylgebung, Schubhaft und Scheinehenverdächtigungen aufs Korn nimmt:

Halt! Zwei Kopftuchlose gehen es im Badezimmer an. Ich stöpsle den Mp3-Player aus, zoome die Kamera ins Fenster gegenüber und spreche für den mithörenden Richter extra laut ins Laptopmikrofon, was ich sehe: -Männliches Objekt 341 nimmt weibliches Objekt 291 von hinten, beide ohne Barcodes und Arschgeweihe.

In einer Zeit, in der sich Jungautoren wie die Lemminge in kreuzbraves und retrofrommes Schreiben stürzen, um von einem weichgespülten Publikum gelesen, besser, gekauft zu werden, muss es Platz und Anerkennung geben für die wenigen Autoren, denen der Markt am Arsch vorbei geht. Möge Roland Steiner seine Schreibweisen nie einem Publikum anbiedern müssen.