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comandante blue base pusher I

Über das aktuelle Programm des Ritter-Verlages


D. Holland-Moritz: Fan Base Pusher. . Notizen aus der Peripherie 2002-2005

Ritter 2008

Rezensiert von: stefan schmitzer


Ich machs mir leicht und gebe es gleich zu, dann ist das erledigt: Ja, parteiisch bin ich. Es handelt sich bei den zu rezensierenden Büchern, beim Kern des Ritter-Verlagsprogramms für Herbst ‘08, sämtlich um Bücher „der perspektive-Kollegen“ (Zitat Werner schreibkraft Schandor, desselben, der auch den schlechten Einfluss des nämlichen Dunstkreises auf den Stil meiner Rezensionen beklagt hat). Nichtsdestoweniger: Bear with me, reader! Es folgt der Versuch, die Parteilichkeit nachvollziehbar und am Text zu begründen – starring in alphabetical order.

Fan Base Pusher
. Neues aus der Peripherie von D. Holland-Moritz funktioniert leidlich als Erzählung, gut als wohlgefügter Momentaufnahmen-Stream und hervorragend als Angriff auf die glatten Strickmuster des Berlin-Hypes (Sie erinnern sich: all die Bücher, die v. a. zum Thema hatten, dass ihr Autor/Subjekt jetzt in Berlin lebt, lauter hippe Dinge tut und nebenbei spätexistenzialistische Conditio-Humana-Prosa generiert ...). Warum ich Ihnen, LeserIn, da ex negativo komme? – Der Bezug auf den Hype drängt sich stark genug auf; er weigert sich hinreichend, beim Lesen zu verschwinden, dass ich als Kenner des Könners Holland-Moritz schließen muss, dass er planvoll appliziert ist.
Doch der Band macht auch ohne den diskursanalytischen Zugang Spaß. Es liegt der innere Monolog eines Veteranen der Eckkneipen, der Subkulturen und der ... interessanten ... Substanzen vor. Tonfall und Szenenauswahl der auch alinear rezipierbaren Arbeit verklammern überraschend gut ihre auf den ersten Blick inhomogenen Elemente: Das Anekdotengeplauder mit so unbestimmtem Sprecher wie Adressaten; die reflexiven Abschnitte zwischen besoffener und kenntnisreich diskursiver Rede; die Momente von politischer Kolportage und galligem Gonzo-Journalismus; schließlich die Abschnitte, in denen eins davon ins nächste kippt.
Der Begriff der „Peripherie“ im Titel ist dabei nicht nur Kritik am wichtigtuerischen Metropolengetue. Er verweist auch darauf, dass das Begriffspaar Peripherie/Metropole mal eine ganz andere Funktion hatte als die, Lifestyle-Distinktionen zu markieren; dass es mal Bestandteil einer Sprache war, in der emanzipatorische Strategiedebatten sich führen ließen – und bekanntlich kam in jener Sprache gerade der Peripherie zu, der Ort zu sein, von dem gesellschaftliche Veränderung ausgehen würde. Peripherie, das war mal, wo geplündert wird, was in der Metropole sich ansammelt, wo revolutionäre Positionen ggf. mehrheitsfähig werden können ... Im Licht des Wortes „Peripherie“ wird dieser Band, der zunächst nur das Umherschweifen durch Berlin (gelegentlich auch Hamburg, seltener das Gebüsch dazwischen) behandelt, zu einer Arbeit über historisch veränderliche Dispositive von Bewusstsein, Vorstellungsvermögen und Zurechnungsfähigkeit.