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comandante blue base pusher II

Über das aktuelle Programm des Ritter-Verlages


Ralf B. Korte: D’Annunzio. D’Annunzio. Semisphären zum Commandante

Ritter^ 2008

Rezensiert von: stefan schmitzer


D’Annunzio. D’Annunzio. Semisphären zum Commandante von Ralf B. Korte ist eine Annäherung an die Figur des Poeten, Flugpioniers und protofaschistischen Freischärlerführers Gabriele D’Annunzio. Es ist außerdem eine reichlich traurige Liebesgeschichte, ein Versuch in europäischer Kriegsgeschichte und schließlich ein Wühlen in den Wurzeln der Faschismen Italiens und Deutschlands.
Wir beobachten das Textsubjekt, ein „Du“ ohne Namen, auf zwei Reisen, die an die zwei wichtigsten Orte der Biografie D’Annunzios führen: Den Gardasee zum einen, aus dessen Umgebung er 1918 auf einen symbolträchtigen Flug aufbrach und wo er seinen Alterssitz hatte; Rijeka zum anderen, zu D’Annunzios Zeiten Fiume, das von ihm in den Nachwehen des Ersten Weltkriegs zu einer Art Freibeuterrepublik erklärt wurde, einer Laborumgebung für die elitär-anarchischen Ideologeme, die später zum italienischen Faschismus gerinnen würden.
In der ersten „Semisphäre“ beobachten wir jemanden auf einer Reise an den Gardasee, der die Frage zu klären versucht, warum er eigentlich hier ist, und sich immer wieder in einem Netz aus Erinnerungen, Anekdoten, historischen Details und Alltagsbeobachtungen verliert. Der Stream, dem wir folgen, umkreist im weiteren Sinn den Zusammenhang von persönlicher und Weltgeschichte; enger gefasst die Frage, wie das „Du“ in die Situation zwischen „die Du begleitest“ und der abwesenden „Giulia“, „die Deine Frau war“, kam; letztlich, wie tragfähig sein Lebensentwurf ist. In der zweiten Semisphäre folgt das „Du“ einem Brief, in dem „Giulia“ mit Selbstmord droht, nach Rijeka/Fiume, wo 1919-22
D’Annunzio mit seiner zusammengewürfelten Soldateska gehaust hat. Hier kippt der Stream eindeutiger zwischen Jetzt und Damals hin und her: Das Du jetzt in Rijeka, und das Du als Soldat in Fiume, der das Ablaufen der absehbarerweise begrenzten Zeit der „Republik“ erlebt.
Beides zusammen klingt in der Paraphrase (und auf den ersten paar Seiten) zwar nach metareflexiven Mätzchen und also dünn, schafft es aber, zugleich „oberflächlich“ spannend zu sein und „eine Etage tiefer“ die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts als Geschichte des Faschismus zu entwerfen, seiner Vorformen und Nachwehen, seiner unterschwelligen Einflüsse bis heute. Womit ein doch recht hoher Anspruch erfüllt ist.