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comandante blue base pusher III

Über das aktuelle Programm des Ritter-Verlages


Sophie Reyer: Baby Blue Eyes

Ritter 2008

Rezensiert von: stefan schmitzer


Über Sophie Reyers Baby Blue Eyes schließlich wurde bereits viel gesagt. Über ihre Jugend wurde geredet, Vergleiche gezogen, die blöde Frage nach dem Autobiografischen gestellt. Ad Fontes: Es macht die Atmosphäre von Baby Blue Eyes aus, dass die Subjekte (Plural) vollständig in ihren Körpern verortet sind, nirgends sonst, und dass ihre Sprache uns zwingt, diese Verortung mitzuvollziehen; dass dieser Subjektstatus dabei brüchig ist und auch so erlebt wird; dass Ego und Sprache hier als Funktionen der Verdauungs-, Wahrnehmungs- und Fortpflanzungsapparate der Körper erscheinen. Entsprechend existiert die soziale Ebene bloß zufällig und ungeplant: Die Möglichkeit zu Verständigung ist, wo gegeben, plötzlich und überraschend.
Sprechen wir von einem Beziehungsbuch, machen wir es uns zu leicht, versuchen durch oberflächliche Lesart, dem Zwang zu entgehen, den der Text ausübt, wenn wir ihm einmal folgen: Dem Zwang, „feinere“ Emotionen als Symptom simplen Körpergeschehens mitzuerleben. Lesen wir das Buch aber – dementsprechend – als „Körperbuch“ in der Tradition einer Verena Stefan oder, ja, einer Jelinek, entgeht uns die andere, diese „Beziehungs“-Ebene, die nicht aus der Nähe, bloß „in Draufsicht“ funktioniert, und die in geradezu klassischer Weise, „neutral“, eine Story abbildet. Das Gebilde lässt sich nicht festlegen. Es changiert. Es tut dies auch gemäß einer irgendwann geforderten Einheit von Form und Inhalt; auch, aber nicht nur. Das Changieren betrifft die möglichen Lesarten des Inhaltes selbst mit.
Reyer leistet hier eine Politisierung des Körperlichen in der Literatur, nicht in Anlehnung an, sondern als Gegenmodell zu der schon bemühten Nobelpreis-Prosa: Politisierung wird von ihr nicht durch Kontexte und Überzeichnungen hergestellt, sondern ist immer schon da: Im gebrochenen Atem, in Bewegungsmustern, verspannten Muskeln und in der Art, wie all das Teil einer Umgebung ist: Zunächst des ganzen Körpers, dann der Körper im Raum rundherum, ihrer Berührungen und Sprachen.