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der anfang von zwölf dingen, die nicht genug sind

martina ernst | der anfang von zwölf dingen, die nicht genug sind

Liebe Anglerfreunde, schon mal darüber nachgedacht, dass der Köderfisch an deinem Angelhaken die ganze Zeit, während er im Wasser baumelt, davon träumt in die Freiheit zu schwimmen? Das Einzige, was ihn von der Erfüllung seines Traumes abhält, bist du und der Haken. Du als Mensch sitzt derweil auf deinem Anglerstuhl und denkst darüber nach, wie du dein Leben zum Positiven verändern kannst. Wie kannst du der Enge entkommen, die dich umgibt, dem Korsett der Zeit? Welche Wege willst du gehen? Wie entscheidest du dich jetzt und heute für die Zukunft? Oder bleibt alles beim Alten? Du genießt den Blick in die Natur, die Weite, die Möglichkeiten, die sich dir bieten, von denen vielleicht schon einige langsam verschütten, ohne dass du es bemerkst. Der Fisch versucht es in jede Richtung. Vielleicht gibt er bald auf, gerade während du Hoffnung schöpfst. Vielleicht sieht er etwas, was ihn reizt hinterher zu schwimmen. Er versucht es und vergisst für einen kurzen Moment den Angelhaken, bis er ihm schmerzlich bewusst wird. Kann ein Fisch denken oder ist es nur ein untrügliches Gefühl, das ihn vorantreibt? Was ist, wenn der Große schon auf ihn zuschwimmt? Du kriegst es erst mit, wenn er zappelt. Du weiß nichts davon, was vorher passiert. Vielleicht interessiert es dich nicht. Ein vorbeihinkender Vergleich, den du völlig absurd findest, weil du noch nie darüber nachgedacht hast. Warum auch? Der Köderfisch soll ködern, mehr nicht. Ein bisschen Bewegung, Zappeln kann nicht schaden. Irgendetwas treibt dich zum See, zum Fluss, in die Natur. Die Freiheit? Der Gedanke daran? Das Ausbrechen aus dem Alltag? Dein Hobby?

Es ist still, du lauschst nach Geräuschen, versucht etwas zu entdecken. Du weiß nicht was, vielleicht irgendetwas. Einen Schwan, einen Eisvogel. Zuhause wartet jemand, der erwartet etwas. Was du tust, ist nie genug. Manchmal redet ihr aneinander vorbei, eigentlich immer. Du überlegst, was du dir wünschst. Bis du zufrieden, glücklich? Wer ist derjenige eigentlich, der mit dir lebt. Sie hat dir Zettel geschrieben, was du tun sollst. Nur ein paar Worte. Mindestens zwei Seiten in einem Buch lesen oder sie ins Kino einladen. Du hast eines deiner Bücher mitgenommen. Es liegt in der Angeltasche. Jetzt wo du daran denkst, holst du es raus und gibst dir Mühe, dich auf die Zeilen zu konzentrieren. Auf Kino hast du keine Lust. Du hättest auch schummeln können. Nichts da! Der Fisch schwimmt in seinem Radius. Das Wasser wirft nur wenig Wellen. Du denkst daran, ihr einen Hund zu kaufen, aus dem Tierheim. So viele Schicksale, um eines kann sie sich kümmern. Sie wird sich freuen. Statt Blumen etwas zum Schmusen. Einen, der sich schon benehmen kann, vielleicht nur etwas ängstlich ist, wegen der Vorkommnisse. Nach dem Angeln fährst du hin. Liegt auf dem Weg. Schließlich habt ihr heute Zweijähriges. Du überlegst, wonach du gehen sollst, bei der Auswahl. Mittlere Größe, treue Augen, kein Schoßhund. Einer mit dem man kämpfen kann und spielen, im Wald laufen, Sport treiben. Die Jacke ist schon ein bisschen eng geworden. Mit den Haaren ist es nicht mehr weit her. Eigentlich wollte dich dein Kumpel begleiten, musste aber Zuhause einrücken. Das hättest du dir nicht gefallen lassen. Natürlich hat es etwas Trara gegeben, wegen dem Zweijährigen. Am Ende hat sie es akzeptiert.

Im Wasser tut sich etwas. Fast hätte er gedacht, der neue Hund wäre baden gegangen, dabei ist er noch gar nicht da. Der Fisch schnappt zu und lässt wieder los. Teufel noch mal, so ein schlaues Viech, hat er lange nicht mehr erlebt! Er holt den Köderfisch ein. Keine offene Wunde, keine Blessuren zu sehen. Maul auf und im letzten Moment kapiert, was los ist. Er schüttelt den Kopf, setzt den zappelnden Fisch wieder ins Wasser. Ein paar Wildgänse fliegen vorbei. Es ist kalt, aber der Tarnanzug wärmt. Niemand unterwegs. Ist keine Ecke für Spaziergänger, für lautes Reden. Er packt die Thermoskanne aus. Tee rinnt die Kehle runter. Kaffee ist zu stark. Wann hat er das letzte Mal etwas gemacht, das ihn selbst verwundert hat? Das Leben als Routine? Zögernd sucht er nach Ideen. Das mit den Ideen hat er lange nicht mehr gemacht. Etwas hat sich eingefahren. Übertreibung? Wohl kaum. Er hätte auch an eine andere Stelle fahren können. Vorher sortiert man aus, was einem nicht gefällt. Nicht nachher. Es macht ihm nichts aus, sein Gepäck weit zu schleppen. Wenn der Ort gut ist, sich eignet für die Jagd nach dem größten Fisch. Oder der Ausblick ist es wert. Einfach so. Das Drumherum eben. Sie müssen an Heizung und Strom sparen. Zuhause. Die Preise reißen ein Loch in die Freiheit. Das ist zu spüren. Das Gefühl, es irgendwann nicht mehr zahlen zu können. Vielleicht nur eine dämliche, unbegründete Angst? Sie liegt ihm in den Ohren, macht das Licht aus. Kerzen brennen. Er hat immer Angst, dass etwas abbrennt. Sie hat schon mal eine Herdplatte angelassen, eine Kerze auch. Alles gleich schlimm! Er kennt das Gefühl etwas zu vergessen. Das mit den Zetteln ist lieb gemeint. Sie fragt, ob sie dieses Jahr spenden wollen. Nicht viel oder überhaupt nicht. Die Daueraufträge sind gekündigt. Versicherungen, Hausrat-, Unfall-, Lebensversicherung, Riesterrente. Alles fällt weg und gibt Luft für die Freiheit. Der Fisch schwimmt immer noch. Ein paar Luftblasen steigen hoch. So nah an der Oberfläche soll er gar nicht sein.

Der Stuhl wackelt. Er wickelt sein Wurstbrötchen aus, beißt hinein. Seine Firma könnte schließen, von heute auf morgen. Vier sind schon gegangen worden. Zuletzt eingestellt. Reines Pech. Der Umsatz stimmt nicht. Es werden neue Filialen eröffnet. Kein guter Tag zum Nachdenken! Abwarten. Die letzte Bewerbung ist fünfzehn Jahre her. Vielleicht weiß sie, wie man so etwas macht. Wird schon nicht nötig sein. Was will der Chef auch machen? Bis zu seiner Rente sind es noch fünf Jahre. Er braucht noch wesentlich länger. Alles verschiebt sich nach oben. Das Alter, die Aussichten und dann auch noch seine Freiheit. Es sind noch ein paar andere Köderfische im Eimer. Ohne Einsatz, immer im Kreis. Er weiß gar nicht mehr, wo er sie weggefangen hat. Ist schon ein bisschen her. Er geht jedes Wochenende angeln. Bald ist die Raubfischzeit vorbei. Sie könnten mal wieder essen gehen, zum Italiener. Das muss doch drin sein. Pizza, Brot mit Kräuterbutter und ein Gratislikörchen. Acht Euro fünfzig pro Person mit Getränken. Früher sind sie fast jede Woche Essen gewesen. Früher, wer denkt schon an früher. Ist eben eine andere Zeit. Jetzt gibt es den Sport per Spielkommode. Man geht nicht mehr zum Bowling. Das lässt sich sogar ohne Bowlingkugel spielen. Ist das ein Fortschritt oder ein Rückschritt? Ein paar Rentner im Fernsehen waren ganz begeistert. Sie müssen die Kugel nicht heben, nur so eine Bewegung ausführen. Das macht was her! Eine ganze Horde Physiotherapeuten ist anwesend. Testphase im Altenheim erfolgreich abgeschlossen. Endlich Abwechslung, eine unschlagbare Stärkung für das Zusammengehörigkeitsgefühl. Worüber man beim Angeln nachdenkt, ist schon komisch! Es ist inzwischen dunkel geworden. Seine Angelsachen liegen verstreut. Er setzt sich eine Baulampe auf den Kopf. Das Licht vor seiner Stirn leuchtet in die Nacht. Der Köderfisch zappelt immer noch, nur ein wenig müde. Vorsichtig entfernt er den Haken und lässt den Fisch ins Wasser gleiten. So etwas hat er noch nie gemacht. Es gibt Vorschriften. Vielleicht schafft es der kleine Kerl trotzdem.

Das Gepäck auf dem Rückweg wiegt schwer. Das meiste davon hat er gar nicht gebraucht. Alles nur für den Fall wenn. Der Stacheldraht hängt an seiner Hose fest. Balanceakt. Irgendwo klebt der Mond am Himmel und eine Katze jault. Das mit dem Hund verschiebt er auf Morgen. Treue Blicke hinter Gittern. Einer davon wird es gut haben. Die Qual der Wahl. Vielleicht geht er nach dem Schicksal, nach der wahren Geschichte. Als er nach Hause kommt, gibt er ihr einen Kuss. Fischgestank, was soll’s. Wunschgedanke, vielleicht war es so. Die Dusche stellt er ab, zum Einseifen. Er hört sie telefonieren. Ein Gespräch unter Freunden. Gratulation, Zweijähriges. Von wegen kein Geschenk. Er wird ihr von seinen Plänen erzählen. Hinter Gittern. Hund, Freiheit. Die Papiere waren noch nicht fertig. Er wird morgen entlassen! Falsche Unterstellung. Genug ist genug!