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der neid des menschen auf die steine

stephan roiss | der neid des menschen auf die steine

Als der Zug losfuhr, hatte ich den Daumen am Türöffner. Vor der Nase weg, sagt man bei uns daheim. Bei uns daheim, sagt man bei uns daheim und meint damit: So ist es richtig.

Nun also Aufenthalt außer Plan. Tee in Arnhem. Wo der Bahnhof ein Fluchtweg mit Snackautomat ist und der Preis für einen Gang auf die Toilette mit 40 Cent knapp unterm mitteleuropäischen Schnitt liegt. (Hier wird Kultur zur Folter. Jeder Stadt, die von mir Geld fürs Pissen verlangt, piss ich gratis in den nächsten Park.)

Vorhin wollte ich mir bei der Information meine nächste Verbindung ausdrucken lassen. Der Herr von der niederländischen Bahn begrüßte mich mit der Frage, ob ich denn schon eine Nummer gezogen hätte, und zeigte dabei auf einen kleinen, gelben Automaten in der Mitte des Raumes.
„A number?“ Ich sah mich um. Alle vier Schalter waren geöffnet. Außer mir war nur ein einziger weiterer Kunde zugegen. Das macht drei momentan arbeitslose Angestellte. Aber ich brauche die Erlaubnis dieses gedankenlosen gelben Dings, um einen der heiligen drei Könige fragen zu dürfen, wie ich denn am besten nach Hause komme.
Keine Frage, das besitzt Unterhaltungswert. Beim Hinausgehen wurde mein Lachen kurz laut. (Sarkasmus erhebt den Geknechteten, ohne Umweg, neidlos, moralinfrei, herrlich pagan.) Ich werde auch ohne die Hilfe der heiligen drei Könige nach Hause finden. Der gelbe Tyrann bekommt keinen Lidschlag meines Lebens.

Jetzt also Tee. Ohne Zucker. In einem Becher aus dünnem Karton. Ich habe ihn „Tasse“ getauft. In einem Anfall von Bürgerlichkeit.

Das Schimpfen der PhilosophInnen über die Entfremdung war immer einseitig. Man hat selten bemerkt, wie erlösend sie sein kann, (wie warm Plastik ist,) welch starke Medizin sie ist – nicht nur gegen Selbstbestimmung, auch gegen Narzissmus. Sie ist ein Fluch, aber ihre Lektion gilt es noch zu lernen.
Ich sitze vor einem Bahnhofscafé in Arnhem und meine Umgebung hat nichts mit mir zu tun. Jedes Gerät verzweckt das Andere, nichts zeigt auf Unzeigbares. Die Architektur erlaubt keine Fragen. Richtungspfeile, Preisschilder, Bahnsteige, Neonlicht, Zugnummern, Uhrzeiten. Das Subjekt ist eingezogen so weit es geht, seine Freiheit ein Skandal. Wozu Sinn, es funktioniert doch alles.
Spiele hier keine Rolle, bin froh darüber. Trinke ich Tee oder trinkt der Tee mich? Wen kümmert’s! Darum ist der Buddhismus in all seinen Erscheinungsformen – und deren gibt es zahlreiche – die optimale Sklavenreligion unserer Epoche. Das Christentum wurde in diesem Amt abgelöst und hat nun die Chance, dabei zu helfen, Wunden zu heilen, die es selbst gerissen hat. Das Kreuz knechtet das Individuum, das Rad will es gar nicht erst wahrhaben. Es symbolisiert eine Technik, Schmerz zu ertragen. Deren Anwendung zeitigt Gesichtslosigkeit. Erleuchtung ist vorweggenommener Tod bei gleichzeitiger Erhaltung der Effizienz ihrer Opfer. Mit ihrer Auslöschungstaktik gießt diese subtilste unter allen Hasslehren Öl ins Getriebe des megalomanischen Roboters „Menschheit“.
Natürlich ist die Maschinisierung des Menschen das helle Herz des Horrors, aber sie gestattet uns die Wonnen der Verantwortungslosigkeit. Sie verrät unsere Gattung als einen Haufen schlauer Tiere, die sich nicht gewachsen sind. Wir müssen unser Leben kaum führen, es wird für uns gelebt, von anderen. Und diesen anderen ergeht es nicht anders. Etwas lebt uns alle. Die Machtergreifung der Objekte ist seit Jahrtausenden in Gang. Ihre Vollendung wird im Vergleich zu diesem archaischen Epos eine Kurzgeschichte werden.

Am liebsten wären wir Steine. Die haben nichts zu tun, sie müssen sich nicht anstrengen, auch nicht um zu sein. Sie liegen da oder werden ins Rollen gebracht, sind Spielbälle fremder Kräfte. Sie sehen immer so aus, als hätten sie alles genauso gewollt, wie es eben war und ist. Sie ertragen alles stoisch, auch ihre Zerstörung. Sie sind ohnehin immer schon so, als ob sie nicht wären. Sie sind völlig von sich selbst durchdrungen, wir jagen uns selbst hinterher. Darum der Neid des Menschen auf die Steine.
Wenn wir diesen Neid ins taghelle Bewusstsein heben würden und ihn von dort nicht wieder flüchten ließen, vielleicht wäre ein entscheidender Schritt getan, weg von unserer faschistoiden Realität, hin auf eine Welt, in welcher sich der Mensch weder zum Ding erklärt, noch die Dinge vermenschlicht, sondern seine Furcht vor der Freiheit anerkennt und durch sie hindurch geht wie durch den Schatten des Vaters in der Morgenröte.

Als vor einer Stunde der Zug damit begann, mich am Bahnsteig zurückzulassen, habe ich mich erstmal umgewandt und gelacht. Dann erst schüttelte ich den Kopf und nannte den Zugführer dreimal hintereinander halblaut – aber mit Nachdruck – einen „unglaublichen Wichser“. Denn der hatte mich selbstverständlich noch gesehen. Für ihn hatte ich fünf Sekunden Verspätung bedeutet. Für mich bin ich eine ganze Welt.

Die „Tasse“ Tee neigt sich ihrem Ende zu. Der letzte Schluck ist besonders bitter. Sokrates, es wird berichtet, du seist heiter geblieben.

Ich freue mich über mein Lachen am Bahnsteig, mehr noch als über mein Lachen im Informationscenter. Denn am Bahnsteig war ich augen­blicklich der Antiheld in einer abgeschmackten Komödie, im Informationscenter lag ein Gedanke dazwischen. Am Bahnsteig erfuhr ich die Klugheit meines Körpers. Dieser leibhaftige Geist ohne einen Funken Vernunft. Er begreift nichts, aber versteht alles. Das macht mich glücklich: Auf die Dunkelheit meiner Organe ist ein bisschen Verlass. Ich habe ich zu sein, auch wenn ich einmal nichts davon weiß. Wer ein Stein sein will, wünscht sich etwas Unmögliches – und den Tod. Der Wahnsinn hat eine natürliche Grenze. Unser Zug ist nicht abgefahren.
Daumen am Türöffner.