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druckabfall im paradies

thomas eder | druckabfall im paradies

Warum Musikfreaks neue Strategien brauchen

Bubblegum mit Zielfernrohr
Ich habe vergessen, dass ich mich in einem der vielen neuen Libro-Geschäfte befinde. Ich höre die Appelle meiner zwei Schwestern kaum. Sie sind zu einem Lüftchen verkommen und erinnern an das Meeresrauschen in großen Muscheln. Es ist nicht wirklich da. Mit feuchten Augen halte ich mein erstes Vinylalbum in Händen. Ich bin nicht gerührt, sondern werde erschlagen von der Reizüberflutung meines Sehnervs. In zehn Jahren werde ich wissen, was Multitasking bedeutet, und erkennen, dass ich nicht mit dieser Gabe gesegnet (oder davon verflucht) bin. Doch als Sechsjähriger hat man konkretere Sorgen. Zum Beispiel, wie man es schaffen kann, seinen Blick von dem Albumcover loszureißen, das einen in den folgenden Nächten in Gedanken noch immer anbrüllen wird: „IN DECKUNG JUNGE! HIER KOMMT DIE SINNESBOMBE!“

Meine Schwestern hätten mir das Monstrum aus den Händen reißen sollen. Stattdessen reden sie auf mich ein. Sie sind besorgt, jedoch nicht um mich. Ihr Plan scheint zu scheitern. Sie haben mich dazu überredet, mir zu meinem Geburtstag ein Musikalbum zu wünschen. „Mit so einem Geschenk gehört man zu den Großen“. Sie haben mich „aufopferungsvoll“ beraten und sorgfältig konditioniert.

- Wie heißt die supertruper Band, die dir so gut gefallen wird? Na? Na?

- Aba.

- Sehr gut!

(Kind bekommt Leckerli.)

- Und die andere, mit der du mindestens genausoviel Freude haben wirst?

- Bittls.

(Kind bekommt Leckerli.)

Bis vor zehn Minuten ist auch alles wie geplant gelaufen. The Very Best Of ABBA wurde mir mit leuchtenden Augen präsentiert. „Ist das nicht fein? Das wünscht du dir doch schon so lange.“ Ich nicke abwesend. Mein Blick versucht abzuschweifen. Vier alternde 70er-Jahre-Dinosaurier auf weißem Hintergrund. „Und schau, was ich noch angefunden hab! Das Weiße Album!“ Weiß auf weiß. Ich wundere mich anscheinend zu lange über das Cover, denn ich werde an der Hand genommen und um 180 Grad in Richtung Kassa gedreht. Und dann: Wow. Sinneswatsche. Zwischen 90 und 100 Grad. Mein Gehirn zieht sich zusammen, meine Augen weiten sich, meine Begleitung fährt erschrocken zusammen, und Pawlow wird Lügen gestraft.


Die Fragilität der Musik
Wie jenes Album hieß, habe ich vergessen. Die Musik war, soweit ich mich erinnern kann, eine eher unglückliche Ehe. „Casio-Pop“ der 80er Jahre traf auf den unbeholfenen Techno der anbrechenden 90er. Der Gesang sollte wohl lasziv klingen, roch dafür aber bei weitem zu ordinär. Erinnerungswürdig ist an diesem Gesamtpaket einzig und allein das Cover. Es erschlägt mich in Gedanken noch heute. Weitere Bilder schwimmen an die Oberfläche meines Gedächtnisses: ein harter Betonboden. Zu Boden fallendes Vinyl. Gebrochenes Vinyl. Ein gebrochenes Herz. Die unvermeidliche Tollpatschigkeit eines Sechsjährigen eben. Noch bevor ich die Platte das erste Mal abspielen konnte, pflanzte sie bereits Schuldgefühle. Das erste Lied war bis auf eine Minute gestutzt worden. Ich malte mir aus, wie dieser Rest wohl klingen würde, hatte aber zu große Angst, der scharfen, spitz gezackten Wunde derart nahe zu kommen. Angst davor, die Schmerzen meiner ersten Liebe könnten auch die restliche Minute entstellt haben, könnten ein Lied des Leides und der Anklage geschaffen haben. Die Platte schien mir ohnehin schon zu lebendig, zu eigensinnig und nachtragend zu sein.


Jäger und Sammler

Musikfreaks sind ein wunderliches Völkchen. Dezent ausgedrückt. Das fängt bei der zwanghaften Listenpanik an und hört bei den 10 Geboten zum Erstellen einer Mix-CD noch lange nicht auf. Jeder Mensch hat in gewissem Ausmaß das Bedürfnis, sich elitär fühlen zu dürfen. Das ist nichts Verwerfliches, solange sich diese Streicheleinheiten für das geplagte Ego in einem gesunden Rahmen abspielen. Für Musikfreaks ist es dagegen verwerflich, diesen Rahmen nicht zu sprengen. So weit nix Neues. Was mir aber, neben dem Cover meines ersten Albums, schlaflose Nächte bereitet ist die Frage: Verschwinden diese Eliten?

Die späten 90er Jahre waren eine wunderbare Zeit. Das Internet hatte den Horizont der Jäger und Sammler nicht nur erweitert, sondern geradezu gesprengt. Die wunderschönen Trümmer flogen in allen Richtungen an den fassungslosen Ohren der Hörerschaft vorbei. Ich war mittendrin im Diamantenregen und dachte, es wäre schon immer so gewesen. Nein, falsch. Ich dachte gar nicht darüber nach. Ich kannte es nicht anders. Die vor kurzer Zeit bloß geahnten Galaxien von Musik waren in wenigen Jahren greifbar geworden. Sie schrumpften auf die Größe eines Laptops. Und trotzdem mussten wir weiterhin jagen und – besonders wichtig – investieren. Zeit, Geld und Nerven. Das blieb uns nicht erspart. Zum Glück.

„Wir erlegten nur so viel Wild, wie wir zum Leben brauchten, und verehrten es.“ Oder so ähnlich. Es fällt leicht, anständig zu leben, wenn man keine Wahl hat. Musik kostete Ende der 90er Jahre noch Geld. Schwer vorstellbar. Ebenso schwer vorstellbar und wichtig: Neue Musik war im wahrsten Sinne des Wortes greifbar. Man konnte und musste sie anfassen und manchmal kam sie von sehr weit her. Selten sah ein Päckchen aus Indonesien einladend aus, wenn es im Briefkasten landete. Es hatte weiß Gott viel mitgemacht. Hatte tausende Kilometer auf sich genommen, um dem geneigten Hörer ein wenig Freude zu bereiten. Roch exotisch. War reif, war am Ziel angelangt und strahlte eine Aura der Weisheit aus. Das Gewicht dieses Päckchens ergab sich nicht nur aus Plastik, Karton, Papier und den feinen Zutaten einer CD. Nein, was man in Händen hielt, wog viel schwerer.


Nichts mehr wert
Wir befanden uns im Garten Eden der Musikverrückten: Die Auswahl war unerschöpflich geworden. Aber gleichzeitig blieb die Bedeutung, die Schwere jedes einzelnen Stückes Musik erhalten. Und plötzlich: Druckabfall im Paradies. Die Nadel, die unsere Seifenblase zum Platzen brachte: MP3 und Tauschbörsen. Musik war nichts mehr wert. Im freien Fall fragt man sich: Wofür die Mühe? Wofür haben wir um Raritäten gefeilscht? Wofür haben wir ein kleines Vermögen in alle Welt geschickt? Wofür musste unsere Musik all die beschwerlichen Wege auf sich nehmen?

 

Emanzipation der Musik
Der Geruch von Schweiß kämpft sich trotz des großzügigen Gebrauchs von Parfum an die Oberfläche und stützt das adrenalingetränkte Geschwätz des Publikums. Die Sänger wärmen sich auf. Eine in Knoblauch getunkte Stimme füllt den Proberaum. Der Dirigent greift seiner Bedienung unter den Rock. Die Hände des Pianisten sind schwer und feucht. Bald wird das Konzert beginnen.

Die ersten Töne erklingen. Sie reiben aneinander, steigen langsam auf und prallen im Sturzflug voll Dissonanz aufeinander, um sich im nächsten Moment zärtlich zu umschlingen. Sie schweben über dem Publikum und über den Musikern, so erhaben und unfassbar, dass sich der Dirigent unendlich schmutzig fühlt und weint. Er ist wie alle anderen in dem Saal Zeuge eines Wunders. Wie können Menschen etwas derart Reines schaffen? Doch diese Schönheit hängt an einem seidenen Faden. Ein Ruck, und sie ist fort. Zudem lebt das einigende Klanggemälde nur in den Köpfen dieser Menschen. Außerhalb existiert es nicht als Ganzes, sondern nur als Partikel des jeweiligen Moments.

Diese unendliche Anzahl an Momenten konnte mit der Erfindung des Tonträgers gebunden und festgehalten werden. Sie wurde auf ein greifbares, winziges Medium gebannt. Plötzlich war das Sammeln und Besitzen von Musik möglich. Doch ging durch diese Loslösung von uns Menschen und durch die Konservierung dieses Wunders ein Teil der Magie verloren?


Musik wird anonym
Musik wurde von Fleisch und Blut unabhängig und wird heutzutage von einem Netz aus Nullen und Einsen gestützt, das beinahe die gesamte Erdkugel umspannt. Damit einhergehend veränderten sich auch Verhalten und Einstellung der Hörerschaft. Der Respekt gegenüber Musik nahm ab, und Rituale gingen verloren. Der Konzertbesuch war das wohl größte dieser Rituale. Der Hörer investierte außergewöhnlich viel Zeit und Geld in Dinge, die auf den ersten Blick nichts mit Musik zu tun hatten. Er machte sich schick, denn es war ein Privileg, Musik erleben zu dürfen. Natürlich gibt es auch heute noch Konzerte und die damit verbundenen Rituale. Und glücklicherweise ist der Genuss von Musik nicht mehr an Reichtum geknüpft. Doch die gefühlte Entwertung bleibt: Konzerte sind zu einer von vielen Möglichkeiten des Musikkonsums geworden.

Auch die Schallplatte verlangte nach einem bewussten Umgang mit Musik. Mit einem Schuss Verklärung kann man den Plattenspieler durchaus als Altar bezeichnen. Mit jedem Hörgenuss brachte man ein Opfer. Mit jeder Umdrehung, jedem Zentimeter, jedem Millimeter verkürzte die Nadel das Leben des Klangträgers. Der Hörer wusste um diese Vergänglichkeit und genoss daher umso bewusster. Ein Teil der spürbaren Endlichkeit war erhalten geblieben und damit ein Teil jener ursprünglichen magischen Aura. Diese Aura rückte mit der Einführung der CD in weite Ferne. Musik war beinahe unverwüstlich geworden. Mit der Komprimierung in mp3-Dateien entfernte sie sich endgültig in unbegreifliche Distanz. Sie wurde zu einem abstrakten Sinnesreiz. Man konnte sie nicht mehr anfassen. Sie roch nicht mehr. Sie war überall und doch nirgends. Musik wurde anonym.


Druckabfall

Ich scrolle durch die Musiksammlung eines Freundes. Meine Augen werden müde und irgendwann zwischen Britney Spears und Stockhausen falle ich ins Bodenlose. Ich höre ein weißes, stummes Rauschen. Die Mathematiker haben sich geirrt. Unendlichkeit ist eine Wunschvorstellung. Irgendwann ist Ende, und die Welt kippt ins Nichts. Einfach so. Aber eigentlich falle ich nicht, denn da ist ja nichts, wohin ich fallen könnte. Da ist nur dieses weiße Rauschen, das ich nicht hören kann. Ich reiße mich los und frage: „Du hörst Stockhausen?“ Er antwortet: „Wer ist Stockhausen?“ Und das weiße, stumme Rauschen hat mich wieder.

Als Musiksammlungen noch räumlichen Platz beanspruchten, reflektierten sie deren Besitzer. Sie waren abstrakte Biografien und Persönlichkeitsprofile. Manche schienen den unbedarften Eindringling geradezu zu erdrücken, manche waren auf die essentiellen „Soundtracks“ reduziert und spiegelten die Wendepunkte und Weggabelungen im Leben des Besitzers wider. Doch eines hatten alle Musiksammlungen gemeinsam: Relevanz. Bedeutung. Aussagekraft.

Pump it up!

Dem menschlichen Bedürfnis nach Profilierung ist es zu verdanken, dass es gelang, nach einer kurzen Phase des allgegenwärtigen weißen Rauschens noch einmal die Kurve zu kratzen. Web 2.0 sei dank. Musikforen machten den Anfang.


Meine Top 10 Alben
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Und der Wahnsinn nimmt seinen Lauf. In Polls wird über jede noch so triviale Frage abgestimmt. Lieblingsalbum. Lieblingsband. Lieblingsgenre. Ganz egal. Hauptsache, es gibt sie wieder, die Rituale. Der Hörer kann der Musik seines Herzens wieder Gewicht verleihen. Kann sie wieder mit Bedeutung aufladen und sich selbst abgrenzen. Communities wie Last.fm sind eine Art virtuelle Plattensammlung mit allem, was der Web 2.0-User begehrt. Statistiken geben darüber Auskunft, welche Musik jeder einzelne User in einem bestimmten Zeitraum wie oft gehört hat. Überschrift: „Top-Künstler der Woche“


Bla, bla, bla
Keine elegante Lösung, doch der Sturzflug wurde abgewandt. So scheint es zumindest. Ich könnte mir nun erschöpft meinen Kopfhörer aufsetzen und mich zurücklehnen, um XTC’s There Is No Language In Our Lungs zu lauschen, denn um das Phrasenschwein zu bedienen: Talking about music is like dancing about architecture. Und trotzdem möchte ich abschließend noch einmal jene Frage aufwerfen, die wohl einige dazu verleiten wird zu sagen: „Hat der denn sonst keine Sorgen?“ Doch, habe ich. Aber auch ich muss diese Tage schauen, wo ich bleib. Als Musikfreak. Daher: Wie definiert sich heute die Elite der Musikhörer? Wie kann dies unedle Bedürfnis zufrieden gestellt werden? Das Phrasenschwein ist so nett, mir ein weiteres Mal zu helfen: Es kommt nicht auf die Größe an. Zumindest nicht mehr. Wie denn auch, wenn die Welt schrumpft und das Angebot an einfach allem explodiert. Schlagwort Global Village. Daher: Nicht Quantität, sondern Qualität. Krunz krunz. Dies unedle Bedürfnis kann nur mit edlen Mitteln befriedigt werden. Mit Respekt vor und bewusstem Umgang mit Musik.