schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 18 - genug erschöpfungstrilogie
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/18-genug/erschopfungstrilogie

erschöpfungstrilogie

johannes weinberger | erschöpfungstrilogie

1: Der Staat

Irgendwo muß ich ja sein.

Warum nicht hier und jetzt?

Sagen wir, hier und jetzt wäre ein Paßamt.

Die Luft ist stickig und schwül, weil es draußen regnet und die Mäntel und Schirme ihre Feuchtigkeit in den Raum verdunsten.

Es herrscht ein stetiges Gewisper und Gemurmel, zerteilt vom gelegentlichen Stampfen der Stempel oder Knacksen der Klammermaschinen oder dem Klicken von schnellen Fingern auf Tasten.

Vor mir in der Warteschlange vor dem Schalter stehen nur mehr drei oder auch vier Leute.

Ich tappe mit meiner linken Schuhspitze einen leisen Rhythmus auf den Marmorboden.

Meine rechte Hand spielt in meiner klammen Manteltasche mit einer Münze.

Ein Tropfen Wasser fällt aus meinem Haar auf meine Nasenspitze.

Eine Fliege kitzelt über meinen linken Handrücken.

Eine winzige Spinne hangelt sich über eine vom Kopf des vor mir in der Reihe stehenden Herrn abstehende Haarsträhne aufwärts.

In meinem Mund fahre ich mit meiner Zunge meine Zahnreihen ab, auf der Suche nach in den Zahnzwischenräumen festhängenden Essensresten.

Und plötzlich, mit einem Schlag, mitten im stillen, gefügigen Warten, weiß ich ganz genau, daß ich niemals drankommen werde.
 
Ich werde niemals vor der Beamtin mit dem staubgrauen Haar und der rosaroten Hornbrille stehen und sagen: Ich brauche einen neuen Reisepaß, bitte.

Und die schroffe Beamtin wird von mir niemals die erforderlichen Papierbögen verlangen, und ich werde ihr diese niemals aushändigen, und sie wird mir niemals in einem beinahe beleidigten Tonfall sagen, daß ein wichtiges Papier aber noch fehlt, und ich werde ihr niemals entrüstet entgegnen, daß dieses fragliche Papier aber nicht in den Vorschriften zur Paßausstellung erwähnt wird, und sie wird niemals müde die Augen rollen und behaupten, daß dieses Papier sehr wohl erwähnt wird, in der letzten, ganz neuen Ausgabe der Vorschriften zur Paßbeantragung nämlich, etc.

Ich stehe nämlich noch immer in der Menschenschlange, hier und jetzt.

Und ich werde für immer hier stehenbleiben.

In meiner Brust dehnt sich etwas, dehnt sich und dehnt sich bis zum Anschlag, dann schnalzt es wieder zurück zum Ausgangspunkt, mit einem scharfen, hallenden Knall, nach dem sich die Leute umdrehen, mit erschrockenen Gesichtern, und beginnt gemächlich, sich wieder auszudehnen.

Eigentlich brauche ich gar keinen neuen Paß mehr.

Ich werde nie wieder verreisen.

2: Der Atem
Ich atme tief ein und schließe die Augen. Als ich sie wieder öffne, sehe mich selbst, wie ich in meiner Küche auf dem weißen Fliesenboden knie und eine große Wanduhr mit Mühe in einen anscheinend randvollen Mistkübel zwänge. Mein Gesichtsausdruck ist angewidert, als würde mir ein bestialischer Gestank aus dem Kübel entgegenwabern, gemeinsam mit der Wolke aus Obstfliegen, die meinen Kopf umschwärmen. Da habe ich noch nicht gewußt, daß dieser Tag ewig dauern wird, geschweige denn, daß jeder Tag ewig dauert, daß es nur einen einzigen Tag gibt: Sonst hätte ich gelächelt oder sogar lauthals gelacht, trotz oder sogar wegen des fürchterlichen Gestanks. Ich kann mir jetzt nicht mehr helfen, leider. Jedes Leben kommt irgendwann zu einem Punkt, an dem es sich eingestehen muß, daß es nicht mehr zurückkehren kann in die glückliche, sorgenfreie Zeit eines schönen Wunschtraums. Es ist möglich, die Zeiger einer Uhr immer wieder zurückzuschieben (gegen den Uhrzeigersinn), aber wenn man dies einmal zu oft tut, bleiben die Zeiger stehen und rühren sich nicht mehr. Dann ist die Uhr kaputt. Daß die Zeiger meiner Küchenwanduhr stillgestanden sind, läßt mein Vorgesetzter nicht als Erklärung für meine zweistündige Verspätung gelten. Er hat einen Papierbecher in seiner linken Hand zerquetscht, während er mir stumm in die Augen starrte und blaue Adern in seinen Schläfen pulsierten. Ich setze mich an den Schreibtisch in meinem kleinen Büroraum. An der Wand vor mir hängen nebeneinander fünf identische kreisrunde Uhren, die alle genau die gleiche Zeit anzeigen: sieben Minuten nach zehn Uhr vormittags. Jedesmal, wenn die fünf Minutenzeiger gleichzeitig um einen Strich auf dem Ziffernblatt vorrücken, höre ich ein einzelnes, glasklares Tock, wie von einer einzigen Uhr. Ich weiß jetzt schon, daß in genau einer Viertelstunde ein Vertreter meines Vorgesetzten die Tür zu diesem Raum öffnen wird, um mir mitzuteilen, daß ich entlassen bin, wegen fortgeschrittener und regelmäßiger Unpünktlichkeit. Ich stehe auf, schiebe mit meinen Kniekehlen meinen Sessel zurück, öffne meinen Hosenschlitz und lasse mein sorgfältig den ganzen Morgen über in meiner Blase angestautes Wasser auf meinen Computer. Es zischt und knackt. Aus den Lüftungschlitzen des crèmefarbenen Plastikquaders pufft eine Wolke schwarzen Rauchs. Vereinzelte Funken spritzen auf den hellgrünen Teppichboden, um sich bei der Landung in kleine schwarze Löcher zu verwandeln. Ich bin auch eine Maschine, sage ich zu dem sterbenden Apparat. Auf dem Weg nach draußen bleibe ich vor dem Tisch der Vorzimmerdame stehen. Sie hebt den Kopf und lächelt mich an. Ihr Lippenstift hat auf ihre Zähne abgefärbt, als hätte sie gerade einem kleinen wehrlosen Tier, einem Maulwurf zum Beispiel, den weichen pelzigen Bauch aufgebissen. Auf ihren Wangen steht ein farbloser Haarflaum, der einen sanften Schatten auf ihren blassen Hals wirft. Ich lächle zurück, und für kurze Zeit herrscht ein weltweiter Frieden in diesem engen, staubigen Vorzimmerchen. Das Leben, sagt die Frau dann, ist ein verwirrender, beängstigender und unvergeßlicher Traum. So ist es, antworte ich und drehe mich um. Ich drehe mich um mich selbst, im Kreis, im Kreis herum, solange, bis ich endlich Gewißheit haben werde, daß mein Gesicht in die richtige Richtung weist, und ich endlich wieder ausatmen darf.

3: Die Erschöpfung
Hallo? Ja. Wer spricht da? Hallo. Nein. Nein, ich bin zuhause. Jetzt gerade? Jetzt gerade sitze ich im Badezimmer auf dem Rand der Badewanne und schaue auf eine hellblau gestrichene Wand, auf der ein grünviolett schillernder Hirschkäfer im Kreis kriecht. Was? Na, ungefähr so groß wie meine Hand, mit Geweih. Witzig eigentlich, ich kenne Hirschkäfer eigentlich nur aus dem Fernsehen oder von anderen Abbildungen, aber persönlich habe ich noch nie einen getroffen. Ja, wie soll er schon hereingekommen sein, durch die Tür wahrscheinlich, wie alles, was mich hier stört. Nein. Nein, er kriecht nur im Kreis herum, die ganze Zeit. Der Durchmesser des Kreises entspricht ungefähr dem einer alten Schallplatte. Auf die Dauer ist es sehr langweilig, ihm dabei zuzusehen, beim Kriechen. Jetzt schaue ich lieber auf den Boden. Die schwarzen Fugen zwischen den weißen Fliesen kann ich nämlich, je nachdem, welche ich gelten lasse und welche nicht, mit meinem Blick zu verschiedenen Formen zusammenschließen: Buchstaben zum Beispiel, ein T, ein H, und so. Jetzt sehe ich auch ein Hakenkreuz. Wie bitte? Einen Augenblick, bitte… Nein, es ist nur jemand hereingekommen ins Badezimmer, gerade eben, eine Frau in einem minzgrünen Bademantel und einem gelben Handtuchturban auf dem Kopf. Sie hat gesagt, daß kein Brot mehr im Haus ist, und ich welches kaufen gehen soll. Ja, keine Ahnung. Was ich denke? Jetzt gerade? Nun… jetzt gerade stelle ich mir vor, wie ich der Frau im Bademantel meine Faust genau in die Kerbe zwischen ihrem Wangenknochen und ihrem Oberkiefer schlage, und wie ein haardünner Spritzer weinrotes Blut auf den weißen Fliesen des Küchenbodens erscheint, wie aus dem Nichts. Ja. Ja. Nein. Vielleicht. Also dann. Ja. Also dann. Also dann. Bitte rufen Sie mich nie wieder an. Ich bin viel zu müde, um jemals wieder mit irgendjemandem zu sprechen. Machen Sie sich keine Sorgen um den Käfer, ich habe schon den Staubsauger in der Hand. Ja. Also dann. Ja, das wünsche ich Ihnen auch. Von ganzem Herzen.