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es ist mir nicht egal

adelheid dahimène | es ist mir nicht egal

Vom Ende der Virginier

Sogar an der Haltung von Bäumen ist der aktuelle Rechtsruck schon nachvollziehbar, sie beugen sich immer weiter von der Sonne weg in einen Schatten, der nicht mehr hausgemacht aus eigener Produktion stammt, sondern von Doppelgaragen geworfen wird, die als Zukunftsvisionen in Schüleraufsätzen als das Nonplusultra einer wie immer gearteten, steilen Karriere gelten.
Aber darauf will ich eher am Rande hinaus. Und eigentlich sind die fehlgekrümmten Bäume nur ein Beispiel für viele verkehrt laufende Dinge, an denen die Welt zwar langsamer als vorgesehen, aber dennoch irgendwann, zugrunde geht. Mich als starke Virginier-Raucherin beschäftigt momentan intensivst die Hiobsbotschaft von der Produktionseinstellung meiner über alles geliebten Zigarren, die mich zwanzig Jahre lang bei den unterschiedlichsten Tätigkeiten vom Bügeln, Kochen, Federballspielen, Putzen, In-der-Sonne-Sitzen bis hin zum Schreiben begleitet haben und nicht nur das, nein, sie haben mir seelischen Beistand geleistet wie eine psychotherapeutische Instanz, wie ein die Beichte abnehmender Pfarrer, wie die gelben ÖAMTC-Engel bei Autopannen, wie die Kreditkarte bei Bargeldengpässen, wie das Marchtrenker Schwimmbad im Sommer, wie überhaupt alles, was mein Leben in Notzeiten erhellt und wieder ins Lot bringt.

Die freundliche, marktbeauftragte Dame am Telefon der Austria-Tabak-Werke erklärte mir die mein Putzen, Bügeln und Schreiben bedrohende Situation folgendermaßen: Das österreichische Tabakmonopol ist 2007 an die Japan Tobacco Inc. verkauft worden, und dort haben die verantwortlichen Instanzen festgestellt, dass die österreichische Zigarrenqualität auf dem Weltmarkt nicht bestehen könne, auch wenn die Regie Virginier eine hohe Güte aufweise, müsse sie mit allen anderen Zigarrenprodukten den Bach hinunterbefördert, also eingestellt werden. Meine Rückversicherungsbesuche in den städtischen Trafiken brachten durchwegs dasselbe trostlose Ergebnis. Die meisten hatten noch zehn bis zwanzig Schachteln in ihren Regalen, ohne Aussicht auf Nachschub, also ließ ich mir den Vorrat mit der Versicherung ständigen und konsequenten Kaufs beiseitelegen, wobei ein vorausblickender und kundenfreundlicher Trafikant strahlend seine Schranktür öffnete und auf hundert Packungen gehorteten Bestand verwies, der nächste wiederum behauptete, dass zwar die Produktion eingestellt, aber noch genügend Virginier im Tobaccoland-Depot lagerten, auch wusste er aus zuverlässiger Quelle von der späteren Produktionsübernahme durch einen namhaften österreichischen Zigarrenhersteller, den er mir aber nicht nennen wollte. 

In meiner Panik mobilisierte ich Freunde im In- und Ausland, die für mich Hamsterkäufe tätigen sollten, damit ich zumindest die nächsten Monate unbeschadet überleben konnte.
Die ganze Misere scheint mir aber nur eine weitere Folge der akuten Raucherfeindlichkeit zu sein, die seit einem Jahr in oft grotesker Gebärdung anwächst und Ausmaße annimmt, denen eigentlich niemand einen Riegel vorschiebt, weil sie schließlich der auf Sonderzeitungsseiten verbreiteten Gesundheitsdoktrin folgen und deswegen hohes Ansehen genießen. Trotzdem gibt es noch eine Steigerungsform von schlechter Gewissensmache, und die äußert sich seit jeher schon in purer Pragmatik, wie das Beispiel beflissener Leserbriefschreiber zur Sache zeigt. In quasi zweiter Instanz kommt hier die Umwegunrentabilität des Rauchens für seine passiv Geschädigten zum Tragen, wobei ohne Wimpernzucken allen Ernstes der überhöhte Waschmittelverbrauch an nächtlich in Lokalen zugepafften Textilien aufgerechnet wird.
Für Mensch!, Mann! und Leute, die wieder einmal nichts als Bahnhof verstehen, ist der Bahnhof ein guter Demonstrationsort für die rauchergegnerische Restriktion. Bereits zu Zeiten, als es noch ein paar Raucherabteile in den staatlichen Waggons gab, waren einige Reisende schon dermaßen verängstigt, dass sie sogar in den genehmigten Zonen kleinlaut fragten, ob denn hier sich eine angezündet werden dürfe. Und nicht ohne Grund, wie ich selbst an einer zufällig im falschen Abteil sitzenden Abstinenzlerin erfahren habe, die sich lauthals über die öffentliche Zumutung und Rücksichtslosigkeit beschwerte, bis mir endlich ein selbstsicheres „Das-ist-ein-Raucher“ aus der provozierten Lunge fuhr.

Jetzt, wo alle Züge voll clean sind und auch auf den Bahnsteigen im Freien adrette Raucherzonen mit Riesenaschern eine schwer zu definierende Luftraumsortierung vornehmen, ist unsere Minderheit eine kaum noch wahrnehmbare, und vielleicht erfindet ein geschäftstüchtiger Sportartikelfabrikant bald irgendwelche neonfarbenen Armbinden, an denen man auch nachts und halbblind die gemeinen Volksschädlinge erkennen kann, um ihnen rechtzeitig auszuweichen.
Vor der desaströsen Herbstwahl bin ich unschlüssig die Wahlplakate neben der Straße entlanggegangen und habe die Gesichter der Politiker auf mich wirken lassen. Der Zufall wollte es, dass am Ende der Parteien-Reihe eine telering-Werbung mit dem sagenhaften Inder hing, dessen Slogan sich neben den bergschuhklobigen Sprüchen der Kandidaten zum einen wie eine Warnung anhörte und andersherum den guten Rat eines Weisen ausdrückte: Hör auf den Inder. Den wollte ich wählen, der war mir sympathisch mit seinem Orakelsatz, ihm würde ich meine Vorzugsstimme geben. Und sollte mich wieder einmal in der freien Parkluft ein vom vorauseilenden Gehorsam seiner Lehrer indoktriniertes Volksschulkind mit den Worten: Rauchen gefährdet die Gesundheit ihrer Mitmenschen anflegeln, dann hätte ich zwar keine asiatische Gegenweisheit parat, aber ich könnte wenigstens mit leicht souveränem Akzent „Hör lieber auf den Inder“ sagen. Obwohl mir jetzt die Japaner große Probleme bereiten. Als ich die Nachricht von der Zigarrenproduktionseinstellung hörte, schrieb ich der Japan Tobacco Inc. eine E-Mail, deren Inhalt zwar etwas konfus war, noch dazu in meinem zusammengeklaubten Englisch, doch ich knallte der anonymen Gesellschaft alles hin, was mir zum Untergang der Virginier einfiel.

Abgesehen davon, dass sie schon seit 1846 existiert und außerdem die Lieblingszigarre vom Kaiser Franz Joseph war, später auch noch vom Kanzler Figl, den ich aber nicht erwähnte, weil die Japaner ihn wahrscheinlich kaum kennen und auch weil ein Kaiser in einem Kaiserreich größeren Eindruck hinterlässt. Abgesehen von den bedeutenden Personen auf der VIP-Raucherliste ist die Virginier fast so was wie ein Traditionsgewächs, vergleichbar mit den japanischen Kirschbäumen, denen kaum jemand einfach den Garaus machen würde, weil das Sitzen und Liegen unter ihren Blüten, auf blauen Decken in steigender Reisweineuphorie, zum unbedingten Lebensgefühl gehört, wie auch die Virginier früher bei den Bauern ein Feiertags-Zubehör war, im Sommer draußen auf der Sonnbank, winters vor dem Ofen oder am Wirtshaus-Stammtisch, wo der Zigarrenraucher in langen Zügen seine gewichtige, politische Meinung kundtat. Leider hatten diese malerischen Aspekte keinen Platz auf dem vorgesehenen Konzern-Feld für Inquiries, also hob ich nur die inspirierende Wirkung der Virginier auf meine literarische Arbeit hervor, denn ich weiß wirklich nicht, ob ich ohne die aneinandergereihten halb- bis dreiviertelstündigen Rauchschübe so viel anhaltenden Atem aus meiner Lunge schöpfen könnte, um mehrere Seiten ohne Zwangspausen durchzuschreiben.
In den langen Jahren des stetigen Konsums, der zu gleichen Teilen aus Selbst- wie aus Markentreue bestand und ein ausgeglichen wünschenswert gesundes Verhältnis herstellte zwischen dem marktwirtschaftlichen Erfolg und meiner privaten Genusssucht, während all dieser Zeit gab es natürlich auch mangelhafte Zigarrenexemplare in den glorreichen gelb-roten Schachteln. Ich sammelte die schlechten Stücke und verfasste bei genügender Anzahl dann und wann Beschwerdebriefe an die Austria-Tabakwerke, in denen ich auf das Einreißen der gerollten Tabakblätter durch einen korkenzieherartig gewundenen Luftdurchzugshalm verwies. Für Laien füge ich hinzu, dass dieser dünne Halm vor dem Anzünden entfernt werden muss, damit ein reibungsloser Rauchverlauf gewährleistet ist. Jedenfalls bekam ich immer ein sehr freundliches Schreiben zurück, in dem zu lesen war, wie sehr sich die Produktionsleitung über die inspirierende Wirkung der Virginier auf mein Schreiben freute, und es fanden sich im wattierten Brief auch meistens fünf Gratisschachteln als Entschädigung für den entstandenen Ärger. Vorsorglicherweise wurde mir sogar einmal mitgeteilt, dass zur Vermeidung von Komplikationen der Durchzugshalm nur am Brandende zu entfernen sei, was ich als fast so intimen Rat wie den eines Inders oder nahen Angehörigen empfand. Ob die Auslagerung der Produktion im Jahr 2005 von Fürstenfeld ins englische Cardiff ein Grund für den schlechteren Zigarren-Dreh war, kann ich nicht beurteilen, aber auf jeden Fall hatten sich die Beschwerden seitdem gehäuft, wie ich über abgehörte Umwege erfuhr.

In meinem Keller lagern bis heute elf Schachteln Virginier und in einigen Trafiken der Stadt habe ich die Restbestände reservieren lassen, weil ich schließlich nicht hunderte Euros flüssig habe, um mich für sorglose Ruhejahre einzudecken. Von den Japanern ist bisher keine Antwort auf meine E-Mail eingelangt. Ich setze noch immer auf die kaiserliche Querverbindung und träume nachts unter Schweißausbrüchen von einer Sonderedition, die extra für mich ins Leben gerufen wird, weil Bücher von mir vielleicht irgendwann ins Japanische übersetzt werden und man mich schließlich zukünftig weder blockieren noch brüskieren will. Aber wenn ich in der Früh aufwache, überfällt mich sofort auf leeren Magen eine grauenhafte Panik, die sich für manche nur mit einem absoluten Kaffee- oder Müsliverbot vergleichen lässt, je nachdem, ob man ein grüner oder brauner Junkie ist.
Ich werde meinen Radius demnächst aufs Hinterland ausweiten und sämtliche Trafiken in allen Kaffs des Inn- Mühl- Traun- und Hausruckviertels abklappern, um die letzten Schachteln der aussterbenden Spezies für mich abzusondern. Während ich diese Nachricht fertig schreibe und sie dann durch den Hals einer leeren Rotweinflasche quetsche, die sie auf lautlos-bewegten Wellen an die Lesbarkeit eines Donaustrandes trägt, haben vier Virginier meine Atemwege in Schach gehalten, damit ich nicht laut aus dem Fenster irgendeinen Blödsinn auf die luftumstrittene Straße schreien muss. Draußen haben sich die Bäume unmerklich rechtslastig weiter dem Boden zugeneigt und dabei Blätter abgeworfen, obwohl die Wahlen bereits geschlagen sind, bei denen leider, leider der Inder wie vorauszusehen im Abseits gelandet ist, weil wieder einmal keiner auf ihn gehört hat. Nicht nur aus diesem Grund erlaube ich mir in eigener und hoffentlich auch solidarischer Sache eine Werbeeinschaltung anlässlich der Ausrottung meiner geliebten Virginier:

  … und vor allem in Österreich, ist sie Sinnbild einer Lebensart, einer Gemütsstimmung, unerlässliches Requisit eines Typs, der – was immer die Spötter von ihm behaupten – als ein eigensinniger und ein ausgepichter Raucher definiert werden darf …

 Zino Davidoff, Zigarren Brevier, Paul Neff Verlag 1967

Nachsatz: Wie überliefert, sind viele Virginier-Raucher erst im hohen Alter gestorben, und sie haben sich nicht einmal großartig gewundert, als ihnen Licht und Luft gleichzeitig abgedreht wurden.