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genug von mir und allem

günter eichberger | genug von mir und allem

Ein Ausflug in die Niederungen des Literaturbetriebs

1
Im März 2006 schwankte ich abends zum Bankomaten meines Vertrauens, um mich hernach in angemessener Dosierung mit einer legalen Droge versorgen zu können. Der Bankomat teilte mir durchaus freundlich mit, dass mein Höchstbetrag überschritten sei. Am nächsten Morgen entnahm ich den Medien, dass eben jene Bank die seltsamen Transaktionen eines gewissen Herrn, dessen Name Flöttl einem Stück von Raimund entnommen sein könnte, angeblich mit der Verpfändung des ÖGB-Streikfonds ausgeglichen habe.
Meine Bank hatte das Vertrauen in mich verloren – und hat es seither nicht mehr wiedergewonnen. So laufe ich permanent Gefahr, vom Bobo (Bohemian Bourgeois), der sich bevorzugt mit Lagenweinen über den ennui hinwegzutrösten versucht, ins Prekariat abzustürzen. Vielleicht bin ich, wenn dieser Text erscheint, bereits im Privatkonkurs. Oder mein aufgetriebener Leib treibt in der Mur.
Ja, vielleicht habe ich das Zeug zum Opfer eines Systems, in dem man zwar seine Meinung frei äußern kann, ohne in ein Lager verbracht zu werden, ansonsten aber im Sinne der freien Marktwirtschaft zu funktionieren hat – auf dass es einem nicht schlecht ergehe. Die „Meinung“ interessiert im Übrigen so gut wie niemanden, sie gilt als Privatsache, es gibt nur eine marginale Öffentlichkeit dafür, der öffentliche Konsens über die Segnungen des Marktes hingegen ist ein totaler. Und daran hat auch die Krise des Finanzwesens nichts zu ändern vermocht. Ein seltsames „Wesen“, das pikanterweise nur durch Teilverstaatlichungen vorübergehend gerettet werden konnte.

2
In einer von Fritz Popps Kafkaeskapaden wird aus Kafkas domestiziertem Affen ein Mann, der im Zuge einer Rationalisierungsmaßnahme „freigestellt“ wird, wie man das heutzutage verräterisch schönfärbend nennt, und als diese Freistellung nicht zu einer neuen Anstellung, sondern zur Dauerstellungslosigkeit führt, immer mehr zum Affen wird. Den Bericht über seine Verwandlung schreibt seine Frau, die ihn regelmäßig im Zoo besucht.
Aus dem gelehrten Affen in Kafkas Bericht an eine Akademie wird bei Popp also ein „Modernisierungsverlierer“, wertlos gewordenes „Humankapital“. Der Mensch, der nichts zu verlieren hat als seine Stellung, gewinnt das Tierreich für sich. Das würden die Vertreter des Neoliberalismus womöglich als Happy End deuten, denn die Spreu hat sich vom Weizen getrennt. Eine erfolgreiche Auslese. Wie wir erfahren, gibt es nur ein Menschenrecht, das des Stärkeren.
Franz Kafka, im Brotberuf Versicherungsjurist, war als Kropotkin-Leser dem anarchistischen Ethos der Besitzlosigkeit verpflichtet. In einem seiner Oktavhefte notierte er: „Kein Geld, keine Kostbarkeiten besitzen oder annehmen. Nur folgender Besitz ist erlaubt: einfachstes Kleid […], zur Arbeit Nötiges, Bücher, Lebensmittel für den eigenen Gebrauch. […] Mitgebrachten Besitz dem Staat schenken zur Errichtung von Krankenhäusern, Heimen.“
Aber natürlich weiß jeder vernünftige Mensch, dass das vollkommen weltfremd ist. Kafka war doch jemand, der seine Alpträume aufgezeichnet hat – nicht? Alles andere als eine Bestätigung, ja Feier des Bestehenden widerspricht dem herrschenden Pragmatismus. Eigentum ist nicht Diebstahl, sondern rechtmäßiger Besitz. Wer Eigentum abschaffen oder auch nur umverteilen möchte, ist nicht nur Phantast, sondern womöglich auch ein Dieb. Und die tüchtigen Realitätsgläubigen erzählen statt utopischer Hirngespinste lieber das Märchen vom Glück, das sich jeder Einzelne selber schmieden kann.
In der schönen neuen Welt der Konzerne werden immer mehr Menschen frei über ihre Zeit verfügen und auch unter der Woche in den Tiergarten gehen können. Sofern sie den Eintritt berappen können …

3
Ich habe längst genug von einem System, das nichts als den Wahn einer Scheinfreiheit garantiert, seine (Gehirn-)Haut zum Markt zu tragen, bis sie reißt. Ich habe genug. Ich habe genug von Leuten, die wie mein ehemaliger Verleger Jochen Jung im Jahr 1,7 Millionen Schilling damit verdienen, Autoren, die um einen Vorschuss vorstellig werden, mit der Antwort abzuspeisen, sie mögen sich doch um einen Brotberuf umsehen. Ich habe genug von Leuten, die scheinheilig beteuern, es sei ein Jammer, dass in Österreich so wenig gelesen werde, und anschließend als wohlbestallte Funktionäre eines sich selbst genügenden Kulturbetriebs auf Urlaub in die Karibik fliegen. Ich habe genug. Ich habe es satt, dass sich unbedarfte Menschen, denen nie ein eigener Gedanke durchs Hirn gekrochen ist, am Leid der Schreibenden mästen. Ich habe einmal zum kurzzeitigen Leiter eines steirischen Verlages, der vom sattsam bekannten Stocker Verlag zu einem den heimischen Markt dominierenden katholischen Haus gewechselt war, um dessen Belletristik-Abteilung einzustellen (und nebenbei das Erscheinen eines Buches von mir zu verschieben, sprich zu verhindern), gesagt, ich würde ab morgen zu den Waffen greifen, wenn „solche Verhältnisse“ allgemein würden. Ich habe genug davon, dass ich in der Folge einen mir seit Studienzeiten befreundeten Menschen angerufen habe, der im Vorzimmer eines Landesrates saß, um die Vorfinanzierung dieses Buches zu sichern. Ich habe genug von all den Kompromissen, die ich in diesem beschissenen Leben geschlossen habe, um meiner Vorstellung von Poesie zum Durchbruch zu verhelfen. Ich habe genug von meinen lächerlichen Triumphen, meinen glorreichen Niederlagen, ich habe genug, ich habe genug von mir. Und allem.

4
AUSLÖSCHUNG

das vergessen essen
das ausscheiden meiden

die sprache ist rache
am reim als leim

die leier als feier
des augenblicksficks

das wunder
als pullunder
vom plunder

und so fort
eiter vor ort

als nachsatz
vom darm
als fortfratz
vom harm

aber die sonne
scheint zu scheinen
als die wonne
vor den schweinen

5
Und Joy Division spielt, während ich das zu schreiben versuche, Ian Curtis singt davon, dass die Liebe ihn und seine Liebste auseinanderreiße, und ich bin noch am Leben, ich suche meine Teile zusammen, ich suche, ich suche, im Bewusstsein, dass da womöglich nichts zu finden ist …