schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 18 - genug google hilft hier auch nicht weiter
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/18-genug/google-hilft-hier-auch-nicht-weiter

google hilft hier auch nicht weiter

Ein Lehrer und ein Sohn auf der Suche nach ihrem Ursprung


Stefan Schmitzer: wohin die verschwunden ist, um die es ohnehin nicht geht

Droschl 2009

Rezensiert von: florian dietmaier


Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit? Das fragen sich die Protagonisten in Stefan Schmitzers Romandebüt wohin die verschwunden ist, um die es ohnehin nicht geht nicht nur einmal. Nun, unwahrscheinlich ist es nicht, was ihnen da widerfährt, aber zumindest recht außergewöhnlich. Doch von Anfang an: Da bittet zunächst ein Mädchen zwei Männer – einen Künstler und einen Schafhirten – ihr die Flucht vor einem Verfolger zu ermöglichen. Als Belohnung gibt’s Beischlaf in einem Innenhof. Ungeschützt. Dann, 15 Jahre später, ist der Künstler Lehrer und Galeriewächter. Unzufrieden ist er obendrein. Weil ihm auf der Straße der Gang eines jungen Burschen, genannt Sam, vertraut erscheint, folgt er ihm in ein Wettcafé. Sam ist Schüler an seiner Schule und – Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit – hat auch was mit dem Mädchen von vor 15 Jahren zu tun: Sie ist seine Mutter, die ihn verlassen hat, als er drei Jahre alt war. Es beginnt die Suche nach der, um die es ohnehin nicht geht.
Schmitzers Prosa ist aufs Nötigste zusammengestutzt und legt, verstärkt durch die Atemlosigkeit der Kleinschreibung, ein ordentliches Tempo vor. Endlich mal kein barockes Herumgelabere. Sie bietet aber trotz der Gedrängtheit und der damit einhergehenden Gefahr der Oberflächlichkeit noch genug Raum für die Psychologie der Protagonisten. Vor allem Sams innere Zerrissenheit zwischen einem Wissenwollen um die und einem Verdrängen der Vergangenheit wird gut eingefangen. Die Nebencharaktere sind dagegen etwas stereotyp, aber trotzdem interessant gezeichnet: der schmierige Jurist, der verknöcherte Uni-Professor …

Einen besonderen Kniff hat sich Schmitzer für die einfallen lassen, um die es ohnehin nicht geht: Ist man am Ende der Suche der männlichen Protagonisten angelangt, dreht man das Buch um 180 Grad und kann die Geschichte der titelgebenden Entschwundenen lesen, die sich durch eine schwarze Linie, die ihr ein Drittel von jeder Seite einräumt, und eine blassere Schrift auch optisch abhebt. Auch wenn es ein neuer Blickwinkel ist, die Geschichte bleibt dieselbe, die man schon im Haupttext gelesen hat. So richtig erhellend ist dieser Komplementärtext also nicht. Weiter störend fällt er aber auch nicht auf. Komplementär eben.
Das einzige größere Problem, das ich mit dem Roman habe, ist sein abruptes Ende: Alle Charakterentwicklung löst sich in Nichts auf, alles wird scheinbar auf Anfang zurückgesetzt. Macht Schmitzer auf oder schließt er ab? Mir ist das nicht klar geworden. Man kann ihm aber nicht den Vorwurf machen, auf dieses Problem, so es denn überhaupt eines ist, nicht einzugehen. Am Anfang des letzten Kapitels heißt es: „danach gewalt. dass damit das letzte bisschen story auseinanderbricht, das sich irgendwem hätte erzählen lassen, endgültig nun, denkt der lehrer, und lacht deshalb, als er die faust des jungen in die fresse kriegt.“
Davon abgesehen, macht wohin die verschwunden ist, um die es ohnehin nicht geht einfach Spaß. Allein schon den Titel laut auszusprechen. Probieren Sie es aus!