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beate tröger | grazer galopp

Bericht einer Stadtleserin

Das Stipendium
Drei Wochen bezahlt in Graz lesen?
August 2008. Eine Glosse in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Darin heißt es:

Das örtliche Feuilletonmagazin schreibkraft [...] lobt zusammen mit den lokalen Literaturinstitutionen ein Stipendium der besonderen Art aus: Anstatt, wie so oft, einem Autor Kost und Logis zu gewähren, damit er in die und in der Stadt zum Schreiben kommt, wird in Graz erstmals ein Leser gesucht, der sich dort in drei spätherbstlichen Wochen in zehn selbst gewählte Werke vertiefen darf. Die Bedingungen sind gut: Fünf Bücher lebender deutschsprachiger Autoren und drei aus deutschsprachigen Kleinverlagen soll die Lektüreliste mindestens enthalten. Außerdem wird der Leser ersucht, sämtliche drei Wochen in Graz zu verbringen. Eine Gästewohnung wird für diese Zeit gestellt, dazu üppiges Kostgeld.

Spontane Begeisterung. Hier setzen ein paar Subversive die Gesetze der Marktwirtschaft außer Kraft. Ich höre schon die Unkenrufe: „Man kriegt nichts geschenkt auf dieser Welt! So was darf es nicht geben. Verschwendung!“ So schreien diejenigen, die am geschicktesten sind in der profitabelsten Vermehrung ihrer Besitztümer. Und warum mault der Glossenschreiber:
Das mit der Gästewohnung, liebe Schreibkraft, wüssten wir allerdings doch gern noch etwas genauer: Ist es dort kommod? Hat es ein Kanapee? Hat der Sessel Ohren? Wohin ginge der Blick aus dem Fenster, wenn man doch einmal von den Seiten aufschaute? Fragen wie diese müssten entscheiden, ob die Literaturstadt von einst heute Lesekräfte anzieht.

Hat der keine Phantasie? Eine geräumige Küche samt Tisch und Stuhl tut es auch. Außerdem kann man ins Café gehen. Ich trage den Bewerbungsschluss in den Kalender ein, schicke den Hinweis per Mail an eine Freundin, mache mit der Arbeit weiter. Abends kommt Besuch. Das Stipendium mitsamt seinem Glücksversprechen ist wieder vergessen.

Die Liste
Montagnachmittag, 22. September. Müde, obwohl die Woche erst angefangen hat. Ein Symposium am vergangenen Wochenende, ein Vortrag in Vorbereitung, abends eine Veranstaltung, bei der ich mich unbedingt blicken lassen muss. Im Kalender steht: „Bewerbungsfrist Lesestipendium“. Gar keine Zeit, grade jetzt nicht. Aber schön wäre es doch! Gierig lesen an einem unbekannten Ort. Meine Phantasie überschlägt sich. Im Regal neben dem Schreibtisch unberührte Bücher, Zettel mit notierten Titeln. Ich schreibe ja schon. Die Titel hüpfen wie hungrige Ziegen mit der Aussicht auf Futter in meine Bewerbung. Lese das Geschriebene. Verschicke eine Mail. Gehe wieder an die Arbeit. Gerate in Hektik. Vergesse das Stipendium erneut.
Und dann, Mitte Oktober, ist die Frankfurter Buchmesse schon fast vorbei. Sonntag. Sonne. Erschöpfung ob des Sauerstoffmangels in den Messehallen und des übermäßig konsumierten Weins. Will nur an die Luft, da klingelt das Telefon: „Wir haben uns für Ihre Liste entschieden. Wollen Sie das Stipendium annehmen? Wir würden Sie einladen.“ Himmel, das ist Graz! Was nun? Spontane Panik. Man gewinnt doch nie was. Muss mitsamt dem Telefon sofort auf dem Sofa zum Sitzen kommen. Gerufene Geister in meinem Ohr. Allmählich Gedanken wie „Die Chance hast du nie mehr wieder.“ Nachher alles regeln, es geht doch irgendwie! Einer sagt: „Für dich ist das wie für andere ein Lottogewinn.“ Er hat ja recht. Ein Auftraggeber (belesen) ruft an, nachdem er die Liste von mir eingefordert hat: „Entschuldige die Störung“, sagt er, der sonst nie privat bei mir anruft, „aber wer sind diese Autoren? Kannst du mir das erklären?“ Und will wissen: „Was musst du für das Stipendium noch tun?“ Das „Nichts, oder jedenfalls fast nichts“ überhört er erst, um es dann ungläubig zur Kenntnis zu nehmen. Wenn angekommen ist, dass dieses Stipendium tatsächlich ein Geschenk ist, werden alle urplötzlich ganz still.

Die Liste

Dass ich Michael Stavaric mit Magma und Terminifera (Residenz) auf die Liste genommen habe, war eine Folge der Faszination, die Stillborn, Europa. Eine Litanei und vor allem Nkaah. Experimente am lebenden Objekt auf mich ausgeübt haben. Eine Freundin mit exquisitem Lesegeschmack und profunder Sachkenntnis, der ich aufgrund immer treffsicherer Hinweise zu ewigem Dank verpflichtet bin, hatte mir die Texte leidenschaftlich empfohlen. Vor allem das lyrische und traumhafte Nkaah hat mich schier umgeworfen.
Das Stipendium als günstige Gelegenheit, Leselücken aufzufüllen. Mit Isabella Husers Das Benefizium des Ettore Camelli (Bilger Verlag) bin ich, ausnahmsweise das Verlagsmarketing ernstnehmend, der emphatischen Empfehlung des Verlegers gefolgt. Iris Hanikas Treffen sich zwei (Droschl) stand auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2008 und war von besagter Freundin ebenfalls angepriesen worden. Außerdem habe ich vor vielen Jahren Iris Hanikas Schwester kennen gelernt, seitdem den Namen präsent gehabt, und Hanikas Das Loch im Brot und ihre Berliner Feuilletontexte schätze ich sehr. Mit Dietmar Daths Romanen Waffenwetter und Abschaffung der Arten (Suhrkamp Verlag) bin ich dem Impuls gefolgt, endlich etwas anderes von Dath zu lesen als seine spärlich gewordenen Texte im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Jamal Tuschicks Aufbrechende Paare (Weissbooks) ging auf frühere Tuschick-Lektüren und den Umstand zurück, dass Tuschick häufig Frankfurt, den Ort, an dem ich lebe, zum Schauplatz seiner Texte macht. Mindestens ein Buch gegen aufkommendes Heimweh im Gepäck. Und Beatrix Langers Der wilde Europäer (Matthes & Seitz Berlin) war eine der Eile geschuldete Zufallswahl.
Jan Wagners und Björn Kuhligks (Hg.) Lyrik von jetzt Zwei (Berlin Verlag) brauche ich für meine Arbeit, und als die Einladung kommt, habe ich schon viel darin gelesen, Marion Poschmanns Hundenovelle (Frank­furter Verlagsanstalt) ist ausgelesen. Mit Arthur Rimbaud/Paul Celan (Ü) Das trunkene Schiff (Insel) unternehme ich einen Ausflug in meine akademische Vergangenheit, und Mark Danielewskis Das Haus (Klett-Cotta) dürfte ein Buch sein, für das man viel Zeit braucht, die das Stipendium ja bietet.
Als ich zugesagt habe, schaue ich die Liste leise zweifelnd an, würde manches gerne ändern. Zu spät! Vor der Abreise schicke ich mir ein geheimes Alternativbücher-Carepaket nach Graz. Die Liste wirkt trotzdem rechtschaffen bedrohlich. Ich soll das alles lesen und weiß schon jetzt, dass mich alle fragen werden: „Und – hast du alles gelesen?“ Bin doch keine Lese-Leistungssportlerin. (Aber nachher fragen alle natürlich, genau wie mich seltsame Gäste mit dem Blick auf mein ausladendes, etwas lieblos von oben bis unten vollgestopftes Bücherregal, das ich nach der Rückkehr aus Graz schon wieder dringend erweitern müsste, fragen: „Hast du das alles gelesen?“)
Die Liste ist nicht zuletzt ein kleines, beschämendes Beispiel dafür, dass das Leben immer zu kurz ist für all die Bücher, auch dafür, dass die Bücher immer zu dick sind und die Geduld beschränkt.

Das Lesemantra
Vor vielen Jahren ein entlastendes Lesemantra entdeckt und seitdem nie mehr vergessen. In Das Goldene Notizbuch schreibt Doris Lessing:
Es gibt nur eine Art, Bücher zu lesen, nämlich die, in Bibliotheken und Buchhandlungen zu stöbern, Bücher mitzunehmen, die einen interessieren, und nur die zu lesen, sie wegzulegen, wenn sie einen langweilen oder die Längen zu überspringen, und niemals, niemals etwas zu lesen, weil man glaubt, man müsste, oder weil es zu einer Richtung oder Bewegung gehört.

Daran habe ich mich seitdem so streng wie möglich gehalten. Alles andere ist Unfug, fahrlässig gegenüber der Literatur, lusttötend, folglich zu vermeiden. Ich spreche Doris Lessing dafür meinen eigenen kleinen, leider gänzlich undotierten Literatur-Nobelpreis zu.

Lesen
Man braucht kein Sofa (obwohl es in der Grazer Wohnung eines gibt), es geht in der Bahn, am Küchentisch, im Café, besonders gut im Kaffeehaus. Weil das Kaffeehaus ein Ort ist, der die von ihrer Peinlichkeit befreite Privatheit als Grundstimmung in sich birgt. Man sitzt, liest Zeitung, plaudert,  schaut nur, isst vielleicht, vermeidet lediglich die Gesten, die man sich zuhause vielleicht erlauben würde: Schuhe ausziehen, blöde Grimassen schneiden, allzu laute Unmutsäußerungen bei allzu ärgerlicher Lektüre etc. Sonst scheint in der konzentrierten Lässigkeit des Kaffeehauses alles möglich, und das Schönste ist, dass die, die darin sitzen, selber gar nicht zu wissen scheinen, in welch privilegierter Situation sie sich dadurch befinden, dass es in ihrem Einzugsgebiet überhaupt ein Kaffeehaus gibt. Neid auf ein Land, das Kaffeehäuser zu seinen kulturellen Errungenschaften zählen kann. Und das überall grassierende Rauchverbot ist im Kaffeehaus auch noch nicht angekommen!

Lesen geht auch im Bett, wenn man nicht zu müde ist, obwohl es etwas für sich hat, über einem geöffneten Buch und mit vor den Augen verschwimmenden Buchstaben wegzudämmern. Lesen ist morgens leichter, wenn man vorher das Haus auf einen Sprung verlassen hat, der Kreislauf schon in Gang gekommen ist. Ersatzweise tut es eine kalte Dusche. Lesen geht auf dem Boden sitzend, mit dem Rücken an der Heizung, wenn man friert, am Schreibtisch, wenn man sich besonders konzentriert mit einem Text beschäftigen will oder muss. Man braucht zum Lesen idealiter überall ausgestreute oder in Handtaschen herumgeschleppte Bleistifte, am liebsten möglichst billige, identische aus einem Sammelpack, um anzustreichen und zu notieren, direkt ins Buch hinein, in Hefte, auf flatternde Zettel. Lesen geht sogar im Flugzeug, wenn die Lektüre fesselnd genug ist. Auf der Reise lese ich das vorher fürsorglich von einem Freund zugesteckte („Du brauchst auch Trash für zwischendrin!“), abstruse Insel-Bändchen Das Ende König Ludwigs II von Philipp Fürst zu Eulenburg-Hertefeld, während der Flieger über die oberbayerische Schlösserlandschaft hinwegschnurrt. Die Wahnsinnsgeschichte des Märchenkönigs, dessen Schlösser mir in meiner Kindheit vorkamen wie eine Illustration zu Grimms Märchen, war kürzlich Thema eines Gesprächs zwischen dem Freund und mir, und er hatte das Buch für mich aufgetrieben. Als ich lese, dass Ludwig bei seiner Ankunft in Linderhof immer eine ganz bestimmte Säule in der Halle umarmt hat, denke ich: „Wahre Ästheten umarmen eben keine Bäume.“ Gewiss ist auch: Bei der Nennung dieses Titels wäre mir kein Leselisten-Pluspunkt zugeteilt worden.
Und schließlich gibt es immer echte Alternativen zum Lesen: spazieren gehen, schlafen, mit anderen Lesern über Bücher reden. Musik hören. Da muss ich 35 Jahre auf der Welt sein und nach Graz reisen, um endlich zu begreifen, wie gut der frühe David Bowie wirklich ist!

Graz
Eine Delle, in die der Teufel einen Stein geschleudert hat. Daraus wird ein ordentlicher, steiler, prototypischer Berg, der in der Delle gut zur Geltung kommt. Nicht auszudenken, wie schnöde die Delle aussähe, hätte der Teufel den Stein nicht geworfen. Ob die Uhren in Graz anders gehen, kann ich nicht beurteilen, denn der Uhrturm, der aufgrund seiner erhöhten Position und als Grazer Wahrzeichen ja wohl so was wie regionale Zeitdeutungshoheit genießen sollte, wird saniert und ist mit greller Reklame verhüllt. Und die Himmelsrichtungen habe ich, die ich mir sonst auf meinen Orientierungssinn so viel zugutehalte, aus den Augen verloren, sodass ich mich in Graz dauernd verlaufe. Das passt zum Fall aus der Zeit, wie vieles, was sich während meines Aufenthaltes sonst noch ereignet. Herrlich, sich zu verlaufen, wenn man keine Eile hat!
Niemals ist etwas von dem von allen Grazreisenden angedrohten Inversionswetter zu sehen. Fast immer Sonne, obwohl fast schon Weihnachten. Eine Eiskrippe, ein schauderhaftes Gebilde, Maria, Josef, das Christuskindlein mit überdimensioniertem Wasserkopf. Tag für Tag sehe ich bei meinen Stadtspaziergängen mit an, wie die Krippe entsteht und vergeht: die aufgestapelten Eisblöcke im Landhaus-Innenhof, die Fertigstellung des Krippenkunstwerks, die pilgernden Scharen von Fototouristen und dann, am Tag meiner Abreise, bei mildsanftem Tauwetter, weint die Eiskrippe Sturzbäche, löst sich auf, vielleicht vor Scham über ihre eigene Scheußlichkeit? Auf Nimmerwiedersehen, Pfütze, frohes Verdunsten. Wirst weiterleben auf tausenden eingefrorener Touristenfotos. Trotzdem: Zum ersten Mal seit Jahren kommt im verwinkelten Graz bei mir wieder so etwas wie Weih­nachtsstimmung auf.
Graz ist trotz seiner Krippe großartig, alle freundlich, keiner so grantig, wie man es mir zuhause suppespuckend prophezeit hat, der Vogerlsalat, der tatsächlich aussieht wie kleine, zur Ruhe gekommene Flügelchen, schmeckt mit Kernöl grandios, alle wohlwollenden Zuschreibungen aus den Broschüren des Tourismusbüros treffen zu. Oder bin ich verliebt, verliebt in diese unverhofft geschenkte Zeit ohne Uhr, die so schnell vorbeigeht, während ich auf dem Schlossberg stehend in die Wintersonne starre und mich frage, in welcher Richtung wohl Wien liegt?

Die Bücher
Ich komme um die Beantwortung der Frage nicht herum, gebe (zähneknirschend) zu, dass ich sie, die Bücher, natürlich nicht alle gelesen habe. So sehr mir Daths Waffenwetter zugesagt hat, hat mich Die Abschaffung der Arten mit seiner tierfabelnden Mischung aus Apokalypse und Romantik gelangweilt. Auf Seite 85 ist meine Geduld endgültig erschöpft. Das Haus war mir auch auf der Reise zu dick, Der wilde Europäer, unglücklich begonnen in der Badewanne, ist ebenfalls halb gelesen liegen geblieben. Normale Bücherschicksale, was soll ein Lesestipendium daran ändern? Waffenwetter dagegen ist großartig, die Protagonistin Claudia Starik phänomenal, Treffen sich zwei ein witziges Buch, würde es bedenkenlos allen schenken, die Berlin lieben oder immer noch an die Liebe glauben – irgendwas muss man ja glauben – oder einfach mal wieder was Schönes lesen wollen. Ein Buch, bei dem der Klappentext recht behält. Isabella Husers Das Benefizium des Ettore Camelli hat meine Erwartungen nicht enttäuscht und Tuschick war zumindest okay. Mit Rimbaud bin ich der Fahrt des wilden, trunkenen Schiffs an einem Morgen nach einem Alptraum auf seiner Fahrt gefolgt und habe so den Alptraum verlängert. Stavarics Bücher haben mich lange beschäftigt und tun es noch. Habe Nkaah mit gewachsener Begeisterung wiedergelesen. Dorothea Dieckmanns Harzreise gelesen und rezensiert, dank Reinhard P. Grubers Styrian Flesh and Blood einiges über die Bewohner der Steiermark erfahren, und George Perecs Die Dinge, eines meiner erklärten Lieblingsbücher, zum was weiß ich wievielten Mal aus Anlass der allseits ausgerufenen Krise und zur Beruhigung erneut gelesen.
Georges Perec hat seinen Erstling Die Dinge dem Zerfall des Menschen zum Konsumenten gewidmet. Auf der Folie von Flauberts Education sentimentale seziert Perec die Wünsche und Sehnsüchte eines jungen Paars der sechziger Jahre, das das Studium abbricht, um sich mit dem durch Marktforschung schnell verdienten Geld endlich eine Wohnung mit Dusche leisten zu können. Die Metamorphosen von Sylvie und Jerome sind so gruselig wie lebensnah. Das Buch fordert zu einem freieren Umgang mit den vermeintlich so glücksversprechenden käuflichen Dingen auf, ist ein wirksames Therapeutikum gegen die neuerdings wieder so viel zitierte Gier und zugleich so intelligent, zu zeigen, dass man sich gegen die Mechanismen des Marktes nicht einfach dadurch immunisieren kann, dass man sie benennt.

Lesen und leben
Oft helfen die Bücher im Leben nicht weiter. Im sechsten Kapitel des Romans Übers Eis von Peter Kurzeck schildert der Erzähler, ein Espresso-Extremtrinker, wie er schreibend und sinnierend seinen Espresso immer wieder neu ansetzen muss. Halb ist er schon unterwegs zu einem Vorstellungsgespräch für einen Aushilfsjob als Theaterpförtner, den er braucht, um sein Schreiben finanzieren zu können. Aber vorher, „vorher noch zwei-drei Espresso“. Beim ersten Mal verkocht ihm der Espresso, während er sich mit seinen Notizen befasst. Er nimmt sich vor, beim zweiten Mal besser aufzupassen – und vergisst das Kännchen erneut. Beim dritten Mal wieder. Dann fehlt das Pulver, dann das Wasser. Und er sinniert weiter: Man könnte auch vergessen das Gas anzuzünden, das Kännchen könnte explodieren. Lauter Katastrophen. Und immer könnte es noch schlimmer kommen.
Als mir an einem Samstagmorgen in der frisch gestrichenen Autorenwohnung des Grazer Literaturhauses tatsächlich das Espressokännchen explodiert, während ich im Morgenrock daneben stehe, entsetzt und wie gelähmt zusehen muss, wie sich die dampfende braune Flüssigkeit großzügig im Stil eines expressiven (okay, es heißt Espresso) Airbrush über die ganze weiße Wandfläche hinter dem Herd verteilt, während ich das Kännchen von der Platte reiße und es nachher „zischend im Spülbecken liegt, ein Schock, eine Panik, und wälzt sich vor Hitze und Schreck“ (Kurzeck), fällt mir eben jene Passage aus dem Roman ein. Die Finger habe ich mir natürlich auch verbrannt, hektische Versuche, die Kaffeeflecken von der Wand abzuwischen, schlagen jämmerlich fehl. Sie werden vom verzweifelten Schrubben ein bisschen heller, starren mich aber weiterhin unübersehbar an. Und während ich einsehe, dass hier nichts mehr zu tilgen ist, wird mir klar, dass die Illusion, der ich früher aufgesessen bin, sich einmal mehr als solche erweist. Ungefähr achtzehn und nach gierigen Lektüren, die mein Vorstellungsvermögen, meine Schamgrenzen, meinen Erfahrungshorizont überschritten hatten, begriff ich es als Herausforderung, durch weitere ausgesuchte Lektüren eben jene Grenzen weiter systematisch niederzureißen, so lange zu lesen, bis mir nichts Menschliches mehr fremd wäre. Der Gedanke, mich durch Lektüren gegen alle unvorhersehbaren und harten Erfahrungen wappnen zu können. Eine literarische Vergleichspassage für jede Lebenslage als probates Mittel, um mit jeder Erfahrung auch leicht fertig zu werden, um mit einem „Das kenne ich alles schon!“ unversehrt und abgeklärt aus allen Schlachten und Katastrophen hervorzugehen. Erneut halbherzig an den sichtbaren Flecken herumwischend, muss ich einmal mehr einsehen, dass die Literatur in den seltensten Lebenslagen hilfreich ist. Dennoch fühle ich mich getröstet durch jene komisch-ironische Kurzeck-Passage.
Lesen ist wirklich nützlich, nur auf andere Weise, als ich früher geglaubt habe.

Historisches aktualisiert
Mit der Erinnerung an Graz komponierte Franz Schubert das ausgelassene kleine Stück Grazer Galopp. Schubert, der mehrfach über eine Reise dorthin nachgedacht hatte, besuchte Graz Anfang September 1827 und wohnte im Haus der Familie Pachler. Der Advokat und Brauereibesitzer Karl Pachler besaß ein stattliches Haus an der Ecke Pfarrgasse/Große Herrengasse und war für seine Gastfreundschaft berühmt. Schubert muss in Graz sehr glücklich gewesen sein. Nach seiner Rückkehr nach Wien schrieb er: „Schon jetzt erfahre ich, ich mich in Grätz zu wohl befunden habe, und Wien will mir noch nicht recht in den Kopf.“ Wenn man das hüpfende Klavierstück hört, mag man kaum glauben, dass es aus der Feder eben jenes Komponisten stammt, der mit seiner Musik Zuhörer in schöner Regelmäßigkeit zum Heulen bringt. Ich entdecke das Stück nach meiner Rückkehr auf einer CD, denke beim Hören „Ja, so war es in Graz“. Noch einmal Schubert: „In Grätz erkannte ich bald die ungekünstelte und offene Weise, mit und nebeneinander zu seyn. Besonders werde ich nie die freundliche Herberge vergessen, wo ich seit langer Zeit die vergnügtesten Tage verlebt habe.“
Danke, Franz, das ist auch ohne Noten zum Weinen schön. Und Danke, schreibkraft und allen, die mich in Graz so herzlich empfangen haben!