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look good on the dancefloor

Das literarische Debüt von Christof Huemer tanzt in großen Fußstapfen


Christof Huemer: Zweifellos. Roman

edition keiper 2008

Rezensiert von: stefan abermann


Die junge Grazer Edition Keiper hat Huemers Erstling Zweifellos einen Einband verpasst, der entfernt an eine Medikamentenschachtel erinnert. Auf der Rückseite angeführt: Inhaltsstoffe und ein Warnhinweis. Der Warnhinweis fasst den Ausgangspunkt der Romanhandlung zusammen: DJ Andreas Mar war ein Held an den Plattentellern, er hat ein Album produziert, das ihm internationales Renommee beschert hat. Nun ist Mar (natürlich) „in einer tiefen Krise“. Er kehrt in seine Heimatstadt Graz zurück; nicht nur, um sich musikalisch zu sammeln, sondern auch, um seine Ex-Freundin zurückzuerobern. Die „Inhaltsstoffe“ sind dagegen Songtitel, die Huemer im Buch als Kapitelüberschriften verwendet; sie sind die Setlist für den Mix seines Protagonisten.
Bei pop-modern gebildeten Lesern klingeln bei diesen Informationen nun schon einige Warnglocken (DJ? Ex-Freundin? Woher kennen wir das ...). Der Verdacht erhärtet sich schließlich bei der Lektüre. Sowohl Nick Hornbys High Fidelity als auch Benjamin von Stuckrad-Barres Soloalbum dürften für Huemers Zweifellos Modell gestanden haben. Einer der lustigsten Auswüchse dieses Verwandtschaftsverhältnisses stammt aus einem Kapitel, das bezeichnenderweise mit Be here now übertitelt ist (wir erinnern uns: Soloalbum, das Buch mit den Oasis-Songs). Zitat: „Ich mag Listen. Wenn man als Engländer Musik hört, heißt das genau so.“ (Wir erinnern uns: High Fidelity, das Buch mit den Top-5-Listen). Leider gelingt es Huemer nur selten, derart augenzwinkernd auf seine Vorbilder hinzuweisen. Sein DJ Mar ist zwar ein „Fundus aus popkulturellem Strandgut“, doch er ist nicht der erste Romanheld dieser Sorte. Gerade wegen dieser offensichtlichen Parallelen zu den angeführten Standardwerken der Popliteratur hinterlässt dies einen etwas schalen Nachgeschmack.

Allerdings weiß Huemer trotzdem zu unterhalten. Er kämpft sich stilistisch schwungvoll mit seinem Helden voran. Bilder aus scheinbar weit entfernten Themenfeldern fließen in die Prosa ein, verfremden die Handlung und verleihen ihr Farbe und Dynamik. DJ Andreas Mar schwadroniert im gehobenen Blogger-Plauderton, wankt, säuft und liebt sich wacker durch die turbulente Handlung und räsoniert dabei über das Leben, die Frauen und den DJ-Beruf. Im Ton changiert er dabei dynamisch zwischen larmoyanter Daseinsbewältigung und zynischer Alltagsbeobachtung. Er gibt also recht überzeugend das sympathische Arschloch, das man einfach hassen muss, um es wirklich zu lieben. Problematisch ist dabei nur, dass dieser Erzähler über ein derart übermächtiges Ego verfügt, dass die restlichen Figuren fast erdrückt werden. Das führt einerseits dazu, dass sie wenig Identifikationspotenzial bieten, und dass man andererseits die Motive für das, was sie tun, nur schwer nachvollziehen kann – wodurch einen die Handlungsumschwünge oft etwas unvermittelt treffen.
Alles in allem ist Zweifellos aber ein sehr unterhaltsamer Roman. Huemer tanzt mit seinem DJ zwar in sehr großen Fußstapfen und schafft es nicht immer, die Riesenschritte nachzuvollziehen, doch er zeigt, dass er durchaus fähig ist, auch eigene Spuren zu hinterlassen. Wir werden sehen, wohin Huemer mit seinem Nachfolgeroman tanzt.