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mehr als genug

stefanie lehrner | mehr als genug

Ist das Nichts dem Menschen zumutbar?

Mehrheitlich sind wir superlativisch. Das übergeordnete Ziel unseres Lebens besteht darin, uns zu vermehren. „Seid fruchtbar und mehret euch!“, heißt es schon in der Bibel. „Seid wirtschaftlich und mehret euren Gewinn!“, so dann etwa die sinngemäße Übersetzung in die Managementsprache heutiger Zeit. Dieses Prinzip des Vermehrens scheint jede Faser unseres Körpers zu durchdringen und uns zu konstituieren: Mehr, mehr, mehr. Gut, besser, am besten noch mehr. Die Doktrin, an die wir uns halten: je mehr, desto besser. Natürlich haben wir gelernt, zu subtrahieren, zu reduzieren und zu vermindern, aber vielmehr konzentrieren wir uns darauf, zu addieren, zu vergrößern und zu steigern. Mehr ist die Maxime unseres Lebens. Wir wollen mehr Geld. Oder mehr fürs Geld. Mehr Zeit. Mehr Arbeitsspeicher. Mehr Macht. Mehr Prestige. Mehr Bartwuchs. Mehr Spaß. Mehr Sicherheit. Mehr Energie. Mehr Liebe. Mehr etwas. Oder etwas mehr. Etwas mehr als bisher. Und vor allem: etwas mehr als andere.
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Darf’s a bisserl mehr sein?
Wir haben dem Mehr sogar einen eigenen Platz auf unserer Werteskala eingeräumt: den Mehrwert. Dafür zahlen wir ja auch die Mehrwertsteuer an eine mehrheitsfähige Regierung, die wir mehrfach wählen, wenn wir nicht gerade Mehrdienstleistungen erbringen, was dann eine Mehrbelastung ohne Mehrerlös wäre, oder in Mehrfamilienhäusern Mehrzweckmöbel mit Mehrzweckreinigern putzen oder Mehrfachimpfstoffe besorgen, bevor wir die Mehrwegflaschen mit etwas Mehraufwand mehrmals ...
Auch unsere Sprache zeigt: Wir sind auf das Mehr fixiert. So nennen wir den Komparativ Mehrstufe, ohne ein vergleichbares Pendant einer Wenigerstufe zu haben. Diskriminierend ist das. Mehr noch, manchmal mehren wir etwas so sehr, dass es in Höchstform aufsteigt und sich auf die Meiststufe stellt. Auch hier kein vergleichbares Synonym für eine Wenigststufe. Selbst wenn wir weniger meinen, drücken wir das mit mehr aus: das Gegenteil von schneller ist z. B. nicht weniger schnell, sondern langsamer, also eigentlich mehr langsam. Beachtenswert auch: So wie es nur eine Freiheit von etwas gibt, funktioniert mehr nicht nur von, sondern nur in Kombination mit als. Weil mehr ja eine Steigerung von etwas, eine Veränderung zur Ausgangslage impliziert: mehr als zuvor, mehr als jemand anderes. Aber dazu muss irgendetwas einmal da sein. Denn von nichts kommt nichts, quasi, und schon gar nicht mehr. Oder?
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The Haves and Have-Mores

Wir wollen nicht die besten sein. Wir sind bescheiden. Uns reicht es besser zu sein. Ob wir dabei gut sind, ist egal. Interessant ist der Maßstab, mit dem wir uns vergleichen und versteigern. Wir scheinen zufrieden zu sein, mit dem, was wir haben/sind/können, solange es etwas mehr ist als bei den anderen. Also ob wir genug haben, lässt sich nicht objektiv festmachen, sondern realisiert sich subjektiv – erst im Bezugsetzen. Das führt uns zu dem Schluss: Wir wollen nicht nur genug haben, wir wollen mehr als genug haben. Und mehr noch, wir wollen mehr-haben-als. Wir haben mehr, als wir brauchen, um zufrieden zu sein. Um zufrieden zu sein, brauchen wir mehr-haben-als.
An guten Tagen sind wir ein bisschen erfolgreicher, ein bisschen schneller, ein bisschen charmanter, sehen ein bisschen besser aus, haben etwas mehr am Gehaltszettel stehen, ernten ein bisschen öfter Anerkennung, haben klügere Kinder, eine größere Wohnung, eine etwas höher auflösende Digitalkamera, mehr Haare am Kopf, im Allgemeinen etwas mehr Ahnung von allem, im Speziellen mehr Glück, also subjektiv ein bisschen mehr vom Leben als unser Gegenüber.
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„Reduce to the max!“

Wenn wir allerdings einfach immer mehr wollen, wird bald nichts mehr einfach sein. Nicht nur weil der Vergleichungs- und Vermehrungswahn auf die Dauer gesehen anstrengend wird. Das Tückische daran ist, dass wir mehr oft mit besser gleichsetzen. Das scheint logisch, allerdings übersehen wir dabei, dass mehr nicht zwingend gut ist und desto mehr nicht zwingend desto besser. In vermehrtem Ausmaß wird mehr plötzlich zu viel. Mehr des Guten ist dann nicht mehr doppelt so gut, sondern zu viel des Guten. So entlarvt schon Paul Watzlawick das Gesellschaftstool „mehr desselben“ als Scheinlösung:
Nehmen wir nur den Vergrößerungswahn als Beispiel. Was scheint logischer, als von einer einmal gefundenen und seither vielfach bewährten Lösung anzunehmen, dass sie sich – entsprechend multipliziert – auf immer größere Problemkreise anwenden ließe. Hundertmal soviel ist aber nur in der reinen Mathematik hundertmal soviel.
Beim Immer-mehr-Besitz-Anhäufen gilt die Tyler Durden-Weisheit aus dem Kultfilm Fight Club: „Alles, was du hast, hat irgendwann dich.“ Brauchen wir den Godmorgon-Spiegelschrank und den Beata-Teppich wirklich? Vom Barnslig-Stützkissen ganz zu schweigen.
Also lieber weniger und dafür gut. Lieber weniger und dafür intensiv. Lieber weniger und dafür richtig. Aufs Wesentliche konzentrieren, statt sich in Belanglosigkeiten verlieren. Nichtsdestomehr beschränken wir uns nun aufs Wesentliche: Weniger ist oft wesentlich mehr. Poetischer hat das Antoine de Saint-Exupéry ausgedrückt: „Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn es nichts mehr hinzuzufügen gibt, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann.“
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Am Nullpunkt
In Zeiten des „Konsumismus“ und der „Zuvielisation“ ist das mit dem Weniger gar nicht mehr so einfach. Wenn wir mehr nicht mehr als ein Ziel verfolgen, was sind denn eigentlich dann unsere Ziele? Wo ist der Punkt, an dem wir uns gemütlich zurücklehnen und sagen: „Das genügt mir. Ich will nichts mehr.“? Um noch einmal auf unseren Tyler Durden zurückzukommen: „Erst, wenn du am Nullpunkt bist, hast du wieder die absolute Freiheit.“
Aber wollen wir die absolute Freiheit überhaupt? Nur für den Fall, dass wir irgendwann erkennen würden, dass weniger schon mehr als genug wäre. Angenommen, wir kommen an den Punkt, wo wir nicht mehr danach streben, mehr zu haben, mehr zu sein, mehr zu können. Wo wir also nichts mehr wollen. Wo würde das dann hinführen? Bedeutet „Wir wollen nichts mehr“ automatisch „Wir wollen nicht mehr“ – und bedingt Stillstand, Leere und Gleichgültigkeit? Denn von nichts kommt ja nichts – erinnern Sie sich?
Also gehen wir von „Wir wollen nichts mehr“ aus und steigern das nun ins Minimale oder reduzieren das aufs Maximale: Nichts mehr wollen. Nichts mehr wollen von nichts. Nicht mehr und nicht weniger. Start from zero. Weil weniger ja sowieso mehr ist und es mehr, wenn wir konsequent auf unsere anfänglichen Überlegungen aufbauen, ja nicht nur von, sondern immer nur in Kombination mit als gibt, wären wir dann bei: „Wir wollen nicht mehr und nicht weniger von nichts als nichts.“
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Nichts mehr
Einfach nichts mehr. Nichts mehr wollen. Nichts mehr denken. Nichts mehr fühlen. Nichts mehr sein. Nichts.
Auch irgendwie fad, wenn man so von allem genug hat, nicht? Absolut-genug-haben, die absolute Freiheit führt unweigerlich ins Nichts.
Worauf dieses Gedankenexperiment nun hinausgelaufen ist? Richtig! Nichts.
Begeben wir uns nun auf die Pfade des Nihilisten aus Friedrich Achleitners Einschlafgeschichten um mit seinen Worten zu schließen:
Ahnen Sie die Botschaft? Das Nichts bleibt ein unerreichbarer Zustand. Das Nichts ist Gott. Dieser schuf das Etwas, um sich ein für alle Male den Menschen vom Leib zu halten. Das ganze Gerümpel verhindert den Blick auf das Nichts. Es ist unvorstellbar geworden.

[Lesen Sie ... ach nichts.]