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Nach Selbstgesprächen

Über die Hoffnung, dass die Worte etwas bedeuten, Forts.


Andrea Winkler: Hanna und ich

Droschl 2008

Rezensiert von: peter wegenschimmel


Nach den Selbstgesprächen des Debüts Arme Närrchen folgt Hanna und ich. Obgleich der Titel Erwartungen weckt, die dem Erfahrungsaustausch das Wort reden, gerät Andrea Winkler wieder in monologisches Stocken. Die Identitätsfrage übersteigt unsere Propositionen. Wer ist Hanna, wer ist ich, wo scheiden sich hier die Geister? Nicht von ungefähr schrieb die Autorin ihre Dissertation über Friederike Mayröckers Poetologie, die im Grunde die Auslöschung des Subjekts angesichts der Sprache abschätzt.

Meine Sätze für Hanna gehen mir langsam aber stetig aus, und die Angst wird dann und wann größer, dass Hanna mir entgleitet, dass sie sich am Ende doch in Staub auflöst und die Frage nach den mitsprechenden Stimmen liegen lässt auf dem Tisch.

Wer lässt sich hinter den mitsprechenden Stimmen vermuten? Ambivalente Begleiter haben sich auch im zweiten Buch fortgepflanzt.

Die kleinen Häufchen Schnee werfen Wellen in Hannas Augen, und einen davon trägt sie fort. Nur in dieser Position hört sie auf, die Frage nach den mitsprechenden Stimmen zu stellen, in dieser Lage wird sie vollends gleichgültig gegen das Verbrauchte, das wiederkommt.

Das Mitsprechende – die Sprache selber? Wer Hanna und ich liest, wird nicht daran vorbeikommen, zu glauben, dass die Sprache es ist, die unweigerlich mitdröhnt oder leise mithaucht. Man ist womöglich erinnert an die Sapir-Whorf-Hypothese von der Bedingtheit des Denkens durch die Sprache. In beiden Büchern ist es Andrea Winkler darum zu tun, faktisch die Frage auszusprechen: Was ist Sprache? Freilich wird die Frage von ihr nicht traktatähnlich abgehandelt, sondern aus der Sicht der Schriftstellerin angeschrieben.
Wer die beiden Bücher liest, wird in der Interpretation unweigerlich auf Heidegger angewiesen sein. „Die Sprache spricht“ – sein geflügeltes Wort. Gleichfalls Heideggers „Geläut der Stille“ findet in Andrea Winklers Prosa sein Pendant. Hanna taucht immerzu am Rande des Sprachlosen auf, mithin verweigert die Autorin jegliche Einsicht, ob ihre Protagonistin überhaupt je zu sprechen wagt. Es ist erfreulich, dass man trotzdem ein Buch über sie schreiben kann. Vielleicht weil die Sprache bei Gott nicht als Antipode zum Schweigen anzusehen ist.
Als unüberwindbares Grundübel erweist sich die Schwierigkeit des Einander-Verstehens.
„Rio wird zornig, weil er kein Wort findet. Mit welchem das Schweigen brechen?“
Weil wir nichts über die Charaktere Herrn Emm, Lea und Rio wissen können, weil die Sprache zuweilen schweigt und wir niemals wissen, wer spricht, tut sich Andrea Winkler zusehends schwer mit einem Plot.
„Die Geschichte ist im Suchen begriffen. Immerhin.“
Eine laute Riege an Fragen überdeckt Hannas Geschichte. Es gelingt ihr nicht am eigenen Zopf zu zerren, zumal sie tiefer versinkt; als einziges Blubbern bestehen ihre schönen Fragen. Wer hat überhaupt festgesetzt, dass wir alle in Antworten mäandrieren und weniger in Fragen? Nach Heidegger ist das Merkmal der Sprache ihr Fragwürdiges. Demgemäß geht jede kurze Erzählung auf oder erstickt in/an der Frage.
Ein Szenario, in dem sich die Alltäglichkeiten von ihren Personen ablösen. Diese wollen hier erzählen, was geht und sich dem Mitsprechenden, der Sprache widmen, dabei versagen sie an der Sprache und geraten ins Trudeln.