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panseninhalt

sibylle severus | panseninhalt

Wenn das Gehör und die Augen nach dem Winter noch mitmachen, gibt es fast vergessene Vergnügen zu entdecken: das zitternde Gewebe des Vogelgezwitschers, die Lichtflut an einem Frühlingsmorgen, zarte Blätter und Blüten, die sich unter der Last der Bienen neigen.
Wie die Blätter und die Blumen sind auch meine Haare unhörbar gewachsen, haben jedoch an Farbe verloren. Ein Besuch bei meinem Coiffeur ist nicht hinauszuschieben.

Bodo erzählt vom Ballett. In der Freizeit tanzt er klassisches Ballett. Nicht professionell, zu seiner eigenen Freude übt er in einer Amateurgruppe. Seine Lehrerin meint, er habe Talent. Bodo sagt das in aller Bescheidenheit. Er ist Coiffeur und nicht Tänzer. Er möchte auch gar nicht Tänzer sein und sich Tag für Tag derart schinden.
Er wüsste nicht, wofür eigentlich, sagt er.
Leider habe ich die genaue Formulierung nicht im Ohr. In dem Augenblick, als Bodo sich oder mich fragte, wofür eigentlich? stieß ich an mein Glas Orangensaft. Am Boden zersprang es in einer Kaskade von Scherben. Glassplitter, Haare und Orangensaft bildeten kleine Biotope. Daraus ergab sich eine Hektik meinerseits, die Bodo nur mit Mühe beschwichtigen konnte.

Im Freien fliegen Bachstelzen aufgeregt zwischen Büschen hin und her, sie fangen Insekten für ihre Jungen. Nicht, dass ich die Vögel beobachten könnte, der Coiffeursalon ist ein fensterloses Kunstlichtgehäuse, doch bin ich mir bewusst, während ich Bodo bitte, mich die Scherben selbst aufklauben zu lassen, dass draußen die Luft von singendem, summendem, zwitscherndem Getier erfüllt ist, während ich innen ein unappetitliches Chaos angerichtet habe.
Ohne sich um die Pfützen zu kümmern, bringt Bodo die Farbkarten. Dieses Mal soll ich einen glücklicheren Ton für mein Haar auswählen können. mein Figaro schlägt Ziegelrot statt Tiziangold vor. Ich bin für Burgund oder eine noch schwächere Variante: Haselnussblond.
Benedikt liebt kupferrotes, langes Haar, fällt mir ein.
Es könnte ja sein, dass er bald anriefe, dass er mir zuliebe auf den Forellenfang verzichtete – und ich, ihm zuliebe, feuerrotes, aber leider zu kurzes Haar hätte.
Bodo und ich einigen uns auf Burgund. Ich könnte mir von ihm, sagt Bodo, im unteren Drittel des Schädels beliebig langes Haar einknüpfen lassen. Eine zeitraubende Arbeit, aber die Frisur hielte drei Monate und sei sogar mit Vorsicht zu kämmen. Nicht die kleinste Entscheidung gilt es zu fällen, ich habe die Hunderte von Franken nicht.
„In den nächsten Tagen müssen die Quittenbäume geschnitten werden“, entschuldige ich mich, „eine schwere, und wegen der Luftverschmutzung staubige Arbeit. Vor allem habe ich den Auftrag, einen ausführlichen Bericht über die wertschöpfende Umwandlung von Panseninhalten zu schreiben. Ich brauche eine praktische Frisur.“
Was das sei, Panseninhalt, fragt Bodo.
„Der Pansen ist ein Magenabschnitt bei den Wiederkäuern. Panseninhalt ist die Masse, die in den Schlachthöfen neben anderen Abfällen wie Blut, Borsten, Knochen, Fett, Häuten und Jauche anfällt. Wir essen nur vierzig Prozent vom Tier, und wir essen zu viele Tiere. Berge, nein, ganze Alpen von Schlachtnebenprodukten, also auch von Panseninhalten, sollten umweltgerecht aufgearbeitet werden. Ein Professor hatte dazu vor einigen Jahren eine sehr gescheite Erfindung gemacht. Über ihn habe ich zu schreiben, und also keine Zeit für tagelanges Einknüpfen von Fremdhaar.“
Es sieht aus, als könnte der Professor und seine Idee Bodo interessieren, dessen Füße auf den trockenen Flecken zwischen den Biotopen stehen.
„Inzwischen sprechen viele Leute von dem Mann“, sage ich, „Die von ihm geschaffene Blumenerde steht in ockerfarbenen Papiersäcken bei mir zu Hause.
Es ist nicht nötig, extra nach Österreich zu fahren und zu recherchieren. Nicht weil Panseninhalt stinkt oder es mir davor grausen würde, das Zeug anzusehen. Auch nicht, weil ich nicht weiß, wo ich eigentlich hinfahren müsste. Graz ist nur ein ungefährer Punkt. Irgendwo auf dem Land wird sein Betrieb stehen. Selbst bei toleranten Behörden eignen sich bewohnte Gegenden kaum, um Berge von Kuh- und Schafsmagen-Inhalten zu lagern, schon wegen der Geruchs-Emissionen. Das sind aber keine Gründe, nicht hinzufahren – es lässt sich auch von hier aus gut recherchieren.“
Nur wegen des Schreibwettbewerbs meines Coiffeursalons bleibe ich hier, das muss Bodo aber nicht wissen. Ich starre auf den Dreck am Boden, doch nicht wie die Auguren Vogeleingeweide betrachteten, sondern wie eine vom Putzen deformierte Hausfrau Schmutz beurteilt.
„Die Gelegenheit zu einer Reise würde ich unbedingt benützen.“ sagt Bodo. Ich schweige, denn ich will eigensinnig eine Weltreise - nicht heute Paris und morgen Graz. „Er ist ein echter Professor“, weiche ich aus, „nicht irgendein Musiklehrer oder Tanzmeister, das wurde mir gesagt. Er ist Chirurg, der feinste Gefäße zusammennäht. Übrigens ist er kein Österreicher. Er wohnt nur in diesem Land, wegen der toleranten Behörden, nehme ich an. Auch übt er seinen Beruf nicht mehr aus. Da ich ihn nicht besuchen werde, muss ich logische Schlüsse aus den bekannten Tatsachen ziehen: Einmal war der Professor ein Kind, vielleicht in einer Großstadt, in der bittere Hungersnot herrschte. Der Professor hatte den zweiten Weltkrieg erlebt, etwa mit achtzehn Jahren. Es gab damals keine Wahl für einen angehenden Medizinstudenten. Lazarettdienst in Baracken und Zelten mit aufgemaltem rotem Kreuz, direkt hinter der Front. Da waren Sie noch nicht geboren, Bodo.
Unser Professor hatte das Glück gehabt, davongekommen zu sein. Er wurde ein so geschickter Chirurg, dass er ein Lehramt bekam und vielen Studentengenerationen Operationskunst vermittelte.“
Bodo, der mit blitzender Schere und beweglichen Händen Millionen von Haaren zu Frisuren schneidet, sagt:
„Der Professor muss aber auch eine besondere Kenntnis von Kühen und Schafen haben. Vielleicht ist er ein Bauernsohn und stammt von einem weiten preußischen Landgut oder von einem niederbayrischen Hof mit Rindviehzucht.“
Ich entgegne: „Es könnte auch anders gewesen sein: dass seine Eltern feinsinnige Künstler waren; von Kopf bis Fuß gefüllt mit Bildung, mit humanistischer. Vielleicht sprachen sie zu dem kleinen Buben in altgriechischen oder lateinischen Versen und spielten Harfe und Geige. Die Gouvernante, eine Französin, könnte das Kind ihre Muttersprache gelehrt, und das Hauspersonal könnte mit dem Knaben Tschechisch gesprochen haben. Diese geistige Trockenheit im Haus und die praktische Unerfahrenheit des Knaben wird ihn oft in die Küche getrieben haben. Dort wird er dem Schlachten und Ausnehmen des Kleinviehs zugesehen haben. Mit der Zeit wird er Fisch und Vogel selbst ausgeweidet und zerteilt, und so die ersten chirurgischen Fähigkeiten erworben haben; dazu eine Abgebrühtheit Blut, Borsten, Schuppen, Magen- und Darminhalten gegenüber“, sage ich und bewundere Bodos Geschicklichkeit, mit der er mein Haupt behandelt.
„Man muss dem Professor zugute halten“, rede ich weiter, „Er, der auf allen Partys ein Star sein könnte, hat den Menscheninhalt mit der Pensionierung zur Seite gelegt und sich dem Tierinhalt zugewandt. Außerdem steckte der Professor sein ganzes Vermögen in das Projekt.“
„Kann Panseninhalt nicht einfach auf Felder ausgebracht werden?“ fragt Bodo.
„Er ist zu nass. Er würde verfaulen, nicht verrotten; es würde grässlich stinken. Die Idee, mit dem feinsinnigen Elternhaus ist aber nahe liegend. Vater oder Mutter könnten Schreibende gewesen sein. Wenn das Kind gefragt haben sollte, was das sei, ein Dichter, eine Dichterin, wird der Vater oder die Mutter oder später die Verse machende Kommilitonin erklärt haben: Das Leben erfahre man, es setze sich in einem. Das Bewusstsein fresse sich durch die Ablagerungen. Samen falle in die gelockerte Substanz und werde bei genügend Zuwendung zur entzückenden Blume – zu Lyrik oder zum kräftigen Gemüse – zu Prosa oder zum stolzen Baum – zum Epos.“
„Nicht Vater, nicht Mutter werden dem Jungen den Schreibberuf erklärt haben“, sagt Bodo, „es wird die Freundin gewesen sein, die große, aber unglückliche Liebe. Ihr Dichtertum wird den Professor die Jahre hindurch nicht losgelassen haben. Wegen dieser glücklosen Leidenschaft wird er immer gehemmt gewesen sein, selbst zur Feder zu greifen.“
Die anderen nassen Köpfe im Salon hören angewidert, doch interessiert zu. Beflügelt von meinem Friseur, rede ich viel zu laut weiter: „Durch die Erklärung des Wesens der Schriftstellerei könnten dem Professor die Kühe vom väterlichen Hof wieder in den Sinn gekommen sein, ihr ständiges Wiederkäuen. Beim Operieren, während er mit geschickten Händen Gefäße zusammen nähte, werden ihm die Viehherden eingefallen sein.“
Bodo läuft weg, holt heiße Lampen für meine Haare, gruppiert sie um meinen Kopf. Aus rotem Lampenkranz heraus erzähle ich das, was ich mit Sicherheit weiß:
„Einmal besuchte die Ärztegesellschaft einen Muster-Schlachthof. Die Entsorgung von Schlachtnebenprodukten kam bei einem guten Essen zur Sprache. Als Denkaufgabe wurde den Medizinern die Frage gestellt: Wie kann Panseninhalt wertschöpfend recycelt werden?
Zum Beispiel, in Blumenerde! hatte der Professor gerufen, erleuchtet von einer plötzlichen Eingebung und stets zur Poesie geneigt. - Und die dazu notwendige Energie? hatten die Ärzte gefragt.“
Bodo ist ein konzentrierter Zuhörer, der an den richtigen Stellen schweigt, nickt, die Augenbrauen hoch zieht, lacht oder den Kopf schüttelt.
„In jener Nacht, so wird erzählt“, sage ich, „zogen nicht Kühe und Schafe am Geist des Professors vorbei, sondern Heerscharen von Würmern krochen von unten nach oben durch Tonnen von Panseninhalt. Wenn die Millionen Würmer – vollgefressen – an der Oberfläche angelangt waren, hatten sie die Masse unter sich in feinste Blumenerde verwandelt und konnten von Traktoren, die auf Mäuerchen waghalsig über die Pansenbeete fuhren, als Teppich abgetragen und auf neuen Panseninhalt angesetzt werden.“
„Eine gewaltige Idee!“ sagt Bodo.
„Heute verwandelt der Professor mit Hilfe der Würmer alle Mageninhalte der Region in Blumen.“
„Nicht anders als seine große, jedoch unglückliche Liebe, mit Hilfe von Buchstaben, Gedichte aus ihrem gelebten Leben macht.“ sagt Bodo.
„Ich glaube nicht, dass Sie Ihr Leben lang Coiffeur sein werden“, sage ich anerkennend.
„Ist Friseur nicht gut genug?“ fragt Bodo giftig, „Mein Beruf ist appetitlicher als Menschen aufzuschneiden, Därme auf dem Tisch zu waschen, sie wieder einzufüllen und alles zuzunähen.“
Während ich, bekümmert über meine Taktlosigkeit, schweige, föhnt Bodo eine Frisur für den Frühlingswind: lauter einzelne, wie Seide glänzende Haare, die beim geringsten Lufthauch hin- und her schwingen würden, wenn sie nicht so kurz wären. Auch besteht er darauf, meine Abfälle auf dem Boden selbst zu beseitigen. Ich kann nicht anders, als ihm eine Kusshand zuzuwerfen, bevor der Lift seine verchromten Hochglanztüren zusammenschiebt und mich in die Tiefe zieht. Ich stehe inmitten von Spiegeln, eingelullt von leiser Barmusik.
Zwei Empfangsdamen katzbuckeln mich zur Tür hinaus.
Bodo dagegen sehe ich immer nur hochgereckten Hauptes, mit weit offenen Augen, bereit zum Sprung in die Luft.
Die unbegreiflichen Wetterverhältnisse des März haben innerhalb von zwei Stunden einen Sturm zustande gebracht. Kinder klammern sich an Verkehrsschilderstangen. Dürre Greisinnen wirbeln durch die Luft. Ich stemme mich gegen den Wind und versuche nach Hause zu kommen zu meinen Quittenbäumen. Nicht alle werden den Orkan überstehen. Jetzt eine Frisur zu haben, hat keinen Sinn.

Hatte Bodo eine seiner Wettbewerbs-Fragen gestellt, mit deren schriftlicher Beantwortung eine Weltreise gewonnen werden konnte? Ich glaube nicht, mich der Aufgabe stellen zu wollen, nur damit ich an einem anderen Ort gegen einen anderen Sturm anrennen muss.

In der Nacht habe ich einen eigenartigen Traum:
Ich stehe in einer dunklen Kathedrale vor einem Seitenaltar. Die Kerzen verwandeln sich in metallene Fratzen, in eine Art riesiger Typenhebel. Eine Figur belebt sich bedrohlich. Ich habe einen Stock. Hätte das Gesicht vom Altar herunterhauen können. Doch eine Scheu, in Lebendiges zu schlagen, hält mich zurück. Die Fratze verändert dauernd ihre Züge. Sie ist mächtig geworden, gießt ihren Hass auf mich. Es gibt keinen Zweifel, dass sie mich totschlagen will, dass sie mich auf dem Steinboden zu Staub zerreiben wird – ich weiß nicht warum. Ich spüre, wie sich mit einem Ruck, eigentlich einem Knack, meine Haare aufrichten. Verstehe den Grund für das Jüngste Gericht nicht. Entsetzen brennt wie Eis. Ich renne durch das Kirchenschiff, bringe die schwere Tür nur einen Spalt weit auf. Draußen zieht eine Prozession vorbei. Mein Atem quillt als trockene Stoffbahnen aus meinem Mund. Ich höre mein rasselndes Keuchen, bin unfähig zu einer Artikulation. Nicht, dass ich das Wort Hilfe nicht hätte aussprechen können, mit dem Mund voll grobem Stoff, schlimmer, ich erinnere das Wort nicht. Es finden sich keine Wörter in meinem Gedächtnis. Ich habe die Sprache verloren. Die Prozession aus bunten, lebensgroßen Holzfiguren, die ich durch den Türspalt sehe, dreht sich unbeirrt im Kreis.

Meine kurzen Haare haben sich tatsächlich aufgerichtet.
Benommen versuche ich Licht in das Dunkel zu bringen:
Der Traum bezieht sich auf den Wettbewerb. Mit derartigen Bildern reagiere ich also auf meine Schreib-Verweigerung.
Um solche Spektakel in Zukunft zu vermeiden, werde ich das Fragespiel weiterhin mitmachen müssen.
Sollte der Traum aber bedeuten: Genug geschrieben, hör auf damit. Genug der Panseninhalte! Was zuviel ist, ist zuviel, selbst wenn es zu Blumenerde wird –
Bei einem so absurden Gedanken kotzt ottos mops –
ogottogott –
Wenn ich nicht mehr schriebe?
Ich wäre – ich wäre wie schon tot, lieber tot, tot.