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schön

Cornelia Travnicek schlägt unsere Gefühlstasten an, bis die Bordunsaiten schwingen


Cornelia Travnicek: Aurora Borealis

Bibliothek der Provinz 2008

Rezensiert von: nadja bucher


„Schön“ würde ich verwenden für Cornelia Travniceks Buch Aurora Borealis, wenn dieses Adjektiv nicht bereits zu oft ge-, miss-, verbraucht worden wäre. „Schön“ ist zutreffend, aber erklärungsbedürftig. Es passt bereits zum Äußeren des handlichen, lila Büchleins. Schön wie alle Bücher der Bibliothek der Provinz, die in Bibliophilen das Bedürfnis nach weißen Baumwollhandschuhen wachrufen, um bloß keine Verunreinigungen auf den feinen Einband zu bringen. Ziert das Konterfei noch eine schneebedeckte (heimatliche?) Landschaft, so finden sich im Inneren Fotos der Autorin von Shanghai. Die Geschichten, neun an der Zahl, spielen allesamt im österreichischen Dunstkreis von Familie. Der ist, wie man weiß, gerade in Österreich mehr als ungesund, worauf schon andere Autoren vor Cornelia Travnicek hingewiesen haben. Man kennt Doderers Warnung „Wer sich in Familie begibt, kommt in ihr um“, oder wissenschaftlicher: „Wenn sie Opfer von Gewalt werden wollen, gründen Sie eine Familie“, von Kai-Detlef Bussmann, Professor für Strafrecht und Kriminologie, Halle. Travniceks Erzählungen setzen nach den Warnungen ein, die sowieso zu spät kämen, da wir ja immer schon in irgendeiner Familie stecken.
Die erste Geschichte, Brüderlein fein  zieht die Leser in die engsten aller Beziehungen, ohne Idealisierung zu finden. Da werden aus einer Viererbeziehung rasch vereinzelte drei Menschen, von denen zwei verbotenerweise zueinander finden, doch noch bevor ein neues Viertes heranwachsen kann, lassen Morde einen einsamen Jungen zurück. Die mit schönen, weil einfachen Worten kreierte Atmosphäre lässt die Tristesse und gleichzeitige kindlich-romantische Welt eines abgeschiedenen, dem Untergang anvertrauten Bauernhauses entstehen. Die dort Anwesenden benötigen nichts dringender als Liebe. Doch man weiß, wenn sie sagen „heute ist der Tag, Regeln zu brechen“, können sie im Grunde nur ihre Herzen und des anderen Schädeldecke zerschlagen.
Vor scheinbar harmloser Liebe, die nur Gutes will, ist man in Aurora Borealis bald auf der Hut. Wo immer sie auftaucht, verbreitet sie Unheil. Liebe, Tod und Wahnsinn sind der Subtext jeder Erzählung. Vor ihm kann man sich genauso wenig schützen, wie die Mutter in am strand weit genug ihre kleine Tochter vor Männern mit Zuckerln, die sich mit Schweißtropfen an der Stirn den kleinen Prinzessinnen nähern, ganz ohne Prinz zu sein.
Kinder sind bedroht und überstehen doch die Grausamkeiten, die sie sich und anderen antun. Doch kein Lernprozess, kein Aus-Fehlern-wird-man-klug versöhnt. Am Ende vergehen die Alten. Einfach so, ohne Moral oder Aussicht auf Besserung. Ihnen entschwinden das Leben, die Bedeutungen der Worte und ihre Liebsten:

ich hab es vergessen sagt er und sie nickt alles vergessen fragt er und sie nickt ein wässriges blau läuft ihre falten entlang und der blick verschwimmt ihm etwas mehr [...] und sie gehen halb und halb zusammen den weg entlang dicht an dicht wie damals ein strohblondes mädchen und ein junge mit bart.


Da hat mal eine Beziehung geklappt, da hat mal keiner den anderen ermordet, und dann weiß man nichts mehr vom Glück und nicht, wie es gekommen ist. Da vergisst man einfach sein gemeinsames Leben und lässt jemanden zurück, der es beweint.
Die bedingungslose Kausalität von Liebe, Tod und Wahnsinn zieht sich in unterschiedlichster Gewandung durch Aurora Borealis. In Sätzen wie „lecken die Wunden, von denen sie meinen, das Leben hätte sie geschlagen,“ über „Du hast mir Gedichte gesagt und mir erzählt, was sie heißen, in der Betonung, die sich von den Wänden absetzte und liegen blieb, bis ich am nächsten Tag den Boden kehrte,“ bis hin zu „am sonntag morgen haben sie das mädchen nach hause gebracht sie vor ihre tür gelegt und angeläutet nicht weit von hier ein plattenbau würden sie sagen im fernsehen plattenbau ist eine eigene welt für leute die das wort nur aus dem fernsehen kennen.“

Diese Sätze sind es, die die Leser an den Seiten halten. Sätze mit einfach schönen Wortreihen, die vom Leid erzählen, das man eigentlich nicht sehen will, und wo die Augen trotzdem nicht von den Zeilen nimmt.
Am Ende bleibt den Lesern die beängstigend schmerzhafte Ahnung, Glück sei so unausweichlich mit Verderben verbunden, dass höchstens ein Ketchup-Gesicht auf einem Extrawurstbrot lachen kann, wenn sich eine Nadel in die Armbeuge drängt und das Elend im Blutkreislauf dreht. Aurora Borealis, das Nordlicht, von welchem österreichischen Punkt aus kann Cornelia Travnicek es sehen, und wie kann sie so viel davon sehen?