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schritt über den atlantik

Übersetzt und unkommentiert: die n+1-Anthologie


Kevin Vennemann (Ü): Ein Schritt weiter. Die n+1-Anthologie

edition suhrkamp 2008

Rezensiert von: kathrin kuna


Die amerikanische Intelligenzija läuft zusammen – wenn man diesem neuen, blauen Taschenbuch von Suhrkamp glauben darf. Was hier passiert, sei für Autoren wie Jonathan Franzen, dessen Blurb sich in bester amerikanischer Manier am Buchrücken findet, eine Erleichterung. Vier amerikanische Jungautoren, alle mit ordentlichem Abschluss (meist Yale und Harvard), haben sich zusammengetan, um dem niveaulosen Kulturbetrieb der USA etwas entgegenzusetzen. 2004 erschien die erste Ausgabe von n+1, Titelthema: Negation. Die Notwendigkeit einer solchen Tat erscheint nachvollziehbar, die Umsetzung als Magazin plausibel, sogar vernünftig. Liest man die in säuerlichem, fast pubertär beleidigtem Tonfall verfassten Texte, ist man etwas enttäuscht. Auch die benutzten Referenzrahmen machen nicht wirklich neugierig. Wie lange will die amerikanische Literaturwissenschaft, wenn sie die europäische Literatur zum Vergleich heranzieht, noch ausschließlich Flaubert, Sartre, Kafka, Adorno, Benjamin und Co zitieren? Sollte dieses Redaktionsteam nicht zwar den Kanon kennen, ihn als starres Konzept aber überwinden? Italo Svevos Zeno Cosini als Leitfigur in Marco Roths Aufsatz Letzte Zigarette zu finden, ist für den Literaturwissenschaftler in Europa (wie vermutlich auch in den USA) keine sehr große Überraschung. Aber immerhin. Unter den Zeitgenossen wird dann Paul Auster von Marco Roth kurz ein Seitenhieb versetzt, um ihn noch im selben Satz doch auch zu loben. Ist es erstaunlich, dass Michel Houellebecq verehrt wird? Im einleitenden Teil des zweiten Magazins, das im Frühjahr 2005 dem Thema Glück gewidmet wird, schreibt das Redaktionsteam - mittlerweile plus Quotenfrau: „Houellebecq ist geradezu ein Musterbeispiel positiver Beherrschtheit im Vergleich zu dem, was vorher kam. Er ist so viel aufgeschlossener als die absolutistischen 68er [...].“ Er wird sogar gegen die europäischen Kritiker verteidigt: „Von Amerika aus betrachtet, scheint also Houellebecq der nächste große programmatische Romanautor zu sein. Nähert man sich ihm von Frankreich aus, empfinden ihn die Leute als geschmacklosen Stilisten, schlechten Autor, populären Schreiberling. Sehen Sie, was da direkt vor Ihrer Nase passiert?“ Die Antwort geben sie sich sogleich – sehr pop-diskursgetreu – selbst: „Natürlich wäre es hilfreich, wenn er ein weiteres Meisterwerk schriebe. Oder während der Interviews nüchtern bliebe. Oder inszeniert er das nur für Amerikaner, wenn er ohnmächtig in seine Suppe fällt?“
Humor haben diese jungen Literaturwissenschaftler, Journalisten und Kritiker von der Ostküste auch; am besten in den Essays erkennbar, die ihrer Generation thematisch nahe liegen: Mark Greifs großartige Analyse des gegenwärtigen Körperkults dies- und jenseits des Ozeans in Gegen das Training überzeugt ebenso wie seine Beobachtungen zur Populärmusik in Radiohead oder die Philosophie des Pop. Marco Roths und Benjamin Kunkels Aufsätze solle man besser nicht eine Genderbeauftragte lesen lassen – vermutlich ein Teil ihrer Attitüde, die literarisch allerdings einwandfrei vorgetragen wird. Zu den besten Texten dieser Blütenlese gehören mit Sicherheit Elif Batumans (die Quotenfrau) Essay Abenteuer eines Mannes der Wissenschaft über Franco Moretti und der selbstbetitelte Zwischenruf von Chad Harbach, dem geschäftsführenden Redakteur des Magazins am Ende der Anthologie, die übrigens mit der letzten Ausgabe des Jahres 2007 endet.

Zwischendurch stellt sich die Frage, warum Suhrkamp diese Texte für eine Anthologie eigentlich übersetzen ließ. Können nicht alle, die sich wirklich dafür interessieren, der proklamierten und sodann inhaltlich wie syntaktisch zelebrierten Komplexität zu folgen, diese Zeitschrift auch im Original lesen (und verstehen)? Wieso gibt Suhrkamp die Bühne frei für diese jungen amerikanischen Autoren? (Abgesehen von Benjamin Kunkel, dessen Roman 2006 unter dem deutschen Titel Unentschlossen beim Berliner Bloomsburry-Verlag erschien, haben sie diesseits des Atlantik noch keine Publikationsfläche.)
Vielleicht taucht diese Frage aber auf, weil uns die Texte abgesehen von Tobias Moorstedts allgemeiner Einleitung völlig kommentarlos und unhinterfragt in der Übersetzung vorgesetzt werden. Erinnerungen an das pop-literarische Quintett werden wach (Sie erinnern sich? Berlin, Hotel Adlon, 2001? Stuckrad-Barre, Kracht und so weiter ...), und man fragt sich irritiert: Weshalb wird dieser Art der Meinungsäußerung schon wieder so viel Aufmerksamkeit und Anerkennung geschenkt? Moorstedt zitiert in der Einleitung vorsichtshalber den Vorwurf der amerikanischen Kritiker, wer diesen „Ivy-League-Burschen eigentlich das Recht [gäbe], sich so kategorisch zu äußern“. Warum ihnen Suhrkamp das Recht einer deutschen Übersetzung gibt, bleibt auch nach Lektüre der Texte offen. Interessant ist sicherlich neben politischen, theoretischen und kulturellen Anregungen, die Selbst- und Fremdinszenierung dieser Zeitschrift, die vom deutschen Verlag kommentarlos und unreflektiert mitübersetzt wird. Nimmt man sie mit einem Zwinkern wahr, sieht darüber hinweg und vergleicht das Magazin inhaltlich mit hierzulande vorhanden Formaten wie kolik, Lichtungen oder auch schreibkraft wird klar, dass der literarische und politische Fokus da wie dort in erster Linie einem geografisch sehr beschränkten entspricht. Wirklich interessant wäre also eine Anthologie verschiedener Beiträge unterschiedlicher Magazine.

Themenvorschlag: Privatsphäre. Über die schreibt Mark Greif abschließend in seinem Text über die Philosophie des Pop treffend: „Wir müssen uns alle auf die Suche nach dem letzten Unterschlupf machen, der unzugänglich ist für alle Eindringlinge – und von dort aus neu beginnen. Die Politik des neuen Zeitalters wird, wenn wir es erleben, eine Politik der Wiederherstellung der Privatsphäre sein.“