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schweigen wär’ schön, aber

Über die Hoffnung, dass die Worte etwas bedeuten


Andrea Winkler: Arme Närrchen

Droschl 2006

Rezensiert von: peter wegenschimmel


Weiß der Himmel, wir haben ganz auf die Lage des Wortes vergessen. Das schüchterne Wort im Zeugenstand, als wüssten wir nicht ohnedies, dass es sich verschwiegen geben wird. Andrea Winkler weiß um diese Verschwiegenheit und verfolgt doch die Spuren der taumelnden und aufsässigen Worte. Ein intimer Aufstand der Worte vollzieht sich in Andrea Winklers Prosadebüt Arme Närrchen. Das Wort gibt sich dem Leib hin, im Delirium rückt es dem Körper zu. „Aber als er dann in seinem Bett lag, marschierte das Wort noch einmal auf, es bedeckte ihn überall, es drückte geradezu, und er konnte, ganz gegen seine Gewohnheit, ewig nicht einschlafen.“

Andrea Winkler, wie in einen Mückenschwarm nach Worten schnappend, gelingt es dem Auflauf Fragen abzuschöpfen, die in all ihrer sprachlichen Raffinesse unser Ich dazu anregen, den ganzen Tag im Bett zu lungern, an erkenntnispoetischen Fragen schmachtend.

„Schläft man gut oder schläft man schlecht, wenn man spürt, was man sagt.“

Verlorenen Dichtern wie Hölderlin wird oftmals eine Heimat in den Worten zugestanden. Dass ein Wohnen in den Worten mitnichten gefeit ist vor dem Sorgenansturm will diese Lektüre bezeugen, denn Fischen gleich entgleiten die eigensinnigen Buchstaben. Eine Ich-Erzählerin findet sich wieder in fremde Wohnungen geworfen, mit Menschen, zu denen ihre Sprache nicht reicht. Lauter Heimatlose, die sich zwar kaum verstehen, deren gegenseitige Solidarität zumindest ein gemeinsames Zeitverbringen befördert.

Eine kleine Selbsthilfegruppe: Die an der Sprache Gescheiterten, von denen eine den Tag damit zubringt „eine Fensterscheibe zu behauchen ... und einen Satz in die mit Atem beschlagene Fläche zu schreiben. Kaum beginnt sie einen neuen Buchstaben, verschwindet der letzte schon. Ein ganzer Tag, eine sinnlose Handlung.“

Berechtigte Angst vor der Unrast des Wortes, vor seinen Launen. Das Wort ist nun mal so.

Die Autorin selbst ist eingelassen in die Zerfahrenheit aller Worte; ihr steht der Sinn nicht danach, den Figuren eine Aussicht oder einen Erzählstrang feilzubieten: lose Absätze hinterfragen ein Sinngeflecht, womit Geschichten gewöhnlich aufwarten.

Das 20. Jahrhundert war eine Zeit der Zugeständnisse und Opferungen des Wortes an die Sprachkritik österreichischer Philosophen und Schriftsteller. Andrea Winkler legt die Dinge nun ein wenig anders dar.


Als wäre ihr sensuelles Urvertrauen abgefallen, reichen die Worte ihr die Hände, um sich mitten ins Getümmel zu stellen und sich ob der schönen Sprache zu wundern, wenn sie schon nichts versteht. Schüchterner Glaube zeigt die wankelmütigen Figuren verwundbar.

Immerzu träume ich von einem Schneefeld, von dem sich die Buchstaben als Flocken abheben, um aufzusteigen und endlich miteinander zu tanzen, ein einziger Wirbel, und immer in die verkehrte Richtung. Ich weiß, dass das der Augenblick ist, in dem das Leben beginnt, aber sicher bin ich mir nicht.


Geblähte Floskeln rücken spielend in die Sätze und klingen dabei unerwartet schön. Die Erzählerin lebt in der „Hoffnung, dass die Worte etwas bedeuten“ und noch nicht vollends von den Rollenbildern besetzt wurden.