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über zementsäcke staunen

Die vielen Einheitsgesichter des Günter Eichberger


Günter Eichberger: ALIAS

Ritter 2008

Rezensiert von: werner schandor


Robert Zimmermann lebt in Graz. Er nennt sich Günter Eichberger und gibt vor, Schriftsteller und Flaneur zu sein, der sich einiges auf seinen ausufernden Persönlichkeitsverlust zugute hält. Ein Exzentriker des Ich sozusagen. Als Schriftsteller tritt er dann auf, wenn er nicht gerade als Bob Dylan endlos durch die Konzertsäle der Welt tourt, seine poetischen Songs aus der Prärie der Seele im Gepäck. Eichberger alias Zimmermann alias Dylan hat ein Buch darüber geschrieben: Über die Hits des Bob Dylan. Hit heißt auf Deutsch Schlag, und so beginnt Eichbergers Satzdrift durch die dem Verlust geweihten Persönlichkeitsschichten Dylans mit dem Satz: „Nein, nicht wieder schlagen! Ich werde alles erzählen, alles!“ – Und dann erzählt er, wie das ist, als Poet im Gewande eines Popstars, als mediale Projektionsfläche für die Massen, als Bob Dylan, der einmal bei einem Konzert zu Halloween gesagt haben soll: „Ich bin heute auch verkleidet. Ich trage meine Bob Dylan-Maske.“ Und der in Sam Peckinpahs Film Pat Garrett & Billy the Kid aus dem Jahr 1973 eine Figur namens „Alias“ verkörpert, was intellektuelle Fans und Exegeten von St. Bob bereits zu Lehrbüchern über den Strukturalismus am Beispiel von Dylans Lyrik veranlasst hat (Stephen Scobie: Alias Bob Dylan. Red Deer Press 1991).
Eichberger hat mit seinem neuen Buch ALIAS natürlich keine Bob Dylan-Biographie geschrieben und auch kein Lehrbuch des Strukturalismus. Nein, Eichberger hat seinem großen, in den 1980ern begonnenen Roman über die Unmöglichkeit, Ich zu sagen, mit ALIAS ein weiteres Buch hinzugefügt, das 8. oder 9. mittlerweile.
Being Yourself is Overrated Anyway, las ich neulich als Bildtitel in einer Fotoausstellung. Das ist auch Eichbergers großes Thema: Die Überschätzung des Ich, die Hypostasie der Individualität. Seit über 20 Jahren schreibt Eichberger gegen dieses zweifelhafte Konzept des „Ich“, zumal des literarischen Ich, an. Ein Konzept, das im Starkult der Popkultur seine buntesten Blüten treibt. Bob Dylan hat sich von Anfang an dagegen gewehrt, auf nur ein Ich, auf ein Image reduziert zu werden. Diesen Aspekt griff beispielsweise Regisseur Todd Haynes in seiner Dylan-Filmhommage I’m not there auf, indem er die verschiedenen Persönlichkeitsaspekte des Sängers von unterschiedlichen Schauspielern verkörpern ließ und auch die Erzählebenen filmisch voneinander abhob und brach.
Eichberger hingegen ist Dylan eigentlich egal. Er nimmt sich lediglich Stationen aus dessen Leben zum Anlass, um seiner - Eichbergers - liebgewonnenen Ich-Verzweiflung freien Lauf zu lassen. Das treibt manchmal amüsant-kalauerhafte Blüten der Absurdität. Etwa: „Das Schönste, was ich jemals gesehen habe, war ein aufgerissener Zementsack auf einem Dach. Ich habe ein Foto davon. Wenn ich in Stimmung bin, schaue ich es mir an und staune.“ Über die Länge des Textes allerdings bekommt man den Eindruck, der Autor steckt – wie Dylan in den 1980ern – künstlerisch fest. Die Tonart ist seit etlichen Büchern dieselbe, nur der hypnotische Sog, der sich aus der Wiederholung entwickeln kann, will sich nicht einstellen. Die gute Nachricht: Dylan konnte sich aus der Sackgasse befreien.