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umgehung der fettnäpfchen

Hermetische Lyrik abseits billiger Epigrammatik


Klaus F. Schneider: Umgehung der Anhaltspunkte. Gedichte

Kyrene 2008

Rezensiert von: stefan schmitzer


Dass das noch geht, ist hier das Thema. Umgehung der Anhaltspunkte: Dass so ein Titel Programm sein kann, in einem deutschsprachigen Gedichtband, im Jahr 2008 (bzw. 2009, inzwischen). Genauer: Dass das Buch, auf das solches sich bezieht, nicht voll ist von jenem sentimentalen Landschaft-, Sehnsuchts- und Ichschwäche-Quatsch, den wir zu erwarten gelernt haben, wenn ein Buch Bezüge zur „hermetischen Tradition“ im Titel führt. Weil wir sie schon allzu gewöhnt sind, diese „hochsensiblen“ Dichtungen, die dem Programm verpflichtet scheinen, das Erbe der zurecht diskreditierten Fünfzigerjahre-Blümchen-und-Rehlein-Epigrammatik zu retten, indem sie das poetologische Gammelfleisch, mit dem Gütesiegel „hermetisch“ versehen (was dank der zufälligen Zeit- und somit Marottengenossenschaft genannten Humbugs mit Leuten wie Celan und Bachmann leider möglich ist) und angereichert um ein paar „aktuelle“ Lebensweltlichkeiten, erneut unters Lesevolk bringen.

Also: Dass es doch noch geht, das hermetische Spiel, bei dem das Subjekt hinter den Zeichen verschwindet, derer es sich bedient, das beweist uns Klaus F. Schneider mit seinem neuen Gedichtband Umgehung der Anhaltspunkte. Auch dass das sogar noch so etwas wie Relevanz besitzen kann. Es sind keine Pasticcios, die da vorliegen.

Schneiders Lyrik inkorporiert also Ansätze der hermetischen Dichtung, will heißen, verwendet Methoden, die einem ein Gefühl aufzwingen, das Gebilde enträtseln zu wollen. Aber da bleibt er nicht stehen (wäre ja auch, nun, nicht langweilig, aber doch zumindest prätentiös). Die Bandbreite seiner Verfahrensweisen ist groß, und ihnen allen ist gemeinsam, dass sie in der einen oder anderen Weise auf etwas wie Mehrstimmigkeit-im-Gedicht hinauswollen, oder, aus einer anderen Perspektive betrachtet, auf nachhaltige Verflechtung disparater Elemente, oder, nochmal anders, auf stete Erweiterung des Bezugsrahmens, in den das einzelne Element eingebettet ist. Da finden wir z. B. auch die Wiederkehr der „Methode Brinkmann“, also des gelegentlichen Parallellführens von Zeilen, sodass die auf einer Zeitachse des Textes denselben Punkt besetzen würden: Das Öffnen und Schließen von Möglichkeitsfenstern im Text, die einen u. a. zwingen, sich selbst beim Herstellen von Vorher-Nachher-Hierarchien zu beobachten. Unter Umgehung der Anhaltspunkte sozusagen.

Ebenso unverfroren wie titelgerecht kommt Umgehung der Anhaltspunkte an den Stellen daher, wo man als Leser – offensichtlich absichtsvoll – ins kalte Wasser eines Textanfangs geworfen wird, in dem möglichst lange möglichst viel auf möglichst vielen Rezeptionsebenen offen gelassen wird – inklusive der Frage, um was es denn eigentlich geht ... Dass solche extra-diffusen Textanfänge allerdings stets konkretisiert werden, und zwar in einer Weise, die all den eingangs herumwuselnden Elementen gerecht wird, zeigt die Könnerschaft und Reflektiertheit des Autors.

Um was aber „geht es“ in dem Buch? – Wir sehen einem lyrischen Subjekt dabei zu, mehr oder weniger alltägliche Situationen in einer Weise zu durchleben/reflektieren, die je möglichst wenig Angriffsfläche bietet. Da hält sich einer eisern dran, unnahbar zu bleiben, und wir Leser bekommen gerade dadurch ein recht genaues Bild davon, welche Prägungen, Erfahrungen, Deformierungen ihn in diese Haltung zwingen. Art und Grad der Irritationen, die diese im Text vergrabenen Storys auslösen, oszillieren zwischen „Woody Allen“ und „David Lynch“. Ob dieses verstörte lyrische Subjekt eine konstruierte Persona oder „Schneider selbst“ ist, bleibt fürs Lesen belanglos. Der Titel jedenfalls, Umgehung der Anhaltspunkte, das kapiert man beim Lesen schnell, ist nicht nur das textästhetische Programm des Bandes, sondern auch das Motiv dieses lyrischen Ich.
Schneider gehört nach meiner Ansicht in die selbe Ordnung von Autoren wie etwa Reinhard Priessnitz: Aus nachvollziehbaren Gründen, aber nach qualitativen Maßstäben zu Unrecht und vor allem zum Nachteil der Leseöffentlichkeit in die zweite Reihe gedrängt. Die nachvollziehbaren Gründe in Schneiders Fall:
1.) Falsches Geburtsjahr fürs Mitnaschen am Lyrik-Hype der letzten Jahre.
2.) Siebenbürgische Herkunft bei gleichzeitiger Unbrauchbarkeit zur Verwendung für das literarische „Europa der Regionen“, das in der Kulturpolitik der deutschsprachigen Länder seit der Zerschlagung von SU und Yugoslavia fröhliche Urständ’ feiert.
3.) Was am schwersten wiegt: Sein ernsthaftes und zähes Bemühen um jene doch eher schwer verkäufliche Form von Lyrik, die ihm die wichtigste zu sein scheint.

Breitere Beschäftigung, wenn schon nicht mit seinem gesamten Werk, so doch zumindest mit Umgehung der Anhaltspunkte, stünde dringend an. Das Buch markiert, was jenseits von Etikettenschwindel unter dem Paradigma ehemals sogenannter „hermetischen Lyrik“ gerade eben noch möglich ist.