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uncle sam in der wüste

harald a. friedl | uncle sam in der wüste

Energie-Kolonialismus und die Folgen für den unbeschwerten Sahara-Urlaub

Zurück aus dem Wüstendrama
Im Herbst 2008 wurde ein Salzburger Ehepaar nach 252 Tagen in Gefangenschaft der algerischen Terrorgruppierung „GSPC“ befreit, nachdem sie angeblich in Südtunesien überfallen, entführt und in Nordostmali, im Einflussgebiet der Kel Ifoghas-Tuareg, gefangen gehalten wurden. Wer könnte hinter diesen Entführungen stecken? Ist die Sahara etwa schon so sehr von Al-Khaida-Terroristen durchdrungen, wie es die USA, Algerien und die meisten Medien unisono verkünden, sodass diese magische Wüste jenseits des Mittelmeeres für Träumer, Hobby-Abenteurer und Zivilisationsflüchtlinge unbereisbar wird? Oder könnten etwa auch ganz andere Beweggründe und Drahtzieher als das viel beschworene Terror-Netzwerk Al-Khaida hinter diesem „Vorfall“ stecken und Ausdruck einer vielleicht sogar globalen Entwicklung sein?

 

Sahara-Reisen im 19. Jahrhundert
Alexandrine Tinné, eine wohlhabende niederländische Abenteuerin und Forscherin, die selbst auf ihren Reisen in entlegene Regionen auf Komfort nicht verzichten wollte, wurde im Jahr 1869 bei Murzuk im Süden Libyens ermordet. Gerüchte verbreiteten die Nachricht, sie sei der Habgier ihres Tuareg-Führers zum Opfer gefallen. Nachforschungen ergaben jedoch, dass dieser Mord Ausdruck eines Machtkampfes unter den nordöstlich gelegenen Kel Ajjer-Tuareg war. Dabei ging es letztlich um die Frage der Befürwortung oder der Bekämpfung der Kollaboration mit den vordringenden Kolonialmächten, den Franzosen und den Osmanen.

Acht Jahre später musste der deutsche Forscher Erwin von Bary seine Reise ins Aïr, jene „Schweiz der Sahara“ im nördlichen Sahel, abbrechen und in die Oase Ghat am Fuße des Akakus-Massivs zurückkehren, weil er von den Aïr-Tuareg als türkischer Spion betrachtet wurde, der eine Okkupation durch das Osmanische Reich vorbereiten sollte. Auch über Bary wurde das Gerücht verbreitet, er sei Opfer eines Mordanschlags geworden, obwohl er wahrscheinlich schlicht an Erschöpfung verstarb.

Im Jahr 1880 drang die französische „Mission Flatters“ zur Vermessung einer mögliche Trasse für eine Trans-Sahara-Bahn in die Hoggar-Berge ein, entgegen den Warnungen der dort herrschenden und bislang unbesiegten Kel Ahaggar-Tuareg. Die Truppe wurde in einen Hinterhalt gelockt und völlig aufgerieben. Dieser Schock ließ die kolonialen Bestrebungen Frankreichs auf der Suche nach Ruhm und Reichtum für 25 Jahre ins Stocken geraten.

Die Sahara im 19. Jahrhundert zu bereisen, bevor sich die Kolonialmächte etabliert und eine militärisch gesicherte Friedhofsruhe durchgesetzt hatten, war lebensgefährlich: Raubüberfälle auf Karawanen („rezzu“), regionale Stammeskonflikte und das militärische Vordringen der Kolonialmächte wechselten einander ab. Doch was hat diese Zeit mit den gegenwärtigen Entführungen von harmlosen Sahara-Touristen zu tun?

Weit mehr, als man zu befürchten wagt, denn die Welt steckt spätestens seit „Peak Oil“, dem Überschreiten der maximalen globalen Öl-Förderleistung, mitten in einem neokolonialen Wettlauf um knapper werdende Energie-Ressourcen. Die aktuellen „Erschütterungen“ in der Sahara, wie die Entführungen von 32 europäischen Individualreisenden in Algerien im Jahr 2003, die neu ausgebrochenen Rebellionen in Mali und Niger, und wahrscheinlich auch die Entführung des Salzburger Paares im Winter 2007/08, müssen wohl als Instrumente dieser globalen Machtkämpfe verstanden werden, in deren Interessensfokus die Sahara rückt, sowie als Reaktionen darauf.

 

Der Kampf der „Wüstenritter“ …
Seit Beginn des Jahres 2007 hatten im Sahel-Staat Niger vermehrt bewaffnete Überfälle auf Militäreinheiten stattgefunden, zu denen sich die „Bewegung der Nigrer für Gerechtigkeit“ (Mouvement des Nigériens pour la justice, MNJ) bekannte. Auf ihrer Webseite fordert die mehrheitlich aus Mitgliedern der ersten Tuareg-Rebellion im Niger (1991-1995) sowie aus desertierten Soldaten bestehende Gruppierung u. a. die Umsetzung des Friedensvertrags von 1995. Ihr besonderes Anliegen aber ist die Dezentralisierung der Verwaltung sowie die Ausschüttung von 50 Prozent der Gewinne aus dem Uranbergbau an die lokalen Gemeinden. Bis zu diesem Punkt unterscheiden sich die Forderungen kaum von jenen der Tuareg-Rebellen der 90er-Jahre, denn auch sie hatten vordergründig Gerechtigkeit und Entwicklung gefordert.

Diese Rebellen der ersten Stunde waren aus dem Heer jener Nomaden hervorgegangen, die in den 80er-Jahren durch eine katastrophale Dürre ihr Vieh und damit ihre Lebensgrundlage verloren hatten. In ihrer Not waren sie damals dem Ruf Gaddhafis gefolgt, um für ihn als Söldner im Tschad und im Libanon zu kämpfen. Nach ihrer Rückkehr in den Niger hatten sie sich gegen die wenig Tuareg-freundliche Zentralregierung erhoben, um ihren Teil am nationalen Wohlstand einzufordern. Die anfangs erfolgreiche Bewegung war aber bald in zahllose Fraktionen zerfallen, von denen jede für sich den eigenen Vorteil zu sichern versuchte. Vordergründig ging es dabei allein um den Kampf gegen den „Untergang der Tuareg-Kultur“, was immer das sei.

Mittlerweile ist die „Ethnie Tuareg“ als ideologisches Konzept und Projektion der europäischen Kolonialzeit und der davon stark geprägten Sehnsuchtsliteratur dekonstruiert. Doch in den 90er-Jahren gingen der offensichtlichen Schreckensvision vom „Ende der Wüstenritter“ zahllose westliche Tuareg-Fans auf dem Leim, nachdem führende Tuareg-Rebellen wie Mano Dayak in Europa einen regelrechten Propaganda-Feldzug zur Unterstützung der als „Kurden Afrikas“ bezeichneten Tuareg betrieben hatten. Dazu wurde gezielte Desinformation über die angebliche Benachteiligung der Tuareg im Niger mit enormem Erfolg verbreitet – mittels Quellen wie dem Buch „Die Tuareg-Tragödie“ von Dayak (das noch heute von angesehenen Journalen wie „Le Monde diplomatique“ als „Beweis“ für die Lage der Tuareg zitiert wird). Dank ihres überragenden PR-Erfolgs ernteten die damaligen Tuareg-Kämpfe großzügige Unterstützung ihrer westlichen Wüstenfans.

Unter den Nachwehen der damaligen Tuareg-Propaganda leidet heute die MNJ, denn viele einstige Fürsprecher der Rebellion der 90er-Jahre, wie der GEO-Redakteur Michael Stührenberg, distanzieren sich heute von neuerlichen Tuareg-Aufständen. Sie fürchten, von Tuareg-Rebellen für deren persönliche Interessen abermals instrumentalisiert zu werden. Doch eben diese verständlichen Befürchtungen verschleiern den Blick auf die völlig neuen Hintergründe des gegenwärtigen Konflikts im Niger, der vielmehr ein Kampf gegen die nukleare Verstrahlung der südlichen Sahara und ihrer Bewohner ist!

Die Hauptforderungen der MNJ richten sich nämlich auf die Beendigung des Ausverkaufs von Uranschürfrechten in Weidegebieten. Dahinter stehen völlig neue ökologische und geopolitische Entwicklungen. So hatte der französische Betreiber COGEMA-AREVA, jahrelang jegliche Gefährdung durch den Uranbergbau verharmlost, eine Strategie, die der Konzern und Betreiber der größten nuklearen Wiederaufbereitungsanlage der Welt im französischen La Hague ebenfalls über viele Jahre erfolgreich praktiziert hatte. Nachweise über die ökologischen und gesundheitlichen Folgen des Uranbergbaus für Arbeiter und Bevölkerung in der Region Arlit (Nord-Niger) gelangten erst 2003 an die Öffentlichkeit. Seit damals untersuchen und dokumentierten das unabhängige Institut CRIIRAD (Commission de Recherche et d’Information Indépendantes sur la Radioactivité) und die Menschenrechtsorganisation „Sherpa“ den Umstand, dass den Uranarbeitern – bei 35 Euro Monatslohn – niemals Informationen über Strahlengefahr oder über irgendwelche Schutzausrüstung bereitgestellt wurden. Zudem werden die bislang angehäuften 45 Millionen Tonnen Uranabraum sowie verstrahlte Metallabfälle völlig ungeschützt gelagert. Dadurch wird hochgradig radiotoxischer Staub verweht oder fortgespült und gerät so ins lokale Trinkwasser, das bis zu 110-fach überschrittene Gammastrahlen-Grenzwerte aufweist. Der Uran-Schutt wird für öffentliche Bauten verwendet, verstrahlte Altmetalle verwenden einheimische Bewohner als Küchengeräte.

Waren bislang „nur“ die rund 100.000 Menschen der Region Arlit betroffen, so droht sich dieses nukleare Umweltdesaster nunmehr extrem auszuweiten: In Kürze wird AREVA in Imouraren, 50 Kilometer südlich von Arlit, eines der größten Uranbergwerke der Welt eröffnen. Und das ist erst der Anfang, denn seit 2006 schürft das chinesische Bergbauunternehmen Sino-Uranium in Azelik nach Uran, nur wenige Kilometer von der traditionellen Salzoase Tegguida n’Tessum, ca. 50 km vom Nomadenzentrum InGall, entfernt. Doch die hier weidenden Menschen wurden kurzerhand vertrieben, die Nutzung der Brunnen verboten. Dies war der Grund, warum MNJ-Rebellen im Juli 2007 einen Mitarbeiter von Sino-Uranium entführten und die Ausweisung aller Bergbau-Unternehmen aus der Region von der nigrischen Regierung erzwingen wollten.

 

… gegen den Hunger nach Uran
Diese Entwicklung geht in eine völlig neue, höchst bedrohliche Richtung. Denn wie den Tausenden Nomaden um InGall dürfte es in Zukunft weiteren 300.000 Bewohnern in ihrem rund 90.000 km2 großen Lebensraum zwischen der algerischen Grenze und der Sahel-Stadt Agadez ergehen: Dieses gesamte Gebiet von der Größe Österreichs soll nach den Plänen der Regierung an rund zwanzig Schürfunternehmen verpachtet werden. Seit sich der Weltmarktpreis für Uran in den letzten Jahren vervielfacht hat, explodieren auch die Einnahmen der nigrischen Staatskasse, deren Präsident Tandja als Reaktion auf die Rebellion den Ausnahmezustand übers gesamte Land verhängt hat. Die Rebellion wird konsequent als Aktion von „Banditen“ diffamiert, die Gefahren der Uranförderung verharmlost. Als Gegenargument kaufte die Regierung zwei Kampfhubschrauber aus der Ukraine.

Angesichts dieser Entwicklungen bekommt die neue Rebellion ein völlig anderes Gesicht. Der Widerstand der MJN-Kämpfer ist offensichtlich keine Schlägerei von unterbeschäftigten Ex-Rebellen des ersten Aufstandes, die sich, vom Alltagstrott beim Militär gelangweilt, lieber mit der Überzeugungskraft einer Kalaschnikow ein Verwaltungspöstchen organisieren wollen. Die neue Rebellion erscheint vielmehr als verzweifelter Akt gegen eine existenzielle Bedrohung der gesamten Region Agadez und ihrer Bewohner, ob Tuareg-Nomaden, Haussa-Handwerker, Fulbe-Hirten, arabische Händler oder Djerma-Beamten. Diese Bedrohung scheint angesichts der Zielstrebigkeit der Regierung und ihrer mangelnden Verhandlungsbereitschaft mit „Banditen“ keine Alternativen zuzulassen als die gewaltsame Flucht nach vorn.

Doch wohin, in welche Zukunft? Denn mit steigenden Uranpreisen steigen die Einnahmen des Staates und damit die Möglichkeit, Waffen zu kaufen, um die Schürfgebiete und die Transportwege zu sichern. Hier decken sich die Interessen der nigrischen Zentralregierung mit jenen ihrer Uran-Abnehmer, der Industriestaaten und ihrer Bürger, deren Hunger nach Energie und somit nach dem Brennstoff Uran wächst. Mit dem Sinken der Ölvorräte und den zunehmend sichtbaren Treibhauseffekt wie dem Abschmelzen der alpinen Gletscher oder der raschen Zunahme an Hitzetagen steigt die durch die Atomindustrie beworbene Attraktivität von nuklearer Energie und damit wiederum die Nachfrage nach Uran. Nach Angaben der World Nuclear Association sind heute 34 Atomkraftwerke im Bau und 93 weitere in Planung. Allein China beabsichtigt bis zu 40 neue Meiler zu errichten. Dabei überschreitet schon heute die Nachfrage nach Uranbrennstoff die weltweite Neuproduktion um 30 Prozent. Diese Lücke wird derzeit noch durch Uran aus verschrotteten Atombomben gedeckt. Gänzlich versiegen sollen rentable Uranvorkommen spätestens um das Jahr 2070. Darum schießt der Uranpreis schon jetzt in ungeahnte Höhen. Folglich interessieren sich die energiehungrigen Regionen China, Indien, Europa und die USA viel mehr für die Sicherung ihrer Energieversorgung als für die Menschenrechte der betroffenen Bevölkerung. Im Gegenteil: Was Rohstoff-Prospektoren und Investoren suchen, ist politische Stabilität, wofür sie auch entsprechend zu zahlen bereit sind, wem auch immer. Daraus schließt Jeremy Keenan, Politologe und Sahara-Experte von der Universität Bristol, dass der Welt immer mehr ressourcenbedingte Konflikte bevorstehen.

Schon immer blühte der Austausch zwischen monopolistischen Rohstofflieferanten und Waffenhändlern. Bis ins 19. Jahrhundert tauschten Sklavenhändler ihre Ware gegen Waffen, welche die Versklavung weiterer Menschen erleichterten. Das Prinzip dieser menschenverachtenden Spirale gilt heute für die meisten an Bodenschätzen reichen Länder der Erde außerhalb der westlichen Welt. Am besten aber funktioniert das Prinzip mittlerweile in den Marionetten-Demokratien Uran und Öl produzierender Staaten: Rohstoffe gegen Geld, mit dessen Hilfe die herrschenden Eliten ihre Vorherrschaft durch Waffenkäufe bei den Rohstoff nachfragenden Ländern ausbauen können – was eine perfekte Win-win-Situation für beide Seiten ergibt.

So unterstützte etwa die USA den Niger neben Mali, dem Tschad und Mauretanien im Rahmen ihrer „Pan-Sahel-Initiative“ mit militärischen Trainings für nigrische Offiziere sowie durch Lieferungen von Kriegsmaterial. Offiziell geht es dabei um den Kampf „gegen Schmuggel, internationale Kriminalität und terroristische Bewegungen“, insbesondere gegen die algerische „Salafistische Gruppe für Predigt und Kampf“ (GSPC). Diese Gruppe gilt offiziell seit kurzem als „Bin Laden-Verbündete“ und als solche verantwortlich für die Entführung der 32 Touristen in der algerischen Sahara im Jahr 2003. Inoffiziell dagegen geht es der USA bei ihrer „Pan-Sahel-Initiative“, analog zum Verhältnis China-Uran-Niger, um fossile Energie.

 

Krieg um Öl …
Seit den ersten beiden Golfkriegen (1980/88, 1990/91), und noch viel mehr seit dem Irakkrieg, ist das Motiv für die militärische Intervention einer führenden Macht offensichtlich: Es geht um die Sicherung von Rohstoffreserven, nämlich um einen ungehinderten Zugang sowie um den militärisch gesicherten Transportweg bis in den jeweiligen Industriestaat. Zentrales Mittel dafür ist das zunehmende militärische Engagement in den jeweiligen Lieferregionen. Dieses Prinzip auf den Punkt brachte James Schlesinger, ehemaliger US-Energieminister unter Präsident Carter, als er im Jahr 1992 meinte, das amerikanische Volk habe aus dem ersten Golfkrieg gelernt, dass es viel leichter sei, „den Leuten im Nahen Osten in den Hintern zu treten“ als seinen eigenen Energieverbrauch einzuschränken, „um die Abhängigkeit der USA von den Ölimporten zu verringern.“ Dieses US-Prinzip gilt offiziell seit 1980, als Jimmy Carter seine Doktrin verkündet hatte, wonach jeder Versuch einer dritten Macht, Kontrolle über die Region am Persischen Golf zu erlangen, als Angriff auf die USA interpretiert und entsprechend beantwortet werde. Umgesetzt wurde die Doktrin durch die Bildung der militärischen Einheit „Centcom“, die die drei militärischen Interventionen der USA am Golf koordinierte. Doch was hat dies mit der Sahara zu tun?

Von Afrika erwarten alle Experten, dass es in den nächsten zehn Jahren für die USA zur zweitwichtigsten Lieferregion für fossile Energie werden wird, gleich nach dem Nahen Osten. Um die Abhängigkeit von dieser Krisenregion zu reduzieren, engagieren sich die USA seit Mitte der 90er-Jahre zunehmend in Afrika. Allein aus der Region Sahara-Sahel beziehen die USA schon heute rund 15 Prozent ihres Ölbedarfs. Dieser Anteil soll möglichst bald auf 25 Prozent gesteigert werden. Dies erklärt die heute freundschaftliche Partnerschaft mit dem einstigen Erzfeind Gaddhafi und mit den übrigen regionalen Staaten, in denen sich US-amerikanische Ölfirmen, Streitkräfte und private Sicherheitsfirmen engagierten. Als Erfolg dieser Militärkooperation schnappte eine tschadische Untergrundorganisation im Mai 2004 den angeblichen Kopf der GSPC-Entführer von 2003, „el Para“, und lieferte ihn an Algerien aus. Und im Juni 2005 fand das größte Manöver in Afrika seit dem Zweiten Weltkrieg statt, gemeinsam mit den Ländern Mali, Mauretanien, Niger, Algerien und dem Tschad, zufällig zwei Wochen nach einem als solchen proklamierten „GSPC-Überfall“ auf eine mauretanische Militärstation nahe der algerischen Grenze. Mittlerweile ist diese „militärische Kooperation im weltweiten Kampf gegen den Terrorismus“ im Rahmen der eigens gegründeten US-Militärabteilung „africom“ auf weitere Staaten Nord- und Westafrikas ausgedehnt, speziell um die Sahara- und Sahelzonen zu sichern. Genau dort aber liegen zentrale Ölfelder Afrikas.

 

… hinter dem Spiel des Terrorismus …   
Wie ist es möglich, dass die Amerikaner gerade zur rechten Zeit am rechten Ort erscheinen oder zumindest logistische Unterstützung liefern können? Ein Blick hinter die Kulissen entlarvt diese überragenden Zufälle:

Nach 9/11 versuchten die USA, ihren „globalen Krieg gegen den Terrorismus“ insbesondere gegenüber ihren skeptischen europäischen Verbündeten zu legitimieren. Dies gelang, indem die USA das Bild von einer „Al Khaida“ vermittelten, die vor den US-Truppen aus Afghanistan über Ostafrika, den Sudan und den Sahel nach Algerien flüchteten, vor Europas Haustüre. Jeremy Keenan bezeichnet dieses Bedrohungsszenario als „Bananen-Theorie“ aufgrund der Form der angeblichen geografischen Bewegung der „Al Khaida“. Der Beweis für diese Theorie wurde nachgeliefert: die „Entführung“ der 32 Touristen im Frühjahr 2003.

Hinter den Kulissen hatten sich die algerischen Machthaber Anfang 2003 um militärische und finanzielle Unterstützung durch die USA bemüht. Dies bedurfte jedoch der Aufhebung des Waffenboykotts, der wegen des brutalen militärischen Vorgehens des Regimes gegen die eigene Bevölkerung seitens der USA verhängt worden war. Zufällig während der diplomatischen Verhandlungen zwischen Algerien und den USA wurde ein algerischer Militärkonvoi Opfer eines schweren „GSPC-Überfalls“, der 43 Soldaten das Leben kostete. Der algerische Militärgeheimdienst (DRS) „bewies“ durch ein – später als gefälscht entlarvtes – Videoband die Verantwortung von GSPC-Führer Abderrazak „el Para“ für diesen Überfall. Den USA genügte dieser Beweis für die Lockerung des Waffenembargos.

Seither gilt Algerien in den Augen der USA als vorbildlich demokratisches Land innerhalb der arabischen Welt und darum „legitimerweise“ als enger Verbündeter der USA auf militärischer wie auch ökonomischer Ebene. Im November 2003, nach erfolgreicher „Befreiung“ der europäischen Sahara-Geiseln, wurde mit der Umsetzung der Pan-Sahel-Initiative begonnen, kurz darauf deren Budget für Waffenkäufe der Partnerländer von sieben auf 125 Millionen Dollar pro Jahr aufgestockt. Algeriens Militär profitierte im Jahr 2006 durch US-Ausbildungen im Wert von fast einer Milliarde Dollar, zudem investierten die USA über fünf Mrd. Dollar in den Ölsektor.

Diese Hintergründe sowie die zahlreichen Ungereimtheiten der Entführungen von 2003 legen die plausible Annahme nahe, dass die salafistische „GSPC“ vom algerischen Geheimdienst unterwandert und zugunsten der Interessen der algerischen Machthaber sowie der USA instrumentalisiert wurde. Diese Ansicht vertritt neben Jeremy Keenan auch der Afrikanist Werner Ruf. Nach dessen Ansicht gehe es den USA nicht nur um den Zugang zum Öl, sondern auch um die Begrenzung des militärischen Einflusses Frankreichs.

Methoden der Desinformation und des instrumentalisierten Terrors sind für Algeriens Führung keineswegs neu. Bereits im Jahr 1993 hatte der algerische Geheimdienst die Entführung französischer Beamter in Algerien fingiert, um Frankreichs Unterstützung für das Militärregime zu erzwingen, das sich zwei Jahre zuvor gegenüber der demokratisch gewählten islamischen Wohlfahrtspartei (FIS) an die Macht geputscht hatte. Die Strategie des fingierten Terrors hatte Erfolg: Frankreichs Premierminister Edouard Balladur genehmigte die „Operation Chrysanthème“, die größte Razzia gegen algerische Regimegegner in Frankreich seit dem algerischen Unabhängigkeitskrieg. Zufälligerweise kurz darauf konnten die französischen Geiseln erfolgreich aus der Gewalt der „islamistischen Entführer“ befreit werden.


… mit Individualtouristen als Marionetten?
Was folgt daraus für den entspannten Abenteuerurlaub im spirituell durchtränkten Ambiente der Sahara? Der Afrikanist Werner Ruf geht davon aus, dass „solch neuer Kolonialismus im Gewande der Terrorismusbekämpfung [...] Widerstand wecken und genau jenen ‚Terrorismus’ produzieren [wird], den zu bekämpfen Africom & Co. ausgezogen sind.“ Tourismus spielt in diesem Zusammenhang für rohstoffreiche Länder wie Algerien, Libyen und Niger im besten Fall eine Rolle als regionale Beschäftigungstherapie, um die Bevölkerung ruhig zu halten. Dies setzt jedoch organisierten Tourismus voraus, der eine weit höhere Wertschöpfung aufweist und zudem die Kontrolle der Reisenden erlaubt als Individualtourismus. Reisen in von Einheimischen organisierten Gruppen werden darum auch weiterhin relativ ungefährlich sein.

Individualreisende hingegen, wie im 19. Jahrhundert Alexandrine Tinné oder im Jahr 2008 das Salzburger Ehepaar, bieten – neben ihrer geringeren Kontrollierbarkeit durch die Behörden und ihrer vernachlässigbaren Rentabilität für die Bevölkerung – auch den Nachteil, dass sie „Verbotenes“ sehen könnten. Dies erklärt die wachsenden Reisebarrieren wie willkürliche Visa-Politik, schikanöse Kontrollen, verpflichtende Begleitpersonen oder andere Auflagen für Allrad-Abenteurer. Im günstigsten Fall für die jeweiligen Machthaber dienen Individualreisende als Besetzung der Hauptrollen im medialen Spektakel einer Terrorinszenierung, allenfalls auch als willkommene Einkunftsquelle für mittellose Wegelagerer. In jedem Fall ist die Zeit der großen Freiheit, in welcher der Sandkasten der Europäer in beliebiger Richtung individuell „erfahren“ werden durfte, wohl vorbei. Oder sollte man sagen, wir befänden uns wieder in der Phase präkolonialer Konflikte wie zur Zeit Tinnés, von Barys und der Mission Flatters?

Was die Hintergründe der Entführung des jüngst befreiten Salzburger Paares angeht, so sind seriöse Rekonstruktionen derzeit noch nicht möglich und wären bloße Spekulation. Faktum aber bleibt, dass der Fall den geografisch betroffenen Staaten und den USA als weiterer „Beweis“ für die Richtigkeit ihres Anti-Terror-Engagements dient: ein klassischer Fall einer höchst willkommenen „self-fulfilling prophecy“!

 


Weiterführende Literatur:

Jeremy Keenan: Waging war on terror: Implications of America’s ‘New Imperialism’ for Saharan Peoples. Journal of North African Studies 10 (3-4), 2005.


S. Mellahjean & B. Revoire: Verwischte Spuren in der Sahara. Die algerische Regierung profitiert von der Al-Qaida-Gefahr. In: Le Monde diplomatique vom 11.02.2005.


Werner Ruf: Terror, Geheimdienste und Geopolitik: Wie die Achse Washington-Algier Ressourcensicherung betreibt. In: Albrecht, H. (Hg.). Weltregionen im Wandel: Politik, Wirtschaft und Gesellschaft im Vorderen Orient. Baden-Baden: Nomos 2007.