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undine im prekariat

Wenn sich das Karma vergnügt auf die Astralschenkel klopft


Mieze Medusa: Freischnorcheln. Roman

Milena 2008

Rezensiert von: brigitte radl


Die Heldin von Mieze Medusas Debütroman Freischnorcheln heißt Nora Klein und ist Grafikerin, selbstständige. Die Kunden laufen ihr nicht nach, also ist sie auf Jobsuche. Bankomaten ignorieren ihre Karte nicht einmal mehr, sondern fangen schon zu lachen an, wenn sie nur an ihnen vorbeigeht. Neben der Hoffnung, dass sich schon etwas ergeben wird, hat sie noch ihren uralten Palm III, in dem Termine von Kongressen und Präsentationen mit Gratisbuffet eingetragen sind. Meistens hat Nora Hunger. Und wenn das Warten auf die Überweisung des letzten Honorars zu lang wird und im Kühlschrank nur mehr zwei runzlige Karotten und eine Sellerieknolle traute Zweisamkeit genießen, bieten Forelle, Lachs und Petersilkartoffeln an den Buffets langweiliger Veranstaltungen eine willkommene Alternative.
In sommerlichen Nächten durchstreift Nora ihre Stadt auf dem Fahrrad. Bei diesen Ausflügen gelingt es ihr nur selten, die Alte Donau unbebadet liegen zu lassen. Sie und ihr vorlautes Karma haben eine Schwäche für Wasserwesen und einen Pakt mit dem Donauweib geschlossen. Dafür aber nicht genug Geld für die Miete und folglich Bedarf an einem Mitbewohner. Der geschiedene Seb ist fürs Zusammenleben fast überqualifiziert, weil er bezahlt und keine Ahnung hat, warum sich Leute unbedingt Haustiere halten wollen. Er kennt auch Britta, die Nora ein- bis zweimal durch überfallsartige Berührungen relativ verwirrt und nur ein bisschen erfreut.
An einem hungrigen Abend lernt Nora Frank kennen. Sein Anzug passt weder zu ihren bunten Haaren noch zu ihrem Kleid. Sein Alter schon gar nicht. Aber er zahlt strohgelben Wein und zweideutige Pretty Woman-Erdbeeren, außerdem ist er ganz nett. Nach längerem Zögern und dem Ausbleiben besserer Alternativen lässt sich Nora auf ein Date ein, obwohl sie sich nicht ganz im Klaren darüber ist, ob sie Frank eigentlich mag, aber immerhin fährt er auch Fahrrad. Die Nacht bringt einen Besuch auf seinem Hausboot, Durchstöbern fremder Kleiderschränke, Handschellen, Sex und den Verlust der Contenance und jeglicher klarer Gedanken. Im Morgengrauen radelt sie mit Geld im BH und zweifelhaften Perspektiven davon.
Wie nichts sonst liegt in diesem Moment dem Leser das Schicksal von Mieze Medusas Protagonistin am Herzen. Die purzelt gemeinsam mit gemischten Gefühlen und sprachlichem Krimskrams über die Seiten von Freischnorcheln und versucht sich verzweifelt festzuhalten. Wenn ihr Karma sich vergnügt auf die Astralschenkel klopft, kann man es kichern hören und breitet selbst die Flügel aus, um mit ihm und den Mücken um die Wette zu fliegen. Trotz Nixen im Haar, Wiener Großstadtsommeratmosphäre und feinem Humor in guter alter Poetry Slam-Manier muss sich der Leser aber gegen eine traurige Einsamkeit wehren, die lange Schatten auf die Hauptfigur wirft und dem Kompromissen abgeneigten Drang nach Freiheit und Unabhängigkeit geschickt die Berechtigung stiehlt.
Doris Mitterbacher a.k.a. Mieze Medusa schreibt Lyrik, Prosa, SciFi und HipHop-Lyrics und lässt auch in ihrem Debütroman die obligate sprachliche Gewandtheit nicht vermissen. Am Schluss von Freischnorcheln bleibt nur die Frage, ob die Geschichte nicht lieber hätte anders ausgehen sollen.