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unsere zeit ist abgelaufen

bernhard horwatitsch | unsere zeit ist abgelaufen

Hundert Meter in null Sekunden. In einer Welt ohne Grenzen sind Rekorde sinnlos

Ackermann ist böse. – In der Tat machen wir uns es derzeit so einfach. Wir stigmatisieren eine Berufsgruppe, behaupten, sie wolle sich bereichern, sei gierig und unmäßig. Wir hinterfragen dabei nicht, wie sehr wir selbst die Hand aufhalten. Wir kommen nicht auf den Gedanken, dass wir selbst unmoralisch handeln könnten, ganz einfach weil uns die Gelegenheit dazu nicht gegeben wird. Wenn wir nicht davon ausgehen, dass der Bankchef Ackermann ein Alien ist, sondern mit der hohen Wahrscheinlichkeit seiner humanoiden Lebensform arbeiten, dann dürften seine moralischen Organe den unseren nicht unähnlich sein. Ackermann sitzt nun mal im Schokoladentopf. Der Großteil von uns – und das ist natürlich sehr unfair – sitzt weitab dieses Topfes, und wenn einer von uns sich diesem Topf nähert, blickt er irgendwann einer Gewehrmündung entgegen. Warum sitzt nun gerade Herr Ackermann in diesem Schokoladentopf, und ich bekomme nur eine absurde Jahresration?

Ich selbst habe ein Wirtschaftsabitur, ich hätte die Chance gehabt BWL zu studieren, eine Banklehre zu machen. Also könnte ich heute einer von denen sein – wir alle könnten das. Aber wie schon in dem Film Being John Malkovich wäre ein Being Joseph Ackermann der reinste Alptraum.


Es gibt Reiche.
Es gibt Arme.

Heutzutage gibt es Superreiche, und zum Ausgleich gibt es Superarme. Superarm ist irgendwie ein Widerspruch in sich. Superarm zu sein, das klingt nach dem persönlichen Super-GAU. Super ist daran gar nichts.

Aber ist es nicht logisch, dass unsere Rekordsucht auch Minusrekorde impliziert? Das Universum erinnert an ein Theraband, man kann es endlos dehnen, aber es reißt nie. Nur unser menschlicher Körper hat Grenzen. Kein Hundertmeterläufer schafft es, hundert Meter in null Sekunden zu laufen. Nicht mal annähernd! Dennoch erwarten wir voller Spannung bei jeder Olympiade einen neuen Rekord. Ein Widerspruch!

Warren Buffett ist sehr reich, derzeit reicher als Bill Gates. Er ist unglaublich reich. Und er will immer reicher werden. Im Prinzip kann er das. Wer weiß schon, wieviel Geld auf der Erde im Umlauf ist. Und es wird ja immer wieder eins gedruckt.

Wir verurteilen diese Hybris, und trotzdem gieren wir danach. Für jeden Blödsinn gibt es ein Ranking. Jedem „Superbrain“ steht eine Phalanx an Demenz-Erkrankten gegenüber. (Tatsächlich droht uns ein Zuwachs an Alzheimererkrankungen von ca. 20 Prozent – ein weiterer Rekord). Jeder Spitzensportler verwirklicht die Träume eines Masse an Erdnüssen verschlingenden, zwei Zentner wiegenden Durchschnittstypen. Unser Gesundheitswahn vom Idealtypus unseres Körpers widerspricht auf innige Weise dem real existierenden BMI.

Man hat das Leben von Spulwürmern mit speziellen Verfahren von 20 Tagen auf 124 Tage hochgeschraubt. Dies ist nur ein Beispiel dafür, dass man diese Sportmetaphern auch in der Wissenschaft anwendet. Das Höher Weiter Besser hat unsere gesamte Gesellschaft infiziert. Die Zahl der Bücher, die auf Buchmessen vorgestellt werden, steigt explosiv. Dabei wird allgemein über einen Rückgang der Lesetätigkeit geklagt, über einen signifikanten Verdummungsprozess gestöhnt.  („Hirnlose Scheiße“ benannte Frau Heidenreich das Phänomen Fernsehen).

Immer mehr Menschen leben auf diesem Planeten, immer mehr Menschen verhungern gleichzeitig auf diesem Planeten.

Wie alt soll ein Spulwurm noch werden?

Wie lange hält das Theraband noch?

 

Die neue Bescheidenheit
Auf der Internetplattform my space zählt der, der am meisten Freunde hat. Wie viele Freunde halten wir aus? Und steht diese Sucht nach Freunden nicht im Widerspruch zu unserer Sucht nach Selbstverwirklichung. Was käme dabei heraus, wenn wir uns alle selbst verwirklichen würden? Rufen wir also die neue Bescheidenheit aus? In Demut und Gottesfurcht? Hat nicht jeder Einzelne ein Recht auf alles? Mir fällt es schon schwer, das Rauchen aufzugeben. Und soll ich wirklich auf Leben verzichten, nur weil es eine diffuse Forderung nach Bescheidenheit gibt?

In dem Film Matrix erklärt Agent Smith (eine Art intelligentes Programm) seinem Gefangenen Morpheus die Welt:

Haben Sie sie jemals genau betrachtet, bestaunt, wie makellos und schön sie ist? Milliarden Menschen leben einfach vor sich hin, und haben keine Ahnung. Wussten Sie, dass die erste Matrix als perfekte Welt geplant war, in der kein Mensch hätte leiden müssen? Ein rundum glückliches Leben! Es war ein Desaster. Die Menschen haben das Programm nicht angenommen, es fielen ganze Ernten aus. Einige von uns glauben, wir hätten nicht die richtige Programmiersprache euch eine perfekte Welt zu schaffen, aber ... ich glaube, dass die Spezies Mensch ihre Wirklichkeit durch Kummer und Leid definiert. Die perfekte Welt war also nur ein Traum, aus dem euer primitives Gehirn aufzuwachen versuchte. Die Matrix wurde neu designt – zu dem, was sie heute ist, der Höhepunkt eurer Zivilisation. Ich sage eurer Zivilisation, obwohl sie, als wir für euch das Denken übernahmen, auch zu unserer Zivilisation wurde, was natürlich der Grund für das ganze Unternehmen war. Evolution, Morpheus, Evolution! Wie die Dinosaurier. Sehen Sie aus dem Fenster! Eure Zeit ist abgelaufen. Die Zukunft gehört den Maschinen, Morpheus! Unsere Zukunft ist angebrochen.


Weiter erklärt
Agent Smith:

Ich kam zu einer interessanten Entdeckung, seit ich in der Matrix bin. Es fiel mir auf, als ich versuchte, eure Spezies zu klassifizieren. Ihr seid im eigentlichen Sinne keine richtigen Säugetiere! Jedwede Art von Säuger auf diesem Planeten entwickelt instinktiv ein natürliches Gleichgewicht mit ihrer Umgebung. Ihr Menschen aber tut dies nicht. Ihr zieht in ein bestimmtes Gebiet, und vermehrt Euch und vermehrt Euch, bis alle natürlichen Ressourcen erschöpft sind. Und der einzige Weg zu überleben, ist die Ausbreitung auf ein anderes Gebiet. Es gibt noch einen Organismus auf diesem Planeten, der genauso verfährt. Wissen Sie, welcher? Das Virus! Der Mensch ist eine Krankheit! Das Geschwür dieses Planeten! Ihr seid wie die Pest ... und wir sind die Heilung!

Dieses antihumanistische Erkenntnismodell verführt uns zu einem grausigen Nihilismus. In dem eben zitierten Film Matrix versucht man zu einer Lösung zu kommen. Sie tritt auf in dem „Erlöser“. Neo heißt er dort. Neo ist eine Art Mutation aus Maschine und Mensch, jemand, der die Matrix neu gestaltet.

 

Die Matrix neu gestalten
Neo (der Auserwählte) weist uns den Weg.

Ich weiß, dass ihr irgendwo da draußen seid. Ich kann euch jetzt spüren. Ich weiß, dass ihr Angst habt, Angst vor uns. Angst vor Veränderungen. Wie die Zukunft wird, weiß ich nicht. Ich bin nicht hier, um Euch zu sagen, wie die Sache ausgehen wird. Ich bin hier, um euch zu sagen, wie alles beginnen wird. Ich werde den Hörer auflegen und den Menschen das zeigen, was sie nicht sehen sollen. Ich zeige ihnen eine Welt ohne Euch. Eine Welt ohne Gesetze, ohne Kontrollen und ohne Grenzen. Eine Welt, in der alles möglich ist. Wie es dann weitergeht, das liegt ganz an euch.

Es liegt also ganz bei uns. Unsere Zeit ist abgelaufen. Die Zeit der Rekorde ist zu Ende. In einer Welt ohne Grenzen sind Rekorde sinnlos.

Es bedeutet aber auch, den Menschen neu zu definieren. „Anything goes“, der Leitspruch der Postmoderne definiert damit auch einen Menschen, der die Grenzen der Wissenschaft sprengt, der die Grenzen des Denkens sprengt. Wenn der Hundertmeterläufer die hundert Meter unter null läuft, dann befinden wir uns jenseits jedes Rankings. Und in unserer Sucht nach Rekorden kann ich nur dieses Motiv erkennen: Endlich alle Rekorde hinter uns zu lassen. Einen Term der „absoluten Freiheit“ zu definieren.

Entweder wir gehen wieder zurück auf null, beginnen erneut mit der Steinzeit, oder wir arbeiten mit diesem antihumanistischen Erkenntnismodell und retten so viel Menschliches wie nötig.

 

Mikroorganismen regieren
Siebzig Prozent aller lebenden Materie (Biomasse) sind Mikroorganismen. Die meisten von ihnen sind Einzeller. Sie stellen die Grundlage dar für komplexer organisierte Lebensformen. Bald nach dem Tod wird der Mensch von seinen eigenen Darmmikroorganismen zersetzt.

Wir stellen uns gerne auf die höchste Stufe der Evolution. Fangen wir schon mal an, damit aufzuhören. In dem Film Men in Black leben die Außerirdischen mitten unter uns. Sie sind getarnt und niemand erkennt sie. Nur MIB, eine geheime Behörde, kontrolliert deren Aktivitäten. So absurd diese Sciencefiction-Satire auch ist, ein wahrer Kern steckt darin. Schauen Sie sich einfach einmal einen Film über die Tierpopulation der Meere an, und Sie verstehen, was ich meine. – Übrigens, laut MIB arbeiten die meisten Außerirdischen bei der Post. Dies lehrt uns Demut und Bescheidenheit.


Freiheit und Demut
Eine Kombination aus absoluter Freiheit und Demut, jenseits aller Grenzen und jenseits von allen Bestleistungszwängen. Werden wir endlich so paradox, wie wir sind. Leben wir die Utopie. Begreifen wir, dass Realität nicht real ist, dass es sich dabei nur um ein Konstrukt handelt, einer Art gesellschaftlichen Vertrag, damit wir es aushalten, auf dieser unerklärlichen, sich jeder Definition entziehenden Welt. Und hören wir auf, dem Mann aus dem Witz zu gleichen, der seine verlorene Uhr nur unter der Laterne sucht, weil ausschließlich dort genug Licht vorhanden ist. Denken wir an Neo, der sagte: „Es gibt keinen Löffel“.

Anarchie oder Steinzeit. Egal wie wir uns entscheiden. Der Dow Jones-Index hat keine Zukunft.