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von der sehnsucht nach dem herrn

anne kramer | von der sehnsucht nach dem herrn

Das Selbstbildnis des T. E. Lawrence

Zu wenig
Jeder kennt das: Man will sich jemandem verständlich machen, redet, sucht, gräbt regelrecht nach den passenden Worten und sagt dann doch nur resigniert: „Du weißt schon, was ich meine.“ Der 1888 geborene Autor, Soldat und Archäologe Thomas E. Lawrence schrieb einmal: „Ich bin zu wenig Schriftsteller, um genug von mir in irgendein Werk zu legen.“ Lawrence, der sein Schreiben vor allem als Mittel einer permanenten Selbstbeobachtung, ja mehr noch, eines über sich selbst zu Gericht sitzen, verstand, fügte allerdings sogleich hinzu: „Da ist nicht genug Selbst, das verteilt und herumgereicht werden kann.“ Das offenbarte er 1934 in einem Brief an den Maler und Bildhauer Eric Kennington, viele Jahre, nachdem er als britischer Agent während des Ersten Weltkrieges den arabischen Aufstand gegen das Osmanische Reich organisierte und dadurch zum Medienidol „Lawrence von Arabien“ wurde. Wie kann man sich die Rede von genug oder zu wenig Selbst vorstellen?


Genug

Lawrence fühlte sich, wie in seinen Aufzeichnungen nachzulesen ist, zeit seines Lebens als Außenseiter. Früher, heißt es in dem Brief an Kennington weiter, war von dem Selbst gelegentlich etwas vorhanden. Über seine beiden berühmten Bücher urteilt er: „Sowohl die Sieben Säulen als auch Unter dem Prägestock […] triefen vor Allzu persönlichem. Wo ist das geblieben? Ich weiß es nicht.“

Das Selbst kann also auch überlaufen, es kann klebrig werden und plötzlich verschwinden. Lawrence wollte im Krieg etwas bewirken, eine Revolution im Namen von Freiheit und nationaler Selbstbestimmung anführen, später will er seine Wirkung nur noch zerstören. Er gesteht seinem Freund Kennington:

„Es ist eines der schmerzhaftesten Dinge im Leben, zu erkennen, dass man einfach nicht gut genug ist. Vielleicht besser als manche, beinahe als viele – aber mich mit Leuten meines Schlages zu vergleichen ist reizlos.“

Dabei verglich sich Lawrence permanent. Nachdem ihm 1922 sein größter Wunsch, anonym und als einfacher Soldat in die Royal Air Force aufgenommen zu werden, erfüllt wurde, gestand er seine Angst, im Militärdienst zu versagen und seine Sorge, mit den andern nicht Schritt halten zu können. Er erzählt von seinem kleinen, schmächtigen Körper, von den zittrigen Händen, seinen unbeholfenen Bewegungen. Er verglich sich, schien dabei aber ohne Konkurrenzgebaren. Jedes Lob, so berichtet er, zwinge ihn umgehend zur Selbstverachtung. Von dieser Selbstherabsetzungsrhetorik sollte man sich allerdings auch nicht täuschen lassen. Er kultivierte sie, um so seine Wirkung zu unterlaufen. Den selbsterzieherischen Anmaßungen des Schreibens kann man auch ganz anders entkommen, wie die nicht minder die Öffentlichkeit scheuende Schriftstellerin Elfriede Jelinek vorschlägt: „Ich liebe Kalauer! Dagegen können Sie nichts machen, das sage ich Ihnen gleich, da müssen Sie bei mir durch! Denn durch Kalauer verliert man rapide an Wirkung, und das wird schließlich von mir angestrebt.“

Da hört es sich schon beinahe humorgestört an, wenn Lawrence feststellt: „Ich mag gar nicht, wenn man mich auslacht oder ich Grund habe, über mich selbst zu lachen.“ Die eigene Wirkung zu unterlaufen meint wahrscheinlich auch, das Selbst nicht vereinnahmen zu lassen. Und mit dem Okkupieren kannte sich Lawrence aus.

 

nichts = genug
Vielleicht hatte Lawrence aber nur einen dezenteren Humor. So bedauert er, sich so viele Jahre Zeit genommen zu haben, um sich „dies und das und alles Mögliche beizubringen: Dafür, dass ich jetzt voll genug bin, um richtig viel zu wiegen, gibt es nichts, wofür ich dieses Gewicht verwenden wollte. Es wäre etwas anderes, wenn ich mich weniger um das Lernen und mehr um das Tun gekümmert hätte. Je voller das Faß, desto unbeweglicher das verfluchte Ding.“ Dann kippt der Anflug von Komik aber sofort ins Tragische: „Irgendwo gibt es einen idealen Maßstab und nur auf ihn kommt es an: Und ich kann ihn nicht finden. Deshalb diese Ziellosigkeit.“ Obwohl er in den Sieben Säulen der Weisheit behauptet, alles, was er begehrt, auch erreichen zu können, fand er diesen idealen Maßstab nicht. Sein wahres Vergnügen lag immer nur im Begehren selbst. Später gewöhnte er sich an, kurz vor dem Ziel seinem Objekt der Begierde den Rücken zu kehren. Hätte er sich noch mehr um sein Tun gekümmert, wäre ihm die ideale Norm wohl erst recht zwischen dem Begehren zerronnen. Er suchte die Norm nicht im Leben oder in Ideen – ähnlich wie sein Bekannter, der Historiker Arnold J. Toynbee in seinem Hauptwerk „Der Gang der Weltgeschichte“, sieht Lawrence die Triebkraft der Geschichte im Wirken konkreter Personen. So war er sein Leben lang auf der Suche nach einem Herren und Meister, einem Charismatiker mit Geschichte machender Wirkung. In Feldmarschall Allenby, der „unvermischten und in sich selber ruhenden Größe“, sah er diese Sehnsucht für kurze Zeit befriedigt. Eigenschaften wie Mut, so Lawrence, brauchen ein gutes oder böses Medium, um in Erscheinung zu treten. Sein ehemaliger Vorgesetzter Allenby hingegen sei sich selbst genug gewesen, weshalb er auch keine anderen Eigenschaften wie beispielsweise Verstand, Phantasie oder Scharfsinn brauchte. Es ist interessant, dass der Schriftsteller Lawrence hier Fähigkeiten aufzählt, die er sich selbst zurechnet. Nicht genug Selbst bedeutet danach, nicht sich selbst zu genügen. Genug Selbst würde dieser Logik entsprechend heißen, keiner Eigenschaften zu bedürfen. Das eigenschaftslose Selbst, das sich selbst genügt, ist eigentlich eine ästhetische Kategorie. Zumindest wenn man das Ästhetische mit Schopenhauer als grundlose Kraft, als unmittelbare Erscheinung des Willens, als blinde, unteilbare Urkraft usw. auffasst. Schließt man sich dem an, wird von hier aus der Gedanke, nicht genug Selbst zu besitzen, um es in literarischen Worten zu vermitteln, plausibel. Die materiellen Verhältnisse, welche die Ideen dieser eigenschaftslosen Helden hervorbringen, verschwinden durch so ein Geschichtsverständnis jedenfalls im Sandgestöber der Wüste. Lawrence schwärmt: „Er ließ sich nicht mit unserem Maßstab messen, so wenig, wie man die Schärfe eines Schiffsbuges mit der eines Rasiermessers vergleichen kann. Er konnte solche Eigenschaften durch seine innere Kraft entbehren.“

Diese gewaltige innere Antriebskraft war Lawrence sicher auch vertraut, nur schien sie bei ihm nicht nach außen zu dringen und im Inneren konnte sie nur schwer gebündelt werden.

Dass so ein asoziales Selbst ohnehin nur seiner Einbildung entsprang, schwante ihm, wenn er in den Sieben Säulen über seinen Helden Allenby fantasiert: „Ich wagte nicht, mich vor ihm zu verbeugen, ich hatte Angst, dass auch er auf tönernen Füßen stand und irgendwann mit einem vertraulichen Wort eine Nähe schaffen könnte, die meine Ergebenheit erschüttern würde.“

Lawrence wusste, dass auch Allenby Schwächen hatte, er glaubte es aber nicht.

Den Eigenheiten der arabischen Aufständischen näherte sich Lawrence während des Guerillakrieges beinahe wie ein Konvertit. Er kannte die tribalen Strukturen, die Sprache, die Religion, die lokale Esskultur. Nicht zuletzt – und besonders das wurde später medienwirksam instrumentalisiert – hüllte er sich in arabische Gewänder. In den Sieben Säulen schreibt er dazu:


Die Anstrengung, in diesen Jahren in den Kleidern der Araber zu leben und ihre Geisteshaltung nachzuahmen, brachte mich um mein englisches Ich und ließ mich den Westen und seine Gepflogenheiten mit anderen Augen sehen […] Gleichzeitig konnte ich nicht wirklich in die arabische Haut schlüpfen. Es war bloß eine Verstellung. Ein Mensch kann leicht zum Ungläubigen gemacht werden, aber es ist schwer, ihn zu einem anderen Glauben zu bekehren. Ich habe eine Form abgeworfen, ohne die andere anzunehmen; ich sitze zwischen den Stühlen, was tiefste Vereinsamung zu meinem Lebensgefühl macht und zu einer Verachtung, nicht der Menschen, aber alles dessen, was sie tun, führt. So eine Entpersönlichung befällt Menschen, die durch überlange körperliche Anstrengung und Abgeschiedenheit erschöpft sind. […] Manchmal war es, als unterhielten sich meine Selbste in einer Art Zwischenraum; dann war der Wahnsinn nah, so wie er wohl nah wäre, wenn man Dinge gleichzeitig durch die Schleier von zweierlei Sitten, zweierlei Erziehungsweisen und zwei verschiedenen Kontexten sähe.


In einer seiner zahlreichen Selbst-Erforschungen während eines über alle Maßen ermüdenden Wüstenrittes beschreibt Lawrence drei Teile seines Selbst. Er entdeckte einen Trieb, der nur das „immer weiter“ kennt, während er von oben von einem zweiten Teil beobachtet und gefragt wird: Warum machst Du das? Der dritte schließlich wird von ihm als der geschwätzige, aber vernünftige Teil beschrieben, der redet und redet und sich gar nicht mehr darüber einkriegt, dass ein Mensch fähig ist, sich freiwillig solchen Strapazen auszusetzen. Lawrence, der Freud gelesen hat, beschreibt hier das Drei-Instanzen-Modell des Psychoanalytikers. Nur lässt er dabei die aus der sozialen Umwelt verinnerlichten Handlungsnormen außen vor. Er schwebt zwischen zwei kulturellen Einheiten, der Bruch innerhalb der beiden Kulturen bleibt aber verdeckt. Oder anders gesagt, das, was die Wirklichkeit der jeweiligen Kultur von sich selbst trennt, und somit auch die Wirklichkeit des Ich von sich selbst unterscheidet, bleibt im Dunkeln. Lawrence bezieht beide Kulturen als Einheiten aufeinander und inszeniert sich dann als beinahe dem Wahnsinn verfallenes Zwischenwesen. Kurz vor dem Abgrund klammert er sich jedoch am britischen Stuhl fest. Er tauschte den Stiefel gegen die Sandale, und doch haftete ihm das Vaterland stets an der Sohle.


Das Nichts
Lawrence ging davon aus, dass es für jeden einen Platz in der Gesellschaft gäbe. Für jeden, außer für ihn. Aufgrund seiner Andersartigkeit sah er für sich nach dem Krieg nur im einfachen Dasein des Soldaten eine Alternative. Einiges deutet daraufhin, dass er dachte, nur sein Ich und das der Patienten Freuds würde sich aus drei Instanzen zusammensetzen. Bei den durchschnittlichen Menschen, den Bürgern des verhassten Establishments, überwiege der geschwätzige Teil. Dass der Mensch in einer Armee nichts ist, dass er zum Typ gemacht wird und dafür einen festen Platz innerhalb der Hierarchie bekommt, faszinierte den Antityp Lawrence. Objektiviert zu werden verhieß Entlastung von der Bürde, den idealen Maßstab selbst finden zu müssen. Man hört ihn regelrecht seufzen: Ach, einfach nur freiwillig dienen. Ein Gefangener, so Lawrence, hätte wenigstens noch seinen Hass behalten, ein Soldat noch nicht mal das. Bereits als Jugendlicher experimentierte er mit diversen Askesetechniken, um dem Ideal des sich selbst Genügens, der vollkommenen Entpersönlichung, näher zu kommen. Er hielt strenge Diät, lebte wochenlang von Äpfeln und Wasser, verordnete sich Schlafentzug, arbeitete stets mehr als andere, fuhr täglich über hundert Kilometer mit dem Rad, kurzum, die Psychoanalyse kennt das Phänomen: Er machte aus der Mäßigung einen Exzess. Selbstobjektivierung durch den Teil des Selbst, der über den Dingen flattert, ihn unermüdlich beobachtet und all seine Regungen fragend belächelt. Und davon sollte ihn das schlichte Soldatenleben befreien. Nicht mehr das Nichts wollen, sondern nichts mehr wollen, um ein normales Leben führen zu können. Wie die Soldaten, die er um den lässigen Umgang mit Mädchen beneidete.

Dass Lawrence nach dem Krieg jede militärische Ehrung ablehnte, hängt nicht mit diesem selbst auferlegten Gebot, die Lebenshaltung einfach zu gestalten, zusammen. Ihn trieben Scham und Wut über die uneingelösten Versprechen der alten Kolonialmächte. Deren Öffentlichkeit aber war entzückt über so viel Demut. Lawrence kritisierte das in den Sieben Säulen voller Verachtung:


Mich irritierte dieses dumme Verwechseln von Schüchternheit mit Bescheidenheit; das eine ist eine Verhaltens-, das andere eine Betrachtungsweise. […] In Gesellschaft hatte ich immer das Gefühl, nicht ich selbst zu sein, wodurch ich mich allzu sehr bemühte – das Laster der Dilettanten, die ihre Kunst zu vorsichtig betreiben. So wie ich meinen Krieg zu genau analysierte, weil ich kein Soldat war und so wie ich meine Schritte viel zu genau vorausplante, weil ich kein Mann der Tat war. Mein abgeklärtes Selbst beäugte diese verzweifelten Bemühungen kritisch wie ein brütender Vogel seine noch flugunfähigen Küken.


Ein paar Seiten und einige Selbstbefragungen später dringt Lawrence zu dem wahren Grund, die Ehrungen abzulehnen, vor: Er schämte sich, sie so sehr zu wollen. Er wollte nur noch die spöttische Glucke, diesen tyrannischen Teil seines Selbst besiegen. Sie ist nicht tyrannisch, weil sie befiehlt, alles genau zu planen oder ihm gar verbietet, einen Orden anzunehmen. Sie ist tyrannisch, weil sie gluckst: „Mach’ es einfach, wie du willst, wähle selbst deinen idealen Maßstab, sei wie die anderen, dann bist Du auch kein schräger Vogel mehr!“ Je mehr er sich darum bemühte, umso heftiger nahm sie ihn unter ihre Fittiche. Es ist das Paradox des Glucken-Ichs, das einem befiehlt, frei zu sein und genau mit diesem Befehl Freiheit verhindert. Für Lawrence lautete die einzige Schlussfolgerung daraus: Die eigene Herrin gegen einen fremden Herrn zu tauschen.


Der Maßstab – das Tier?
Schmerzen und sogar den Tod nahm er dafür gelassen in Kauf, und im Leben gab es für ihn die bizarre Sicherheit, als Mensch niemals hinter den Status eines Tieres fallen zu können. Dieser Kampf gegen sich selbst war nicht das Leben, er sollte es aber ermöglichen. Lawrence verkaufte sein Ich an das Militär, diesen modernen Mephistopheles, um im Gegenzug endlich leben zu können. Vielleicht verrät die Art, wie er sich auf das Tier bezieht, warum ihm dieses Vorhaben misslang. In den Sieben Säulen ist er sich sicher: „Der Mensch könnte nach oben hin alles erreichen, aber es gibt eine Art Tierniveau, unter das er nicht sinken kann.“ Tierniveau bedeutet für ihn einerseits jugendliche Ungebundenheit, ohne Ver- und Gebote, von der Hand in den Mund zu leben, nicht zu planen, nicht zu denken, aber eben auch, um der Selbsterhaltung willen zu töten, so wie er es im Krieg ständig erlebt hat. Ließe man dem Tier in sich freien Lauf, würde der Mensch seinen Mitmenschen zum Wolf. Diese Kraft, die beim Staatstheoretiker Thomas Hobbes der Leviathan im Zaum halten soll, übernimmt bei Lawrence die eigene Vernunft. Oder ist es vielleicht doch eher das lästige Ding, das sich noch über die Vernunft zu schwingen weiß? Lawrence bedauert einerseits, zu zögerlich zu sein und nicht die Nerven für einen derart freien Willen zu besitzen, andererseits beruhigt es ihn auch, da man vor seinem zurückhaltenden Selbst keine Angst zu haben brauche. Äußerte er doch mehrfach den Verdacht, gefährlich für die Menschen werden zu können. Aller Selbstzähmungsbemühungen zum Trotz besteht Lawrence geradezu darauf, dass es sich bei seinem Selbst dennoch um eine Bestie handele: „Trotzdem war es eine wirkliche Bestie und dieses Buch ist ihr räudiges Fell, getrocknet, ausgestopft und ausgestellt, damit es die Menschen anglotzen können.“

Das erinnert stark an den Marsyas-Mythos, der dem Antikekenner und Homerübersetzer Lawrence sicher vertraut war. Der Satyr Marsyas fordert mit seinem Blasinstrument Apoll, den Gott der Vernunft und der Lyra, heraus und bekommt von diesem zur Strafe bei lebendigem Leib und unter spöttischem Lächeln die Haut abgezogen. Marsyas präsentierte dem Repräsentanten der Vernunft dessen andere, lüsterne Seite, und wurde dafür aufs Grausamste bestraft. Es war nicht das Lustbringende, das die Vernunft des Apolls um seinen Verstand brachte, es scheint eher so, dass Apoll sich verbat, Lust und Vernunft auf eine Stufe zu stellen. Er und seine Musen machten darüber hinaus aber aus der Strafe einen regelrechten Exzess. Sie straften nicht nur, sie genossen das Bestrafen. Ein Genießen, das sich von der Lust unterscheidet. Lawrence, auch hier einen Schritt vorausplanend, zieht sich lieber selbst das Fell ab, bevor es die vernünftigen Kritiker tun. Aber vielleicht macht er das nur, weil er genau weiß, dass es keinen Apoll, also keinen idealen Maßstab, mehr gibt. Er präsentiert in seinem Text ja auch nicht das lustvolle Soldatenleben, sondern die diesem innewohnenden Exzesse. Wenn Lawrence in den Sieben Säulen schreibt, dass er Tiere mied, da sich in ihnen „nur unser Misslingen widerspiegelte, wirkliche Geistigkeit zu erreichen“, hält er es dann für eine Rettung der Geistigkeit, sich selbst unter spöttischem Lächeln die Haut abzuziehen? Die Rettung misslang. Vom Zweiten Weltkrieg bis zu den aktuellen Konflikten im Nahen Osten bereiten sich britische und amerikanische Militärs auch mit den Sieben Säulen auf ihren Einsatz vor.

Dass der Mensch, wenn er überhaupt mit dem Tier verglichen werden kann, sehr wohl weit unter das Tierniveau zu fallen vermag, haben die Gräuel des 20. Jahrhunderts gezeigt. Die „Veterinärphilosophie“ der Nationalsozialisten sank unter dieses Niveau, gerade indem sie bereit war, den Menschen aufzuteilen in denjenigen, der noch unter dem Tier steht und denjenigen, der Menschenstatus erhält. Das wenige, was man über den Menschen sagen kann, ist aber, dass er weder ganz zur Natur gehört, noch ganz in der Kultur aufgeht. Was ihn vor allem vom Tier unterscheidet, ist dieser Trieb, der sich sogar gegen den Selbsterhaltungstrieb richten kann. Nicht, dass er dabei sterben will, aber der Tod wird hingenommen. Lawrence hungerte freiwillig, um die Grenze seiner Belastbarkeit immer weiter auszudehnen, wodurch eine Art überschüssiger Genuss entsteht. Ein Genießen jenseits der Lust. Nur der Mensch hat die Fähigkeit, freiwillig so ein merkwürdiges Opfer zu bringen. Wenn man schon vergleichen will, so macht den Menschen etwas aus, das wilder als das wildeste Tier ist: eine monströse Kraft. Vielleicht nennt Lawrence das Tier in sich, dessen Fell er uns präsentiert, deshalb auch „the Beast“. Es ist etwas, das nicht mit dem eigenen Willen zusammenhängt und dennoch von mir abhängt. Dieser unheimliche Trieb, der keine Funktion erfüllt und kein Ziel kennt, begegnete Lawrence, als er unter grauenvoller Folter eine Erektion bekam. Und gleichzeitig scheint es dieser unheimliche Trieb gewesen zu sein, der das Unmögliche im Guerillakrieg möglich machte.

 

Lieber nicht
Es ist dieses Zuviel des Genießens, das er mit dem Instinkt eines Tieres verwechselt, das Angst machende sinnlose Genießen, das er loswerden will, was aber durch den Wunsch, zu verschwinden, eher noch heftiger wiederkommt. Wie einfach ist es von hier aus, die Schuld für die ewige Wiederkehr dieses Lebenshindernisses bei anderen zu suchen? Das tat Lawrence aber nicht und kämpfte weiter gegen Windmühlenflügel an. Da er seine Über-Ich-Herrin nicht los wurde, weder den passenden Herrn noch den idealen Maßstab fand und mit Mitte vierzig schließlich entkräftet das Militär verließ, versuchte er es mit einem Trick, der beweist, dass er doch über Humor verfügte: Er behält seinen Glauben, um die Herrin wenigstens ein bisschen zu ärgern! In seinen Armeememoiren mit dem bezeichnenden Titel Unter dem Prägestock freut er sich: „Wenn sie hört, dass da in mir noch ein Gebiet ist, das sich ihrer Herrschaft entzieht …“ Aber auch diese lustige Selbstverstellung führte ihn nicht zum gewöhnlichen, lustvollen Leben.

Das Militär ermöglichte ihm den Kompromiss, ein bindungsloses und doch nicht ganz randständiges Leben zu führen bzw. führen zu lassen. Gerade Unter dem Prägestock liefert einen Blick auf diese Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt. Aber was war mit der Außenwelt? Er war vielleicht nicht Schriftsteller genug, um die Außenwelt, die nicht mehr zur Innenwelt gehört, die es aber auch gerade im England der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab, wahrzunehmen. Aber dafür braucht man natürlich kein Schriftsteller zu sein. Es ist das Merkmal vieler Künstler, den verdrängten Exzess der Gesellschaft auf sich zu nehmen und auszustellen, aber gerade diese Geste gehörte bereits damals schon zum, wie man so komisch sagt, „Spiel“ dazu. Die Öffentlichkeit glotzt noch heute fasziniert auf ihren sonderbaren Helden. Lawrence hat nicht gesehen, auf welche Weise sein Monster mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit zusammenhing, aber er hat es geahnt. Mit anderen Worten: Er war Außenseiter genug, um zum Medienidol zu werden – aber da war nicht genug Außenseiterselbst, als dass die Öffentlichkeit ihm dafür die Haut abgezogen hätte.

 


Die Passagen aus den Briefen von T. E. Lawrence und aus Sieben Säulen wurden von der Autorin selbst aus dem Englischen übersetzt.