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von hinten geläutert

Die Erläuterung einer Läuterung


Wolfgang Ellmauer: Rektale Katharsis. Eine Erläuterung

Novum 2006

Rezensiert von: andreas plammer


„Eine Erläuterung“, das ist der Untertitel von Wolfgang Ellmauers Prosadebüt Rektale Katharsis, und das „Er“ in „Erläuterung“ ist im Fettdruck hervorgehoben. Er, das ist Lukas Metzauer, Anfang Dreißig, Lehrer für Englisch und Musikerziehung in einer österreichischen Kleinstadt, Jogger, Hobbymusiker, und, zu Beginn des Romans, in einer tiefen Lebens-/Liebeskrise befangen. Seine Läuterung geht in drei Phasen vor sich, denen die drei Abschnitte des Romans – Laufen, Schreiben, Warten – entsprechen, drei Phasen, die Metzauers Versuche darstellen, über seine gescheiterte Beziehung zu Alma hinwegzukommen. Alma, die Architekturstudentin, die er seinem Freund und Wohnungskollegen Richard ausgespannt hat. Alma, die ein Jahr später eine Beziehungspause, eine Auszeit, verlangt hat und von einem Tag zum anderen aus Metzauers Leben verschwunden ist. Alma, die den Kontakt zu Richard wieder aufgenommen hat.
Laufend hinkt Metzauer zunächst seiner gescheiterten Beziehung hinterher, solange, bis körperliche Beschwerden ihn in diesem Versuch seiner Trauerarbeit bremsen und er beschließt, die Geschichte ihrer Beziehung niederzuschreiben und Alma zu schicken, um seine seelischen Schmerzen zu lindern. Kaum hat er seine Geschichte zur Post gegeben, beginnt die dritte Phase, das Warten auf Almas Reaktion. Doch diese bleibt aus – solange, bis er anlässlich einer zufälligen Begegnung an ihrem Blick zu erkennen glaubt, dass es endgültig aus ist, und er ungläubig feststellt, dass ihm das nichts mehr auszumachen scheint. Metzauer glaubt, wieder leben zu können, doch wenig später vermittelt ihm der Blick des Arztes, den er seiner Schmerzen wegen konsultiert hat, dieselbe Botschaft, die er in Almas Augen gelesen hatte: „Metzauer, es ist aus.“ Krebs im fortgeschrittenen Stadium, sagt Metzauer sich, ehe er im letzten Kapitel des Buches feststellen darf, wie missverständlich Blicke sein können.
Wolfgang Ellmauer erzählt die uralte Geschichte der Selbstfindung eines jungen Mannes und seiner Strategien, eine Beziehungskrise zu bewältigen, die ihn sich selbst in seiner ganzen Persönlichkeit in Frage stellen lässt, ein Thema, dem die Gefahr immanent ist, in allzu oft gehörte und gelesene Erzählmuster abzugleiten. Dass Ellmauer dies nicht tut, dass er aus sattsam bekannten Verhaltensweisen, wie sie aus Selbstmitleid, Eifersucht und der ganzen übrigen Palette an Minderwertigkeitsgefühlen folgen, in flotter und durchaus origineller Erzählweise humorvolle Zustandsbilder aus der Gefühlswelt seines Protagonisten entwirft, ist ihm hoch anzurechnen, und macht den Roman unterhaltsam und lesenswert. In kurzen Kapiteln beleuchtet er in einer ganzen Reihe von schlaglichtartigen Rückblenden, Metzauers Beziehung zu sich selbst und den anderen, in erster Linie natürlich zu seiner großen Liebe Alma, sodass vor dem Leser schließlich die Persönlichkeit Metzauers aus seiner Vergangenheit ersteht, bis dieser von seiner Gegenwart eingeholt wird, oder besser, bis er seine Gegenwart einholt, wieder eins wird mit sich und der Zeit und der Erzähler ihn in seine Zukunft entlässt, in der zwar noch nichts entschieden, aber lange noch nicht alles aus ist.