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worüber die vögel ziehen

teresa präauer | worüber die vögel ziehen

Worüber die Vögel ziehen, und was in einer Woche die Menschen tun, das habe ich in der Stadt gesehen. Dort sind Wörter wie Bilder gelegen, und sie haben, jeder Absatz eine Ansichtskarte, dabei Töne geklopft, und manchmal ist ihnen der Reim näher gewesen als der Bericht oder das, was an fünf Fingern erzählbar ist. Wenn die Empfänger später meine Kartengrüße aus dieser Stadt gelesen haben, haben sie aus den Zeilen des Textes ein Lied gemacht.

Am ersten Tag
Den Uferweg fliegt eine Möwe lang, tief überm Fluss, dass sie sich doppelt im Spiegel des Wassers, und ihre Flügel, nun vier, die Bögen eines geöffneten Mundes bilden, um im Gegenschlag, spitz, zu zwei Bärten zu fächern.

Ich sehe weiche Früchte am Boden kullern, dann, später, am Baum noch Stängel mit Knoten daran, dann, viel später, kauft jemand zwei Artischocken in violetter Blätterkrone. Beim Wasser, gelb mit grünen Gräsern, ist nur eine Blume malvenfarben.

Die Bewohner der Stadt berichten, dass die Vögel vertrieben werden. Bald aber lernen die Tiere, das Signal, das sie verscheucht hat, nicht mehr als Gefahr zu deuten, und sie kehren zurück an ihre alten Plätze.
 
Zwei Bäume wachsen inmitten der Stadt, riesig, die Blätter fallen noch nicht ab, da kreischen und fliegen sie um die Kronen, die Vogelschwärme auf ihrem Zug in wärmere Regionen. Machen Halt und dort Krawall, ziehen in Richtungen, bilden wieder Schwärme, Muster, man meint noch: „menschenfremde Zeichen!“ für die, die unten niederhocken.

Lenken sich ab, gegenseitig, von hier nach dort, fliegen in Bahnen und Lagen, übereinander und mittendurch: Da bricht das Bild und wird zum Knäuel (Chaos). Und ein Schreien und Flimmern ist es, wenn sie im Flug am Himmel „einen Namen?“ schreiben, die kleinen Stare, schwarz vor Abendweiß, die hellen Möwen, dann später, bei Nacht.

Ein Mann behauptet, dort, wo Vögel wären, hagelten Kerne vom Himmel, von den gekauten Oliven, gesammelt bei Tag in der Umgebung der Stadt.
Und eine Frau sagt, wieder andere Vögel hätten das Fliegen verlernt und eine Ärztin im Fluggerät müsse sie also auf ihrer ersten Reise in den Süden begleiten.

Und die Tauben? Sie sitzen in ihren Federn auf Pferden, auf Kindern, auf Fischen aus Stein und nicken mit dem Kopf. Manche liegen tot am Boden, aufgebrochen wie eine Melonenfrucht.

Am zweiten Tag
Wenn es regnet, habe ich einen Unterstand und blick’ zum weißen Himmel hoch, sehe dazwischen Brücken, Türme, höher geschachtelt, hundert bunte Ausblicks-Orte auf tausend weitere Häuser.

Dazwischen die Löcher und Gräben der Stadt, tief pfeifen da die Tauben durch, und Brücken führen darüber. Unten rollen sich die Katzen ein, und oben gehen, schauen oder stehen die Menschen:

„Hier sehen wir einen Mann vor rotbraunem Haus, sein Hemd ist rot, seine Hose braun. Seht hin, ihm zittern die Finger, wir sagen: vor Glück und Möglichkeit.“

Wohin ich gehe, dort haben die Köter Zuwachs bekommen, dicht beieinander drängen sie sich an den Rand des Gehsteigs. In den Gärten sind die Orangen gesprenkelt von Schwarz und Grau, als wäre ein Mohnfeld herbstlich versprengt, und liegen so leuchtend zwischen den geschliffenen Steinen.

Etwas wächst auf Hausfassaden, deren Farben Gelb, Grau, Braun, Grün, Ocker sind, einmal Streifen haben, einmal kleine Risse im Putz wie Wolken oder Rosen. Und oben am Himmel sausen die wirklichen Wolken vorüber, zielt ein Vogel von Turm zu Dach, mischen sich Grau, Weiß, Blau, „dazwischen scheint die Sonne“, sag’ ich, „ach“.

Vom Morgen bis in die Nacht klappern die Bestecke, hör’ ich die Gläser klirren, schreit ein Kind nach Wasser. Und die Vögel betteln um Brot, und die Klingeln bimmeln um Platz, und die Motoren dröhnen in den Ohren. Zwischen den Steinen der großen Plätze sind Ritzen für die Kleinen: Zigaretten, rote Eislöffel, manchmal liegt dort auch ein Knopf und stopft ein Loch.

Koffer rollen übers Pflaster, und der Krawall des Abends macht, alltags, den Morgen träg. „So rasch vergeht es hier, und langsam ziehen sich die Wochen. Ich koch’, ich geh’, ich krall’ mich nachts ins Bett. Zieh’ die Decke bis zum Hals und drück’ die Ecken in die Ohren.“

Die Menschen unten singen, brüllen, lachen, prosten sich im Sitzen zu. Sie werfen Blicke auf die, die stehen, und pfeifen denen nach, die weitergehen. Da kracht der Donner so laut herab, dass die Kinder kurz starr werden im Spiel, dass die Erwachsenen vom Essen aufschauen, erschrecken, dann lachen, und ihren Gören mit einem Handstreichen, „wie zart!“, bedeuten, dass der Himmel geordnet und die Welt noch eine Kugel sei.

Und wo es nun regnet, bilden die Tropfen auf den Lacken der Straßen kirschrunde Blasen. Den Rest des Tages räumen, später dann, nachts, Müllmädchen in schwarze Säcke.

Am dritten Tag
In einem anderen Teil der Stadt wohnt die Malerin. Tagsüber hat sie, gemeinsam mit anderen, Granatäpfel gesammelt und kreuzweis eingeschnitten. Die Küche ist voll mit Zwiebeln und Menschen. Manche schauen ernst und lang, sagen Sachen, mustern Finger, Arbeitshände. Eine zieht mit dem Messer Bilder wie Fluss-Spuren in weißen Gummi. Einer knipst ab:

„Schön ist, wie dein Schatten bei den Füßen beginnt und am Ende des Zimmers dann aufhört. – Gegenüber ist mein Fenster, falls du nachts einmal ein Steinchen werfen willst.“

Die Malerin hat einen kleinen Arbeitsraum, einen Platz zum Schlafen, eine Kanne Kaffee, viele Bücher, Fotos, Zettelwerk. Sie spricht langsam, betont die Silben mit Bedacht, denkt nach, sagt manches über Fragen von Farbe und Raum und Mensch. Oft ist sie so mitten in der Arbeit (mitten in Gedanken), dass sie silberne Spuren lässt, wo immer ihre Finger streifen.

Ich sage: „An einem Tag war ich so müde, dass mir die Buchstaben nicht mehr einfielen, oder sie so in sich zusammengefallen waren, dass nichts mehr lesbar war am nächsten Morgen: Io lo so che non sono solo anche quando sono solo. Und oh! Ein ›I‹ davon (dem Jovanotti-Song) lag wochenlang am Tisch und ging dort nicht herunter.“

Die Malerin sagt: „Wenn ich sitze, wachsen Blätter mir im Kleid und bis zum Hut. Und wenn ich warte, regnet es Tropfen vom Kinn bis in den Rock.“

Dann macht sie Filme von den Wolken, nimmt daraus Bilder und legt sie übereinander, webt also einen Himmel aus Schichten, aus Lichtern, aus Vögeln, aus Blau. Sie baut ihr Bild in Schuppen auf und startet mit den Puppen in den Tag.

„Mehr noch von den Puppen!“

„In einer kleinen Werkstatt mit Einblick von der Gasse her, seh’ ich Werkzeug, und unzählbar: Köpfchen, gestapelt, halb gebrochen, dort Augen, hier Beine, da ein Rumpf. Regal über Regal Figurenteile, Zernagtes, ausgekegelt, abgeschnitten, und daneben, Heil versprechend: Stoff, Nähzeug, Draht und Zwirn.“

Und weiter spricht die Malerin und beschmiert ihr Papier, und manches scheint durch, und manches wird schwarz, die Finger auch, die Wange, sogar die Socken, sogar die Zunge. Sogar die Lider, – sogar die Nacht.

„Fliegt ein Vogel vorbei, da stoß ich die Tasse um, und Tee rinnt auf Notizen, Kalender, Zeichenblöcke. Ich breite die Briefe zum Trocknen aus, öffne manche erst jetzt, und beschwere sie mit Messern und Scheren.“

„Licht an!“

Und während sie arbeitet, klatschen zwischen den Blättern und dem Plätschern des Wassers auf den Plätzen der Stadt die reifen Orangen auf den Boden.

Am vierten Tag
Ich gehe durch die Straßen und verlaufe mich immer an derselben Ecke. Jedes Mal sehe ich eine Frau, die „gerade noch!“ vor mir abgebogen ist. Frage also: „Von welchen Speisen träumt der tolle, alte Spatz, wenn er im Schatten Reisig pickt? Nein, so: Wohin trollt sich eine Frau, bemalt, wenn’s eisig ist, und Regen fällt?“

Wie alle Menschen seit allen Jahren hat auch sie um Körper und Kopf gebunden, was sie entdeckt und aufgelesen. Einmal nicht Gras, sondern Wolle, einmal nicht Erde, aber Lippenstift.

Ihr Gesicht, in Flächen geteilt, ist rosa, braun, weiß. Die Nase aber, clownhaft rot, platzt heraus, wo der Mund sein rostiges Loch bis zum Kinn hin zieht. Die Stirn ist wie gekalkt bis dort, wo die Perücke, blond, von einem Tuch unfestlich, nein fest, gehalten wird.

Die Frau hat Farbe auf den Händen und farbige Kreide sogar in den Kleidern. Wo sie anstößt und sich abstößt, hinterlässt sie Staub und buntes Pulver. Ihre Kleider folgen einer getürmten Ordnung in all dem Schmutz und Müll, der sie umhüllt.

Und immer noch und nur sind rosa, braun und beige: Hose, Jacke, Hemd. Die Schuhe aber weiß und hackig, sodass die Stöckel Töne machen. Gefüllte Säcke schleppt sie durch die Stadt, geht Schleifen durch die Gassen. Voll Stolz, das Haupt erhoben, die Augen zu, zwischen „Platz hier!“ und „Weg dort!“.

Tut am liebsten um die Ecke biegen. Taucht auf, tritt vor, ist wieder fort. Hat Blumen in Weiß und Grün um die Augen geschminkt, die Nase wieder eingekreist, um die Lippen pink. Die Kleider legen eine Schulter frei, mit Sicht auf Rücken, ja, dabei ist die Haut krustenschwarz.

„Wäre ich nicht unter Orangenbäumen gesessen und von einer fallenden Frucht fast getroffen, wäre auch ich ihr, vielleicht, von hier aus gefolgt.“

Am fünften Tag
Ein Mädchen hat einen Hund am Arm, Klunker im Ohr, Becher in der Hand, streift so von einem zum nächsten, erbettelt Groschen oder Süßes.

Ein Mann trägt Seltsames um den Kopf geschnürt, steht an der Kreuzung, brüllt die Fahrer an in ihren Autos, tänzelt stundenlang um den Verkehr herum.

Ein Taschen-Verkäufer wacht die ganze Nacht über seinen von Karton und Plastikplanen abgedeckten Straßen-Stand.

Ein Pizza-Verkäufer hat Angst, mit Sprachenlernen statt Sprechen Zeit zu vergeuden. „Ich mach, was ich will, wo und wann auch immer, so ging ich drauf und geh ich unter.“ Ohne Pause erzählt er seine Geschichte.

Eine Gruppe von Klosterschwestern bei ihrem Ausflug durch die Stadt: „Worüber sprechen sie, und ist darunter Tröstliches?“
Und noch ein Mann, ich kenne ihn seit Jahr und Tag, scheint so fremd wie nur, und gibt dann, plötzlich, Wunder, sich wieder zu erkennen.

Und noch ein Mann: beantwortet von vier Fragen stets nur eine.

Aber der Bibliothekar? „Er hat mir die wichtigen Dinge verraten: auch die verbotenen Sessel, auch die Steckdosen für den Strom, auch die heiligsten Bücher und die traurigsten Handschriften, die je mit Tränen geschrieben worden sind. Sein Hemd ist reptilgrün und seine Haare rot, beim Reden – erkenn’ ihn so! – zischelt er ganz nah am Hals des Gegenübers.“

Eine junge Frau, sie trägt Kirschen im Ohr und fragt: „Gibt es ein Glück, oder viele, und was ist mit der Trauer?“

Am sechsten Tag

„Brauch’ ich Punkte oder Rufzeichen?“, befragt die Malerin ihre Einkaufsliste und lacht.

Später haben sich junge Männer zu ihr an den Tisch gesetzt und haben das Maul nicht aufgebracht, und sie hat es ihnen nicht vorwerfen können, weil sie, ein Rückfall, ihre Sprache nicht mehr gesprochen hat, und das Falten und Blättern in ihren Heften alles übertönt hätte.
Am letzten Tag
Auch anderswo haben sie eine fremde Sprache gesprochen, und sie selbst hat dort die Einsätze zum Lachen verpasst. So hat sie gegrüßt, geschaut, genickt, aber niemals wieder, und sei es eine Kleinigkeit, erfasst.

Jemand hat einmal gesagt, so ungefähr, dass, wer diese Stadt schließlich kenne, nicht mehr wie anfangs versuchen würde, über sie zu schreiben.

„Die Straße geradeaus, über den Platz hinüber, hin zur Parallelen, dort hinten nach rechts. Und dann im palastartigen, dunkelgrauen Gebäude, dort hat sie gewohnt und hier fragen noch Menschen aus deinem Land nach ihr, weil sie dort geraucht hat und getrunken. Und weil sie im obersten Stock wohl auch geblieben oder, so traurig, uns zum Verlust geworden ist.“


Oktober 2008/Februar 2009