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130 seiten sonnenschein

Von der Schwierigkeit, eine einfache Geschichte zu schreiben


Andreas Unterweger: Wie im Siebenten. Roman

Graz-Wien: Droschl 2009

Rezensiert von: werner schandor


„I always liked simple rock”, gesteht John Lennon im berühmten Rolling Stone-Interview, in dem er nach den Beatles ein wenig Schmutzwäsche wäscht. Nicht die Schmutzwäsche, aber John Lennon und das Einfache scheint auch Andreas, der Ich-Erzähler in Andreas Unterwegers Romandebüt Wie im Siebenten, zu mögen. In diesem Roman versucht Andreas etwas Schwieriges, nämlich ein ganz einfaches Buch zu schreiben. Fröhlich gestimmt erzählt er davon, wie es damals war, mit ihm – Andreas – und seiner großen Liebe Judith, als sie eine Wohnung im 7. Wiener Gemeindebezirk bezogen. Andreas übt Gitarre und schreibt ein Buch, Judith geht morgens zur Arbeit, kommt abends heim zu ihrem Liebsten – der Rest sei Friede, Freude, Sonnenschein. Nur: so leicht, wie man es gerne hätte, ist gar nichts, weder die Gitarre noch das Schreiben und schon gar nicht die Liebe bzw. das Schreiben über die Liebe. Und so gerät das vermeintlich einfache Buch des 1978 in Graz geborenen Autors, Germanisten und Gitarristen zu einem Spiel mit doppelten Böden, hinter denen Abgründe lauern. „Ich hatte fast alles geschluckt”, erinnert sich Andreas. „Tabletten zum Beispiel. Wenn ich eine Tablette in das Loch warf, das mein Mund war, hörte ich den Aufprall nicht: so tief war das Loch. Als ich Judith begegnete, hatte mich das Loch schon halb verschluckt.”

Judith und das Schreiben und die Gitarre sind Andreas‘ Rettung vor dem Verschlucktwerden. Schließlich ist man heutzutage, wie die Rockwelt lehrt, spätestens mit 27 ein Fall für den Holzpyjama. Aber wie verhindern, dass einem die Liebe und das Leben wieder entgleiten? Andreas versucht es mit Zweckoptimismus. Alles soll ganz einfach sein, stellt er in den Raum, um diese Forderung im nächsten Augenblick schon wieder einzuschränken, zu relativieren und mit der nicht so einfachen Wirklichkeit in Übereinstimmung zu bringen. Und so zersplittert das Buch zunehmend in einzelne Textabschnitte, wo in immer neuen Anläufen darüber reflektiert wird, welche Schwierigkeiten im Leben im Allgemeinen und in Andreas‘ Bemühen um das Schreiben, die Gitarre und Judith im Besonderen auf ihn warten.

In Unterwegers Buch wechseln Erzählung und Reflexion einander ab, lyrische Passagen mischen sich in die Prosa, sogar Fotos und das Märchen von den Mundpupsern in Oralflatulenzien werden als Beweisstücke des Faktischen vorgelegt, um zu verhindern, dass Andreas den Boden unter den Füßen verliert. Er klammert sich an seine Liebe. Doch was ist die Liebe? Puzzlegleich fügen sich die postmodernen Textsplitter des Romans um etwas herum, von dem Anton Cechov, den Andreas Unterweger zitiert, sagte: „Bis heute ist über die Liebe nur ein einziger wahrer Satz gesprochen worden, nämlich: ‚Dies Geheimnis ist groß‘.”

Andreas Unterweger besingt in Wie im Siebenten das Geheimnis der Liebe schließlich mit einem Essay, der viel von dem auflöst, was der Autor zuvor an Fragen gestellt und an Fährten ausgelegt hatte. In diesem Essay geht es um Bob Dylan und Sara Lownds, es geht um Dante und Beatrice, und auch John Lennon und Yoko Ono kommen vor – als Kronzeugen dafür, dass es so etwas überhaupt noch gibt: eine Liebe, die das Leben verändert und die Kunst beseelt. Ganz einfach. John Lennon hätte Unterwegers Buch vermutlich gemocht.