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69er-stellungnahmen

Die Flower, die Power und der Hendrix Jimi


Wolfgang Pollanz (Hg.): 1969

Wies: edition kürbis 2009

Rezensiert von: markus köhle


Eine Anthologie kann einem nie zur Gänze gefallen. Täte sie das, so wäre sie wohl zu einseitig geraten. Aber wenn man sich nicht nur die kurzen Texte beziehungsweise die mit ansprechendem Titel oder die Texte jener Autor­Innen rauspickt, die man ohnehin schon kennt, sondern ausnahmslos alle liest, dann spricht das durchaus für die Qualität der Anthologie.

Themenverfehlung
1969 als Thema also. Einer der Autoren (Ernst M. Binder) zitiert den Herausgeber (Wolfgang Pollanz) in seinem Beitrag: „Es soll 1969 heißen und sich mit diesem Jahr auseinandersetzen, in dem es zwei wichtige Ereignisse gab, nämlich die erste Mondlandung und das Festival in Woodstock.” Sodann bekennt Binder, eine Themenverfehlung anzustreben. Was ihm nicht gelingt, denn erstens: Was soll denn schon eine Themenverfehlung sein? Zweitens: Ist dann doch jede Menge Mond in seiner Geschichte und drittens ufert sein Beitrag (mit 40 Seiten der längste) zwar zwischendurch aus, bemüht sich aber doch noch (mehr oder weniger erfolgreich), die Kurve zu kratzen und einen schönen 1969-Rahmen hinzukriegen.

Das Thema legt nahe, im eigenen Erinnerungskasten zu kramen, das tun die meisten der elf Autoren (die damals schon lebten). Doch es geht auch anders. Hervorragend in dieser Beziehung ist die Story von Wilhem Hengstler. Er schickt seinen Helden auf die Reise, die Electric Ladies, 21 nackte Grazien auf einem Jimi-Hendrix-Cover, zu finden. Mit Sicherheit ließe sich problemlos (bezogen auf die Materialfülle) eine Diplomarbeit über Jimi Hendrix in der deutschen Literatur verfassen. Sollte dies demnächst wer machen, Wilhelm Hengstlers Geschichte gebührte darin einen Sonderstellung. Alleine der Anfangssatz! „Ich glaube es war 69, als ich heiratete, ein Jahr unfruchtbar und erregend wie dieses Tier mit zwei Rücken, bei dem keiner weiß, wo unten und wann oben ist.” Die Story setzt ein mit einer rauschig nebeligen Hochzeit, führt den Helden in seinem „Diesel” dann in Beat-Poeten-Manier von einem Ort zum anderen, skurrile Personen sind natürlich Pflicht, und die Geschichte endet – ja freilich – mit Sex, und über ihnen baumelt eine Jimi-Hendrix-Voodoopuppe. Erfahrungsgenährte Fiktion, die die Lesenden abdriften, eintauchen, nachspüren lässt, sehr gut.

Bitterböse
Ums Auftauchen von Verdrängtem geht es in Franzobels Beitrag. Er lüftet das Geheimnis der Klachler Skelette, einer Gemeinde „wie sie in Österreich zehntausende finden. Aber wir lassen uns nicht provozieren.” Eine bitter-böse Geschichte über Provinz, Toleranz und Wertewandel. „Damals war man noch nicht so.” Auch nicht so, sondern anders ist Peter Glasers Ich-Erzähler, der ist nämlich vom Forschergeist beseelt. Glaser lässt seinen Helden zu Hause im Keller mit dem chemischen Laboratorium Bakelit, künstliches Bananenaroma und Raketentreibstoff erzeugen und die ersten fünfhundert Perry Rhodan-Romane lesen, „aber Woodstock kann mich mal.”

Wolfgang Pollanz weist auf die zu jener Zeit aufkommende Mode der Ohrwaschelkorrektur hin sowie auf die Bedeutung der Autofahrer-unterwegs-Sendung. Günther Freitag erinnert daran, dass erinnern selbstverständlich immer auch lügen heiße (immerhin), und erzählt dann vom Italienurlaub und des Großvaters Einstellung zu den „Katzelmachern”. Andrea Stift ist 1976 geboren, aber wäre halt gerne mal mit Jimi Hendrix ins Bett gegangen. „Er hatte so unglaublich große Hände.” Sie mutmaßt, dass Gitarristen sicher fingerfertiger seien als beispielsweise Schriftsteller.

Dachstuhl aufgesetzt
Gedankenfertiger hingegen ist der Austrofred. Er hat wie immer seine ganz eigene, erfrischende Weltsicht und entsinnt sich bzw. lässt entsinnen, dass 69 der Dachstuhl aufgesetzt wurde, „1970 bin dann ich gekommen, 1971 haben sie heruntergeputzt.” Im Übrigen erfährt man in seiner wunderbar pseudonaiv-absurden Geschichte einiges über den Erfahrungshorizont von ÖBB-Bediensteten und die selbstmörderische Absicht von Pferden in Villach. Abschließend von Pferden zu vielen, vielen Glühwürmchen und einem abgedrehten Farb- und Schreibrausch. Werner Schandor gibt Aufzeichnungen aus Sepp Hanfstingls Notizbuch wieder. Ein Sonderling, der überzeugt davon war, dass die Ankunft der Außerirdischen unmittelbar bevorstünde.

Für jeden etwas
Diese Anthologie hat also für alle was zu bieten. Man mag Lyrik, formal experimentierfreudige Texte oder Zahlenmystisches vermissen, aber das muss man mögen und der Herausgeber hat sich offenbar bewusst vorwiegend an klassisch erzählende Autoren gehalten. Umso schöner, dass es, trotz zum Teil ähnlicher Herangehensweise, ein sehr buntes Buch wurde. Ein Buch, das man ruhigen Gewissens nicht nur allen 1969 Geborenen im Bekanntenkreis, sondern allen Lesefähigen zum Geburtstag (oder auch einfach mal so zwischendurch, um Gutes zu tun) schenken kann.