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berlin, im ernst: berlin

ernst kilian | berlin, im ernst: berlin

Ein Rundgang durch die deutsche Hauptstadt

Über Berlin, die europäische Hauptstadt mit der tragischen Geschichte, im Ernst zu reden ist gar nicht so leicht, das weiß ich seit einem früheren Besuch, als mir eine Zimmervermieterin begeistert die Vorzüge des von ihr vermieteten Zimmers schilderte, inklusive wunderschönem Blick auf den Mercedes-Stern, und zwar nachdem sie erklärt hatte, dass das Zimmer bereits vergeben sei; und als ich in eine kurdische Demonstration geriet, die im Wesentlichen von der Polizei beschickt wurde, wodurch die wenigen Teilnehmer inmitten eines Großaufgebots von Einsatzfahrzeugen und Uniformierten kaum noch auffielen; und als ein Buschauffeur Fahrgäste, die bei der zum Ausstieg bestimmten Tür in der Wagenmitte eingestiegen waren, aus- und vorne wieder einstiegen ließ, obwohl der Bus fast leer war. Da war mir klar: Dies ist eine Stadt, die leicht ins Skurrile kippt, in der jederzeit unerwartet absurdes Theater entstehen kann, ganz spontan und ohne sich seiner bewusst zu sein. Eine Stadt zum Wohlfühlen also.

Diesmal weht mir der Hauch des Absurden schon früh entgegen, nämlich rund 50 Kilometer vor der Stadtgrenze, in der brandenburgischen Einöde, wo sich unweit der Autobahn auf einer weiträumigen Lichtung inmitten Waldungen ein architektonisches Gebilde erhebt, das entfernt an einen überdimensionierten ohrenlosen Elefanten erinnert, der bis über die Körpermitte im Boden feststeckt, 360 Meter lang, 107 Meter hoch. Es ist die ehemalige Fertigungshalle des Cargolifters, eines geplanten Großluftschiffes, dafür gedacht, beispielsweise komplette Brückenkonstruktionen an ihren Bestimmungsort zu transportieren, dessen Hersteller jedoch schon vor der Fertigung des ersten Exemplars in Konkurs ging, woraufhin zur Nachnutzung die „Tropical Islands” dort eingezogen sind, eine Art Kondensat tropischer Landschaften samt Vegetation und dazu gehörenden Gewässern auf 66.000 Quadratmetern mitten in der brandenburgischen Einöde. Und durch dieses artifizielle Paradies schlapfen jetzt Menschen in Badeanzügen, obwohl sie das, weil Sommer, billiger auch am Wannsee oder sonstwo tun könnten, aber sie tun es lieber hier, denn hier sind sie gewissermaßen doch irgendwie in den Tropen, und noch dazu ohne Tsunamigefahr, giftige Insekten und lästige Straßenhändler, alles ist ordentlich, überschaubar, geplant und durchdesignt und nachdrücklich um authentische Stimmung bemüht, selbst die kahlen Betonparkplätze vor der Halle heißen „Karibik” und „Pazifik”, und wer die Halle von außen fotografieren will, ist sogar der Mühe enthoben, auf der Suche nach einem günstigen Blickpunkt über die Lichtung zu irren, denn gleich neben der Zufahrtsstraße findet er zwei Flächen mit der Aufschrift „Photopoint”, wo hat man das schon auf Bali, den Seychellen oder Martinique, die ohnehin in Zeiten der Krise immer weiter fortrücken? Mit anderen Worten, und zwar jenen der hauseigenen Homepage, „das perfekte Reiseziel schlechthin”. Im Ernst. Nur: Ist eine unter hohem Energieaufwand ganzjährig betriebene Tropenimitation mit konstant 26 Grad Celsius mitten in der brandenburgischen Einöde wirklich genau das, was der brandenburgischen Einöde bisher gefehlt hat?

Tragische Geschichte
Berlin, diese Stadt mit der tragischen Geschichte, trägt schwer an der Tragik seiner Geschichte, erinnert sich und seine Besucher immer und überall an sie, nämlich an die Zeit zwischen 1933 und 1989. In anderen Städten gibt es an erhaltenen historischen Gebäuden Tafeln mit Erläuterungen der Bau- und Funktionsgeschichte, in Berlin nicht, in Berlin werden erhaltene Gebäude nicht erläutert. Nur Bauten, die nicht mehr existieren, weil sie zwischen 1933 und 1989 zerstört wurden, wie zum Beispiel das Königsschloss oder die Bethlehemkirche, werden auf Tafeln, die auf leeren Plätzen stehen, liebevoll und detailgenau beschrieben. Andere Bauwerke sind allenfalls dann von Interesse, wenn in ihnen oder vor ihnen jemand ermordet wurde oder dort Ermordungen angeordnet wurden. Und spätestens am Humboldthafen, wo ich gerne etwas über seine Entstehungszeit und seine verkehrstechnische Bedeutung erfahren würde, aber nur einen Gedenkstein für den getöteten Zonenflüchtling Günter Litfin vorfinde, dämmert mir, dass der Humboldthafen ja per se völlig belanglos und lediglich im Hinblick darauf wichtig ist, dass dort am 24. August 1961 der Student Jürgen Litfin als erstes Maueropfer von Volkspolizisten erschossen wurde, wie auch das Stadtschloss eigentlich nur errichtet worden war, damit es später die Rote Armee in Brand schießen und die DDR-Führung niederreißen lassen konnte. Im Ernst: Der Versuch Berlins, mit seiner jüngeren Geschichte umzugehen, verdient Anerkennung. Verbrechen gegen die Menschlichkeit darf man weder verschweigen noch verniedlichen, und wo immer Unrecht geschehen ist, soll darauf hingewiesen werden. Wenn aber eine Stadt, deren erste Erwähnung auf 1244 zurückgeht, sich in ihrer öffentlichen Darstellung fast ausschließlich über die düstersten fünfeinhalb Jahrzehnte ihrer Geschichte definiert – ist das nicht doch ein bisschen zu obsessiv?

Wobei die Erinnerungskultur auch bloß gut gemeint sein kann, wie in jener an einen Irrgarten gemahnenden Anlage zwischen Potsdamer Platz und Brandenburger Tor, wo auf einem weiten, offenen Areal dicht aneinandergedrängt 2.700 polierte Steinquader stehen, mit rechtwinkelig verlaufenden Gängen dazwischen, etwas unter Straßenniveau, so dass der Blick das gesamte Areal leicht überschaut. Die Quader am Rand sind nur wenige Zentimeter hoch, gegen die Mitte zu werden sie in dem muldenförmigen Gelände immer höher. Das Labyrinth lädt dazu ein, begangen zu werden, und es wird viel begangen, überall tauchen Menschen aus der Mulde auf, Paare oder Gruppen, die einander verloren haben und einander beim Auftauchen fröhlich zulächeln. Es herrscht eine entspannte Atmosphäre, wie sie in den „Tropical Islands” nicht entspannter sein kann, nur leider fehlt hier ein Photopoint, ich steige also auf einen der niedrigen Quader am Rand, um eine günstige Perspektive zu haben, tauche dann selbst in den Irrgarten ein, stelle bald fest, dass man sich wegen des schachbrettartigen Musters hier kaum leichter verirren kann als in Midtown Manhattan, bekomme erste Zweifel, mutmaße wegen des enttäuschend geringen Spaßfaktors eine verborgene tiefere Bedeutung und, richtig, da steht auf einer unauffälligen, in den Boden eingelassenen und ausschließlich deutsch beschrifteten Tafel, dass es sich um das Denkmal für die ermordeten Juden handelt, und dass das Besteigen der Steine, das Darauf-Sitzen und -Liegen und das Springen von einem zum anderen verboten sind. Ich blicke von der Tafel auf und sehe lauter Leute, die genau das tun, aber, Moment mal – hat nicht Gerhard Schröder in Bezug auf dieses Monument jenen bewundernswerten Satz gesagt, den es nach den Gesetzen der Logik gar nicht geben dürfte, weil er genau so falsch klingt wie seine Negation, nämlich, das Mahnmal solle ein Ort sein, wo die Menschen gerne hingehen? Und das tun sie, das tun sie wirklich, und sie fühlen sich sauwohl da, zumal da das Vergnügen, anders als in den „Tropical Islands”, gratis ist – aber im Ernst: Musste man diese Stelen so errichten, dass sie geradezu wie eine Einladung an müde Touristen wirken, sich darauf niederzulassen, und an die Mitglieder der Spaßgesellschaft, dazwischen Verstecken zu spielen? Im Übrigen ist Daniel Libeskinds Schoah-Gedenkstätte im Jüdischen Museum mit ihren schlichten Rauminstallationen und „voided voids”, den „leeren Leerräumen”, sehr viel beeindruckender, beklemmender und außerdem nicht misszuverstehen, auch wenn viele da weniger gerne hingehen mögen, schon deswegen, weil das Gedenken mit Eintrittsgebühr verknüpft ist.

An die Stelle der Mauer
Das ubiquitäre Erinnern an die Teilung durch die Mauer ist an die Stelle der Mauer selbst getreten, von der existieren nur noch wenige Dutzend Meter, man will sich an die Mauer erinnern, vor sich sehen will man sie nicht, man hat sie zu lange vor sich gesehen. Wer den genauen Verlauf der Mauer wissen will, ist auf den Stadtplan angewiesen, dort ist sie als markante rote Linie eingezeichnet und dann weiß man, hier war seinerzeit die Mauer. Zum Beispiel da, wo immer noch das Hochhaus steht, das Axel Springer 1966 als Provokation direkt an der Zonengrenze errichten ließ. Später demonstrierte die 68er-Bewegung unter Führung Rudi Dutschkes gegen die Springer-Presse, und die Springer-Zeitungen schrieben gegen die 68er-Bewegung an, aber das ist lange her, und wenn man heute von Kreuzberg kommend die Oranienstraße entlanggeht, dann zweigt vor dem Springer-Hochhaus nach rechts die Axel-Springer-Straße ab, während die Oranienstraße einen leichten Schwenk nach links vollzieht und zur Rudi-Dutschke-Straße wird, so dass Axel-Springer-Straße und Rudi-Dutschke-Straße nunmehr einen gemeinsamen Ausgangspunkt haben und die meisten Gebäude des Springer-Verlagskomplexes an der Rudi-Dutschke-Straße liegen. Im Ernst gefragt: Was ist das jetzt? Die coincidentia oppositorum des Nikolaus von Kues, der dialektische Dreischritt von These und Antithese zur Synthese, „ein schönes Symbol”, wie die Vizepräsidentin des Bundestages meinte, eine leichte Ohrfeige, die die taz als Initiatorin der Namensgebung dem Springerkonzern verpasst hat, oder einfach das, was man „Ironie der Geschichte” nennt?

Wem die wenigen Überreste der Berliner Mauer zu wenig sind und wer gern mehr kahle Wände sehen möchte, dem kann man das freistehende Wohnhaus am Rande des Theodor-Wolff-Parks empfehlen, das lediglich an einer Straßenfront Fenster hat, die zweite Straßenfront und die beiden dem Park zugewandten Seiten dagegen haben nur fensterlose Mauern, die meisten Wohnungen müssen also auf den Innenhof gehen, der nach oben hin durch die weit ausladenden Kronen dreier hoher Bäume gegen das Eindringen übermäßiger Helligkeit abgeschirmt ist. Im Ernst: Wie lebt es sich in einer Wohnung, in der man vermutlich ganzjährig die Lichter brennen lassen muss? Wahrscheinlich immer noch besser als in dem Haus Dennewitzstraße Nummer zwei, durch das die U-Bahn mitten hindurchfährt. Es ist ein eher schmales, fünfstöckiges Gebäude, es wirkt schwächlich gegenüber der massiven Kastenbrücke mit den U-Bahngleisen, die zwischen dem ersten und dem vierten Stock in das Haus eindringt und unweigerlich Assoziationen zu einer Vergewaltigung erweckt, ganz abgesehen von dem weniger psychoanalytischen Aspekt, dass hier im Schnitt alle zwei Minuten ein Zug durchpoltert. Im Internet gibt es dazu Aussagen von Bewohnern, die – ganz im Ernst – meinen, man merke fast nichts, das heißt, ja schon, als einmal die U-Bahn bestreikt wurde, sei es irgendwie anders gewesen.

Und weil wir bei Verkehrsbauten sind: Wer am neu errichteten Hauptbahnhof ankommt, weil er meint, in einer Stadt sei der Hauptbahnhof die beste Adresse, um rasch ins Zentrum zu gelangen, wird unter Umständen enttäuscht sein, denn der neu errichtete Hauptbahnhof, im Wesentlichen eine Shopping Mall mit ein paar eher unauffälligen Gleisen ganz unten und hoch oben, steht vorerst da und wartet, dass das Zentrum zu ihm kommt, und bis es so weit ist, findet sich der Ankommende beim Verlassen des Bahnhofs auf Brachland wieder – Betonbrache, Sandbrache, Unkrautbrache, je nach gewähltem Ausgang. Nicht einmal die U-Bahn ist noch bis hierher vorgedrungen, und in wirklich bequemer Gehdistanz liegen vor allem das Uniklinikum Charité, zwei Friedhöfe sowie das Bundeskanzleramt, also überwiegend Orte, wo die Menschen, um nochmals Schröder zu variieren, nicht so gern hingehen, schon gar nicht die Touristen, und ich frage mich allen Ernstes: Was hätte ich getan, wenn ich, statt mit dem Auto zu fahren, den Zug genommen hätte und hier angekommen wäre, mit zwei Reisetaschen in den Händen und dem nächstgelegenen Hotel irgendwo jenseits des urbanen Horizonts?
Aber vielleicht haben ja die meisten noch einen Koffer in Berlin und können mit leichtem Handgepäck anreisen. Ich hätte, im Ernst, auch gern einen.