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der grabräuber

und die Suche nach der Unsterblichkeit


Georg Petz: Die unstillbare Wut

Graz: Leykam 2007

Rezensiert von: karl mellacher


 ... und da ist die Fossa, mit aufgerissenem Maul und einer unstillbaren Wut in ihren Augen, die mir durch die geöffnete Tür des anderen Zuges hinterher sieht, bereits auf Schiene gebracht, bereits auf die lange Reise geschickt, vorbei am Ende aller Wege in den Hügeln von Latium und weiter, noch darüber hinaus … ins Ungangbare … am Ende aller Lebenswege, nach Neapel …

Der junge Indiana Jones studiert und schreibt in New York. In einer Bibliothek sitzt ihm eines Tages sein Ebenbild gegenüber, das wie er in einer Enzyklopädie blättert, plötzlich zusammenbricht und stirbt. Indiana Jones nimmt ein Blatt mit rätselhaften Notizen an sich, in dem er eine Anleitung zur Unsterblichkeit vermutet, und versucht es zu enträtseln. Dr. Schirling seinerseits will in seinem histologischen Labor mit Rattenversuchen den genetischen Bedingtheiten der Sterblichkeit auf die Spur kommen.

Der Protagonist in Georg Petz’ Roman Die unstillbare Wut heißt natürlich nicht Indiana Jones, sondern bleibt namenlos und der Roman verlässt auch schnell die Grenzen des Grabräuber-Genres. Da gibt es noch die von einer künstlich induzierten Krebserkrankung befallene Laborratte Lucy, ein Geschenk Schirlings, deren fortschreitende Krankheit nur durch permanente intellektuelle Stimulation aufgehalten werden kann und die der Student benutzt, um das Kryptoskript zu enträtseln und zu einer Gegenüberstellung von toten und unsterblichen Dichtern zu kommen. Seinen schlecht bezahlten Job als Nachtwächter in der Onkologie nutzt Beatrice, eine junge Schauspielerin, um sich anhand selbst gefertigter Totenmasken auf ihre Rolle als Hetäre Esmerala in einer Dramatisierung von Manns Doktor Faustus vorzubereiten.

Verfolgt von der Fossa, der madagassischen Frettkatze, und auf der Suche nach dem toten Unbekannten, der als todbringende Fracht auf dem Geisterschiff Demeter vergeblich eine letzte Ruhestätte sucht, macht sich der Protagonist auf eine alptraumartige Reise durch Europa, die ihn schließlich nach Wien führt. Dort entlarvt Beatrice seinen Amerikaaufenthalt und die Reise als Fiktion, gestützt auf literarische Zitate, Informationen aus Reiseführern und Atlanten, und drängt ihn dazu, seine Besessenheit aufzugeben: „Hör endlich auf zu schreiben”.

Charakterspannung
Georg Petz’ Protagonisten sind wie auch er Angehörige der Generation Praktikum: hochintellektuelle Studenten in schlecht bezahlten Brotberufen, literaturbesessene Schriftsteller, junge, ernste Wissenschafter auf der Suche nach den letzten Erkenntnissen. Sie sind flüchtig skizziert; die Spannung in den Charakteren entsteht durch ihre intellektuelle Auseinandersetzung mit der Welt, nie ist es die persönliche Geschichte, die psychologische Beschaffenheit, die sie bewirkt. Auffallend sind die weiblichen Figuren: schwache Menschen wie Jana aus Übernachtungen oder von einer vampirgleichen Sexualität wie Beatriz.

Petz’ Ansprüche sind groß: Mit den Themen Unsterblichkeit (Die unstillbare Wut) und Menschheitsgeschichte (Die tausendjährige Nacht) knüpft er an die Metaerzählungen der Moderne an, denen er das postmoderne Scheitern gegenüberstellt: Die Unsterblichkeit, die in Die unstillbare Wut gesucht wird, ist Schimäre. Seine Texte sind, durchaus zeitgeistig, Palimpseste, intellektuelle Verwirrspiele voller intertextueller Referenzen: Jana, die Protagonistin der Erzählung Übernachtungen, taucht in Die unstillbare Wut wieder auf. Auch formal sind seine Texte streng durchgeplant: Er habe Die unstillbare Wut nach musikalischen Kriterien komponiert, meinte Petz auf der Leipziger Buchmesse, der langsame Anfang entspreche der Ouvertüre, danach werde das Erzähltempo beschleunigt, die 60 Kapitel, verkehrt gezählt, entsprächen dem Ruhepuls des gesunden Menschen.

Große Erzählung
„Hübsch trinkfest” sei er, resümiert Sonja Harter in ihrem Porträt des am 21. Dezember 1977 in Wien geborenen, in Pöllau in der Oststeiermark aufgewachsenen und in Graz lebenden Autors. Sehr produktiv ist Petz außerdem: Zwei Erzählbände (Übernachtungen, Die Anatomie des Parasitären), zwei Romane (Die tausendjährige Nacht, Die unstillbare Wut), Mitherausgeber der Zeitschrift Lichtungen. Der Anglist und Germanist zitiert nicht nur ausführlich den Literatur-, sondern den Bildungskanon überhaupt: geologische und meteorologische Prozesse werden referiert, die Philosophen und altgriechische Etymologien werden erläutert. Er pflegt das Handwerkszeug des Schreibers: Grammatik, Lexik, Erzählstruktur, Recherche, nichts wirkt zufällig und aus dem Impuls heraus geschrieben. Allerdings: in dem Bedürfnis, Gewichtiges zu schreiben, häufen sich Redundanzen, die auch die Geduld des wohlwollenden Lesers herausfordern. Und in dem Kraftakt, eigenhändig die große Erzählung wieder aufzunehmen, überhebt Petz sich, wie sein Kritiker Martin Hainz in der Furche meint, und verfällt den „alten, abgeschmackten locos communes”.

In all den Erwartungen nach Zerstreuung, Identifikation und Orientierung in unsicheren Zeiten enttäuscht uns Georg Petz. Aber vielleicht ist es diese stille, aber unstillbare Wut, die als Botschaft bleiben kann, für eine neue Haltung, einen Neuanfang angesichts der Brüchigkeit unserer Existenz.