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die erträgliche schwere des seins

erich schirhuber | die erträgliche schwere des seins

Der Ernst ist ein Meister aus Österreich

Der Ernst ist ein weites Feld – so weit wie die Unterschiede zwischen den Romanen von Gustav beziehungsweise Hans Ernst. Zweiteren werden die gebildeten Leser dieses Mediums wahrscheinlich nicht kennen, man braucht jedoch bloß im Donauland-Katalog nachzuschauen.

Nun sind Spielereien mit Namen gewiss ein etwas seichter, banaler Scherz. Eben deshalb muss er hier gemacht werden; ich folge darin Thomas Bernhard, der bei einem der sogenannten Gespräche auf Mallorca aus der Todesfuge zitierte, um gleich hinzuzufügen, der Tod sei ein Meister aus Deutschland, aber der Ernst sei ein Meister aus Österreich. Und um gleich darauf zu erwähnen, damit nicht den Ernst Meister zu meinen, den nun wiederum die jüngeren Leser dieses Mediums wahrscheinlich nicht mehr kennen werden: ein Schauspieler, lange am Wiener Volkstheater tätig und von besonders gepflegter Sprachkultur, weshalb er sich heute mit dem Aufnehmen von Audiobooks eine goldene Nase verdienen würde.

Ja, die jungen Leute. Da fragte ich – als Lehrbeauftragter an einer Fachhochschule – doch einen, der Informationstechnologie oder etwas Ähnliches studierte, was er nach dem Abschluss machen möchte, und ich hörte, er würde eine Webdesign-Firma gründen. Auf meine Frage, ob er dazu als frischgebackener Absolvent schon ausreichend qualifiziert sei, antwortete er, dafür hätte er dann ja ohnehin seine Leute. Seine Leute ... Ich dachte mir im Stillen: Und er meint tatsächlich, diejenigen, die – gemäß seinem Konzept – die ihm fehlenden Kenntnisse haben müssten, warteten nur darauf, ihm den Deppen machen zu dürfen, anstatt selber eine Webdesign-Firma aufzumachen. Der Dialog fand statt in der Zeit, als 50.000 oder auch 500.000 IT-Experten händeringend gesucht wurden, angeblich natürlich, wegen des bevorstehenden Millenniums und des Datumsproblems in den Datenbanken. Und wegen der sogenannten Euro-Umstellung, die wenig später angesetzt war. Händeringend gesucht? Stellten wirklich die Leute im Ernst Kerzen bereit, weil in der Silvesternacht 1999 das Licht ausgehen könnte?

Ich dachte damals: Wirst schon noch sehen, Bürschchen! Wirst es schon billiger geben! Musst auch erst dort hinriechen, wo ich schon hingeschissen habe! An solchen Gedanken merkt man, dass man alt wird und ernst, ernster halt. Seit je werden ja der Ernst mit höherem Alter und die Leichtfertigkeit mit Jugend in Verbindung gebracht. Obwohl: Ich lächelte ja, wenn auch mehr in mich hinein, möglicherweise lachte ich sogar. Und dem jungen Mann kam kein Schmunzler aus, er redete von etwas Realem, von etwas sehr Handfestem: seiner beruflichen Zukunft immerhin, seiner Karriere als Freiberufler. Und das ist schließlich kein Witz.


Hänschen klein
Nunmehr wäre das Bürschchen, nach dem Silvester 1999 und nach der Einführung des Euro, wohl heilfroh, eine Anstellung bekommen zu können mit 40 Stunden Arbeitszeit pro Woche, vielleicht sogar mit geregelten Arbeitszeiten, mit einem arbeitsfreien Sonntag, einem arbeitsfreien Weihnachtsabend und mit einem Chef. Einem Schef. Und er würde auch nicht um eine Gehaltserhöhung anfragen, wie auch, wo doch andere kurzarbeiten. Er würde es billiger geben.

Da hat man als Älterer unter Umständen gut lachen, wenn man nicht gerade am Fließband steht oder auf der Baustelle, wo das Kreuz und die Knie mit der Zeit nicht mehr so recht mitmachen wollen. Gut lachen, weil für unsere Jahrgänge noch die Zeitläufe geeignet waren, um sich in der Gesellschaft so halbwegs sicher zu platzieren. So halbwegs zumindest. An das „t” in „platzieren” werde ich nie gewöhnen, übrigens. Und an die zwei „p” in „Tipp” auch nicht, aber das gehört nicht hierher.

Allerdings sind die Menschen der Informationstechnologie nicht auf leichtfertigere Weise jung als die, die ihr Leben der Kunst weihen möchten: Da wird ein Bibliothekar von einer Dame, so um die 18, nach Dramentexten gefragt, denn sie brauche eine Rolle zum Vorsprechen. Am Konservatorium? Nein, am Reinhardt-Seminar. Immerhin. Er schlägt ihr vor: Nora. Sie fragt: „Welche Nora?” Er unterstellt, sie frage, weil sie vielleicht auch das Stück von Elfriede Jelinek kenne, und sagt deshalb: „Na, die von Henrik Ibsen.” Die junge Dame fragt: „Henrik wer?” Er schlägt darauf das Käthchen vor, das sie auch nicht kennt: „Heinrich wer?” Gretchen in der Spinnstube traut er sich dann gar nicht mehr zu erwähnen und rät stattdessen zu einer Ballade.

Der Bibliothekar meint, er sei vielleicht einem Scherz aufgesessen, irgendeiner Aktion mit einer versteck­ten Kamera oder einem Test bezüglich seiner Kompetenz durch einen originellen Lokaljournalisten. Ein paar Tage später liest er jedoch, dass Klaus Maria Brandauer – der Mann aus Bad Aussee, von dem inzwischen alle im Ernst glauben, er habe für seine Rolle in Mephisto den Oscar bekommen – in einem Interview über den Aufnahmetest am Seminar erzählt, am nämlichen Reinhardt-Seminar: Ein Kandidat habe überhaupt keinen Text vortragen können, keinen Monolog und auch kein Gedicht. Und auf die Aufforderung hin, wenigstens ein Lied vorzusingen, habe er Hänschen klein angestimmt, aber auch nur die erste Strophe gekannt.


Roter Börsenkrach
Es gab Zeiten, wo eine Menge möglich war auch an Lockerheit: Man konnte bei einer Studentengruppe mitarbeiten, die sich Roter Börsenkrach nannte, und dann selber einer der wichtigsten Investmentbanker des Landes werden. Das alte Attribut „der Rote” wurde später auf die Haarfarbe hin interpretiert – den Mann gibt es. Als dann tatsächlich so etwas wie ein Börsenkrach kam, Farbe egal, da war der Rote schon längst auf der sicheren Seite. Aber er hätte auch, wäre er Schauspielschüler gewesen, für das Vorsprechen Die letzten Tage der Menschheit auswendig gekonnt und das Nibelungenlied noch dazu, das ist halt der Unterschied der Zeitläufe.

Andererseits entwickelt sich so mit den Jahren manches, das das stille Schmunzeln und das laute Herauslachen erstarren lässt; manches, das einen daran denken lässt, seine Angelegenheiten zu ordnen, wie man so sagt, vorzusorgen für die Zeit, wo man nicht mehr ist, wie man so sagt: Da ein komisches Ziehen in der linken Brustseite, über die Schulter und in den Arm hinein. Oder eine seltsame Form von Durchfall oder merkwürdige Muttermale; der Name eines Schauspielers, der einem nicht einfällt, obwohl man doch etliche Filme aufzählen kann, in denen er mitwirkte, und obwohl man alle möglichen Darstellerinnen und Darsteller dieser Filme auf Anhieb benennen könnte, aber eben ihn nicht und nicht. Die Reifeprüfung, mit Anne Bancroft, natürlich, mit Katharine Ross, natürlich – alles gleich präsent, sogar die Melodie von Mrs. Robinson und dazu gleich jede Menge anderer Melodien von Simon & Garfunkel. – Dustin Hoffman! Wer sonst?! Eh so einfach, so watscheneinfach, wie konnte mir der nicht einfallen! Aber der Hoffman war einfach wie weggewischt. Was ist los mit meinem Hirn? Peter Falk soll ja inzwischen völlig gaga sein, sogar Walter Jens spielt nur mehr mit seinen Teddybären. Und mir fällt Dustin Hoffman nicht ein.


Makrobiotisch kauen
Es gibt dank Milan Kundera den Topos von der unerträglichen Leichtigkeit des Seins auch in der deutschen Sprache. Es gibt aber keine richtige Entsprechung für The Importance of Being Earnest. Was können wir daraus lernen? Bei Wilde wird der Name Ernst mit Wichtigkeit in Beziehung gesetzt und mit dem Besonderen verknüpft. Allem Anschein nach hat Ernst oft mit Wichtigtuerei zu tun. Menschen, die wichtig dreinschauen und wichtig tun, schauen ernst drein – zum Beispiel, wenn sie in einem makrobiotischen Restaurant eine Mahlzeit einnehmen und dabei nicht weniger als die Errettung der Welt in die Stirn eingeschrieben haben. Jede Kaubewegung wird bedeutend und unverzichtbar, jedes Lächeln undenkbar.

Unsereiner war halt auch jung oder adoleszent in einer Zeit, als es die Pille schon gab und AIDS noch nicht, bzw. erst als Gerücht aus dem Spiegel, da gäbe es eine seltsame Schwulenseuche in Kalifornien, also weiter nichts Ernstes. Damals waren sogar, siehe Pille, die Kondomautomatenaufsteller in einer echten Krise, schlechte Geschäfte für Olla und Blausiegel, und wir hatten leicht lachen. Später fürchtete jeder Eremit, eine Gelse könnte einen Homosexuellen stechen und dann ihn und ihn so mit HIV infizieren; Kaffeehäferl und die Haltegriffe in öffentlichen Verkehrsmitteln wurden zu Todesfallen. Ich traf damals einen Bekannten, der bei der AIDS-Hilfe beschäftigt war, und zwar traf ich ihn in einem völlig überfüllten Straßenbahntriebwagen, eingekeilt zwischen unzählige Fahrgäste. Ich sagte zu ihm: „Wenn wir jetzt ein bisschen über deinen Arbeitsplatz plaudern, haben wir sofort den halben Waggon für uns allein.” Und er sagte drauf: „Erich, jetzt treibst du aber mit dem Entsetzen Scherz.”


Kesse Insulaner
Irgendwo liegen die Pläne herum, die kindischen – eine Zeitschrift zu gründen, einen Verlag zu gründen, in einer Lebensphase, in der man keine Ahnung hatte von dem einen und dem anderen. Und auch keinen Groschen Geld, Groschen, ja Groschen; vor der sogenannten Euro-Umstellung also. Jetzt hätte man das Wissen, das nötige Geld immer noch nicht, aber vielleicht ein bisschen Kreditwürdigkeit, aber man macht es nicht mehr. Nicht im Ernst. Was soll denn das jetzt noch bringen? Gibt’s eh schon so viele. Und die vielen, die es aufg‘haut hat, derprackt hat, wie man sagt. Nein, den Roten nicht. Also echt. Nicht kindisch sein.
Für eine erträgliche Schwere des Seins müsste man tatsächlich sehr ernst sein, wohl so, wie man sich einen preußischen Beamten vorstellt, oder wie Kapitän Bligh von der Bounty, der zu Fletcher Christian sagte, der Dienst sei ihm nie langweilig. Und der sich deshalb auch nicht weiter mit den kessen Insulanerinnen einlassen wollte, auch nicht mit kessen Insulanern. Er ertrug seinen eigenen Ernst und schaffte es sogar, mit einem kleinen Boot ein paar tausend Meilen über das offene Meer zu segeln – alles nur, um die Meuterer am Ende hängen zu sehen.

Oder so ernst wie Marshall Kane, dem auch nur ein Grinser auskam, wenn er mit seiner Braut in die Kutsche stieg, und dann lang nimmer – und am Ende war Frankie Millers Leuten und Frankie selber das Lachen gründlich vergangen. A man’s got to do what a man’s got to do. Sie schauten jeder drein wie Oliver Cromwell persönlich, als er das Theaterspielen verbieten ließ. Oder wie Hitler, wenn er sich wieder einmal sorgte, dass ihm bei einer Ansprache ein Schaß entweichen könnte. Aber sie siegten auf ihre ernste Weise.

Und ich sage, der Ernst ist ein Gus­tav aus Österreich.