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eigenvögel

Parallelwirklichkeiten. Ereigniskoordinaten. Textcollagen.


Walter Kreuz: Karlas Lauf gegen die Raumzeit. Extrakt

Edition Roesner 2008

Rezensiert von: sophie reyer


Lindenbaum und Weidenbaum. Eine Wiener Straßenbahnlinie. Eine 20-Jährige namens Karla Zelenku, die aus der neurologischen Abteilung einer Krankenanstalt flieht. Parallelwirklichkeiten. Ereigniskoordinaten. Textcollagen. Karlas Lauf gegen die Raumzeit lässt Raum für Assoziationen. Geschrieben in einer „sprudelnden” Sprache „äthert” diese Erzählung, die sich dem Erzählen auf spielerische Art verweigert, nur so „hierher”.

Der Inhalt ist leicht zusammengefasst: Karla flieht aus der Psychiatrie und findet Zuflucht in einer Straßenbahn. Dort begegnet sie Achmed, einem Koch aus dem Nildelta, der gerade ein Gespräch mit seinen früheren Vermietern führt. Beim Aussteigen aus der Straßenbahn stoßen Karla und Achmed zusammen, wobei Achmed verletzt wird. Karla entflieht und verwandelt sich in mehrere Tauben („Eigenvögel”). Ihr „Sprung” aus der U-Bahn wird durch eine Art „Sprung” in der Zeit gedoppelt, und eine Parallelwirklichkeit bildet sich aus. Darin verlässt Karla die Straßenbahn, ohne mit Achmed zusammengeprallt zu sein. Im Laufe der Reflexion der eigenen Geschichte, die Karla als verschiedene „Eigenvögel” vollzieht, fügen sich sowohl Karlas „Sprung in der Schüssel” als auch der Knacks zwischen den Parallelwelten wieder ineinander, und Karla und Achmed werden Freunde.

So leicht der Inhalt zusammenzufassen ist, so unwesentlich ist er im Vergleich zum Feuerwerk aus Spracharbeit, das der Autor Walter Kreuz in seinem „Extrakt” leistet. In der Einleitung bereits finden wir eine Definition der Medien Sprache und Sprechen. Sprache sei „Gedankenwiedergabe in Lauten oder anderen wahrnehmbaren Zeichen”, heißt es. Diese Erläuterung hat sich der Autor zu Herzen genommen. Denn der Text lotet auf das Erfrischendste mit Phonetik und Grafik die verschiedenen Sprachbereiche aus: Eine Skizze zu Beginn des Buches veranschaulicht die diversen Dimensionen der Raumzeit; kursive Stellen an den Kapitelanfängen fassen die Geschehnisse zusammen; Fußnoten dienen der Erläuterung; Absätze im Textverlauf geben an, dass sich die Stimmen der sprechenden Personen ändern; lyrische und lautpoetische Momente werden durch kleine Texthäufchen gekennzeichnet; Links- und Rechtsbündigkeit helfen dem Leser festzustellen, in welcher Dimension er sich gerade befindet et cetera.

Die Spielerei mit den optischen Merkmalen der Zeichen wird noch gedoppelt durch gekonntes „Zusammenstöpseln” unterschiedlichster Klangebenen, wobei verschiedenste Sprechhaltungen und Stimmsounds in Karlas Lauf  durchexerziert werden. Seien es die inneren Knarzklänge von Linde und Weide, die sich in Schubertzitaten gegenseitig besudeln, sei es der Monolog Karlas, die sich selbst aufgrund ihrer dissoziativen Störung mit „du” anspricht, sei es die Straßenbahn, die über ihre sexuellen Ergüsse reflektiert, seien es die Götter, die am Ende auftreten – der rhizomatisch angelegte Text wechselt ständig die Sprechhaltungen und somit seine Klänge.

Walter Kreuz verwebt die unterschiedlichsten Ebenen gekonnt zu einem Text. Dass der Autor nicht nur Mathematik und Philosophie studiert hat, sondern auch im experimentellen Theater als Schauspieler arbeitete, verwundert kaum. Das Feuerwerk der Sounds von ihm selbst gelesen zu erleben, wäre eine spannende Angelegenheit.