schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 19 - im ernst? ein sturz
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/19-im-ernst/ein-sturz

ein sturz

kerstin kempker | ein sturz

Zum Reden, hatte mein Bruder geschrieben, müssen wir uns draußen treffen, auf freiem Feld. In Häusern spreche er nicht mehr, hatte er ergänzt und zur Erläuterung angefügt: Weil ich wissen muss, wie es beginnt.
„Ich muss ihnen zuhören, damit ich es nicht verpasse“, sagt er und läuft mir über die weißen Felder voraus.
„Es geht um Sekunden, mehr bleibt uns dann nicht. Ich traue ihnen nicht. Sie geben sich unbeeindruckt, schweigsam, tolerant, wenn du so willst. Aber sie wissen alles. Sie werden es uns heimzahlen. Und dann, wenn es so weit ist, wenn ihnen endgültig der Kragen platzt, dann fragen sie nicht lange, wer die Schuld trägt und ob sie Unschuldige treffen. Unschuldig ist nämlich keiner.

Sie stehen füreinander ein, gerade die alten. Es macht keinen Unterschied, ob du hier oder dort eines von ihnen erschreckt hast mit deinem Geschrei, deinem nervtötenden Gezeter. Es ist egal, wo du den Boden angesengt und ihnen Löcher in die weiße Haut gepult hast, wo du sie unter Wasser gesetzt, mit dummen Lügen gelangweilt und mit deinen Weinerlichkeiten, deiner Kleinlichkeit und deiner Kälte verärgert hast. Ich sage du, und ich meine mich und alle anderen auch.“

Aber was ist es, was werden sie tun, die Häuser, frage ich ihn. Wovor hast du Angst, frage ich nicht. Wir gehen schon lange im Schnee. Ich suche in der Ferne die eine Stelle, wo das blaustichige Weiß ins Grau des Himmels überwechselt. Wenn wir nun immer im Kreis gehen, wenn wir erfrieren. Mein Bruder läuft und läuft, und endlich spricht er. Hart klingt seine Stimme, unbenutzt, brüchig. Er hetzt mir davon, ein Hund, der einer Fährte folgt.

„Es ist die Ankündigung, das leise Anklingen, der Vorbote, auf Socken kommt er geschlichen, den man nicht überhören darf, auf den immer neben und unter allem Getöse zu achten ist. Wie klingt er? Wie erkenne ich ihn? Sofort und ohne Zweifel, weil es dann auf jede Sekunde ankommt. Es ist der letzte Aufruf, last call: Begeben Sie sich unverzüglich ...“
Er horcht in sich hinein auf den Schreckensboten, hört ihn in seinen Adern, da sehe ich ihn an straff gespannte, blaugefrorene Schläfen pochen.

„Wenn das Haus, das alle ohne Unterschied aufgenommen und beherbergt hat über Jahrzehnte, das kein Sturm erschüttern konnte, das gutmütig stillhielt, als es wieder und wieder unterwandert wurde, man ihm die Sicht und die Sonne raubte, wenn es nun plötzlich und für uns, die wir an sein Immerdasein, sein Immersodastehen gewöhnt sind, unerwartet müde wird, wenn es sich endlich hinlegen will, wenn es nachgibt, einem alten Wunsch, einer Erschlaffung, wenn es genug hat von allem, genug Geschichten gehört, genug Tritte gespürt, genug Schläge der Fensterläden und Türen, wenn es genug Tapetenschichten auf seiner Haut trägt und mehr als genug angepinkelt wurde, zugemüllt, von Schimmel besetzt, von Krabbeltieren durchwandert, wenn es sich kratzen will und schreien und endlich einmal nicht Haltung bewahren, wenn es, Osteoporose, wer weiß,“ mein Bruder bleibt stehen und atmet aus, ein tonloses Schnauben, „wenn es sich nicht mehr halten kann und keiner stützt es, niemand versteht die Zeichen zu lesen. Du schläfst und über dir stürzt dein Haus ein. Einsturzgefahr!“, ruft, ich zucke zusammen, mein Bruder ins gefrorene milchige Nichts.

Warum muss bei dir immer alles so groß sein, so gewaltig, jede Krise ein Drama, jeder Schnupfen der Tod? Warum darfst du dich nur vor dem Größten und Schlimmsten fürchten? Wenn du mich hören könntest, kleiner Bruder, und nicht immerzu die Ka­tastrophe herbeilauschen müsstest. Meine kalte Hand greift seine kältere.

„Du weißt ja,“ er drosselt den Schritt, seine Hand lässt er in meiner liegen, „seit Jahren sammle ich diese Meldungen aus aller Welt. Nicht die Kriegs- und Terroreinstürze, die interessieren mich nicht. Nicht die plötzlich hereinbrechenden Naturkatastrophen, die natürlich nicht plötzlich hereinbrechen, folgerichtig ereignen sie sich. Das Erdbeben, dieses groß angelegte Fällen der Häuser; der zornige Boden bäumt sich auf und wirft sie ab, lästige kleine Reiter. Sie haben keine Chance, es gibt keine Vorboten; vergiss die Erfahrungswerte und sogenannte erdbebensichere Bauweisen. Es ist allein die Stärke des Zorns, die über die Häuser entscheidet. Wenn Gulliver Blähungen hat, fegt er ganze Dörfer ins All.“

Er quetscht meine Hand. Erinnerst du dich, frage ich und höre es kaum, an unser tägliches Erdbeben daheim? Sein Griff lockert sich.
„Nein, was ich verfolge, sind die notwendigen und also vorhersehbaren Hauseinstürze, das konsequente Insichzusammenfallen eines Hauses, wie es sich selber nachfüllt, seine Leerstellen auffüllt und als Schutthaufen auf dem eigenen Fundament endet. Andererseits kann es auch das Fundament sein, das zuerst nachgibt, weil es untergraben wurde, unterhöhlt, unterminiert. Warte.“
Mein Bruder stoppt seinen eiligen Schritt, lässt mich los und kramt in der Innentasche seiner Jacke, bis er, es ist bald dunkel, den Zeitungsausschnitt in der Hand hält.

„In Nachterstedt, Salzlandkreis, der schwere Erdrutsch im Sommer, ein Haus komplett im See versunken. Du schläfst und fällst im Bett hundert Meter tief in ein geflutetes Restloch vom Braunkohle-Tagebau. Dass einer der Verschwundenen taubstumm war, ist in dem Fall egal. Im Frühjahr hatten wir, hier ist sie, die Kölner Geschichte, von der U-Bahn geschluckt. Im Archiv hörten sie ungewöhnliche Geräusche und konnten sich in Sicherheit bringen. In Nachterstedt in der Nacht keine Chance, auch für den Hellhörigsten nicht.

Im Siegerland aber, wo sie seit dem Mittelalter Löcher in die Berge pulen, wissen alle, sie haben auf unsicheren Grund gebaut. Brauchbare Karten gibt es nicht, dafür Überraschungen ohne Ende. Vor ein paar Wochen erst tat sich bei Freudenberg ein Loch auf, zwölf Meter tief. Im Winter verschwand vor einem Wohnhaus die Garage. Letzten Herbst eine Terrasse, in der Grube Philippshoffnung verschwunden. Und die Jahre davor, hier, alles immer noch Siegerland: Im Waldgebiet Faule Birke tut sich eine Spalte in die Tiefe auf. In nächster Nähe eines Jugendfreizeitheims rutschen viertausend Kubikmeter Erdreich in den Schacht der Grube Neue Hoffnung, vierhundertfünfzig Meter tief. Den Fußweg zwischen Bahnhof und Schule schluckt die Grube Morgenröthe. Ein prächtiger Apfelbaum verschwindet plötzlich aus einem Garten. Ein Förster bemerkt, dass der Boden unter seinem Auto nachgibt. Als er anhält, klafft hinter ihm ein elf Meter tiefes Loch. Oder hier, der Schacht der Grube Zufällig Glück stürzt neben einem Wohnhaus ein, der Luftdruck schleudert ein Mädchen vom Loch fort in den Garten. Dem Mädchen, zufällig Glück, geschieht nichts, schreiben sie.

Was wird denn aus einem Kind, das vor sich hin träumt und spielt und auf einmal tut sich der Abgrund auf und es fliegt durch die Luft? Was ist ab da denn noch sicher?“
Du bist nicht das Kind, sage ich nicht zu meinem Bruder. Ich strecke die Hand nach ihm aus. Er folgt mir zwei Schritte, tapsig, in Gedanken, dann steht er wieder.

„Auch die fast achtzigjährige Nonne vom Klarissenkloster, die beim Spaziergang im Garten plötzlich in der Tiefe verschwindet, wird angeblich unverletzt aus dem Tagesbruchloch geborgen. Siegen, du erinnerst dich, jener gar nicht so ferne Ort, wo sich immer wieder der Erdboden öffnet und zügig alles verschluckt, Bäume, Wiesen, Straßen, Häuser. An den Häusern wachsen Wochen vorher erste Risse, die sich vermehren und weiten zu daumenbreiten Spalten.

Ob nun der Boden hält oder voranrutscht, ob es mehr ein Fallen oder Gezogenwerden ist, zum Boden hin oder durch ihn hindurch, es ist die Erdanziehung, die siegt. Auch in Siegen, wo die Falltüren des Raubbaus sich auftun. Sie hat den Siegenern, die ja vorbelastet waren, aber auch dickfellig, fette, daumendicke Boten geschickt, über Wochen, ach was, Jahre, Jahrzehnte. Das ist fair, da ist genug Zeit zwischen Botschaft und Ereignis. Die Botschaft erkennen, sie rechtzeitig als solche erkennen, mehr ist es ja nicht. In Siegen wollen sie jetzt die Stollenmundlöcher freilegen. Damit du mich besser hören kannst.

Wie könnt ihr da nur bauen, das ist doch alles hohl!, wird, hier steht es, ein alter, längst gestorbener Bergmann zitiert, der die Hohlräume kannte, die sie Pläne nannten, in die sich wie Brei der Schwimmsand ergoss. Auf Sand gebaut, in Sand gesetzt. Die Pläne, hieß es, sind niedergegangen.
Wir wollen den Bergleuten glauben – hier, 1895 die Arbeiterzeitung –, die seit zehn Jahren behaupten, die Stadt sei unterminiert und werde eines Tages einstürzen. Wir wollen den Bergleuten glauben, die Tag für Tag in die Tiefe steigen und die Strecke ablaufen bis an ihr Ende, und nicht den Vermessungsingenieuren, die die Bergleute auslachen, wenn diese sagen, sie hören die Wagen der Stadt über ihrem Arbeitsort, sie hören das Orgelspiel der Kirche unten in der Tiefe, und aus diesen Erscheinungen schließen, dass sie unter der Stadt arbeiten.“

Wir wollen, sage ich ebenso heftig in den kurzen stillen Moment hinein, wir müssen zurück! Bald sehen wir nichts mehr!
Ich kehre um, trete in den eben erst getretenen Löchern probehalber den Rückweg an. Stampfe den Schnee, dreh mich nicht um. Was erlaubt er sich? Dieser Luxus, diese Zumutung, sich seinen Gedanken so hinzugeben. Dieser, ich suche in der grauen Kälte nach einem bösen Wort, Taugenichts, Großraumzweifler. Mein Bruder faltet, ich höre es, seine Papiere zusammen. Er geht mir nach. Es gibt kein Dach, unter dem er Ruhe findet. Er wird mir erfrieren.

Es ist der Kalk, der zu rieseln beginnt. Über durchgerosteten Eisenträgern, morschen Balken, zusammengehalten von Kalkstein, Gips und Mörtel, bilden sich Risse. Feine Haarrisse, kaum zu erkennen am Anfang, werden zu bedenklichen Rissen, wachsen zu erst daumenbreiten, dann klaffenden Wunden, bis es am Ende und also im Nachhinein heißt: Große Risse prangten wie Narben im Putz.

Bei genauem Hinhorchen ist schon das erste feine Aufreißen, das Aufplatzen der Außenhaut, zu hören. Die ersten Geräusche eines einsturzbereiten Hauses klingen beiläufig, wie das Zerreißen eines Papiertaschentuchs. Das Einsturzgeräusch selber ist Wucht und Getöse, laut krachend, schrill oder berstend, ein ohrenbetäubendes Grollen, ein tiefes rauschendes Donnern, saugend, dumpf rollend. Es erinnert die Leute an tierisches Knurren, eine durchgegangene Herde wilder Tiere, eine außer Kontrolle geratene Achterbahn. Ein Krachen und Tosen, durchzittert die Luft, als ob tausend führerlose Züge auf einen zurasen würden.

Das allererste Einsturzgeräusch, die Ouvertüre, wenn du so willst, ist nur ein einziges Mal beschrieben worden. Ein Herr Röderer, der im Offenburger Ortsteil Brühl auf dem gegenüberliegenden Balkon sich eben einen gemütlichen Abend machen will, so steht es hier im Abendblatt, warte.“

Mein Bruder bleibt stehen, um ein weiteres Beweisstück aus seiner Innentasche zu ziehen. Spürt er die Kälte?
„Hier: Wir waren gerade beim Essen, als wir ein Geräusch gehört haben wie von einem Wasserschlauch. Ein paar Sekunden später hörten wir das Zischen noch einmal. Spritzt da jemand im Garten?, denkt er sich noch, als es plötzlich einen mächtigen Schlag macht, wie wenn ein Flugzeug abstürzt. Röderer springt auf und muss von seinem Balkon aus mit ansehen, wie auf der anderen Straßenseite das alte Häuslein zusammenklappt wie ein Kartenhaus.

Kartenhaus ist eine gängige Redewendung in solchen Fällen. Man sucht nach einem Vergleich, wo es keinen geben kann. Nine-eleven, auch so ein Wort; sofort hast du die Bilder, aber nicht den Klang.
Das Geräusch, das mich horchen lässt und still sein in einem Haus, ist sein Klang kurz vor dem Einsturz. Ein Knirschen, manchmal auch als ein Rieseln beschrieben, als kriechendes oder leise klagendes Geräusch, meistens aber als Knirschgeräusch. Die Bauarbeiter einer alten Villa in der Schweiz, die über hundert Jahre als Irrenhaus gedient hatte und mit einer Tiefgarage unterhöhlt werden sollte, nahmen am Nachmittag verdächtige Knirschgeräusche wahr. Am Abend desselben Tages stürzte die hintere Haushälfte, wo sich die Zellen der Insassen befunden hatten und viele von ihnen umgekommen waren, in sich zusammen.

Krepitation, das kommt vom lateinischen crepitare für knirschen oder knistern. Ein Knirschgeräusch entsteht zum Beispiel, wenn man die Enden gebrochener Knochen gegeneinander bewegt. Knirschen ist ein Knochengeräusch, ein Knochenabriebgeräusch, wenn zwei Knochen sich peu à peu gegenseitig zu Mehl vermahlen. Das Knirschen der Zähne im Schlaf, beim Treten auf einen Käfer, ein Schneckenhaus, das leise Knirschen im Fußgelenk bei jedem Schritt.

Ich gehe jetzt immer im Schnee und übe mich im Unterscheiden. Wenn es so kalt ist, dass der Druck der Schuhsohlen die Schneekristalle nicht mehr zum Schmelzen bringt, werden sie zusammengedrückt und reiben sich aneinander. Es entsteht dieses Knirschgeräusch. Zwischen der Lautlosigkeit des weichen Schnees und dem lauten Knirschen des sehr kalten Schnees ändern sich die Schrittgeräusche kontinuierlich mit der Temperatur. Der Nacht zu werden sie lauter. Mit einiger Übung kannst du sogar die Schneetemperatur akustisch feststellen. Und jetzt, wenn wir uns nicht bewegen, hörst du das andere Geräusch, das Aufplatzen der Oberfläche.“

Wir lauschen und ich gebe ihm Recht. Die Stimme meines Bruders ist ruhig geworden. Er ist am Ziel.
„Das Reißen von grobem Stoff, eine platzende Naht, Papierknistern, das alles trifft es nicht. Der Ton verändert sich, er wird spröder mit zunehmender Kälte, erst ein Rascheln, am Ende ein scharfes Knacken.“

Wir werden erfrieren und wissen, bei welcher Temperatur wir erfrieren. Lauter Löcher im Schnee, sie müssen nur unserer Spur folgen. Ich ertrage unsere lärmenden Schritte nicht mehr und singe laut ein altes Kinderlied, während ich vor meinem Bruder her den Lichtern der Stadt entgegenlaufe. Hinter mir höre ich ein Summen.