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elektrisierender textstrom

Robert Prosser schließt die Sprache kurz


Robert Prosser: Strom. Ausufernde Prosa.

Wien: Klever 2009

Rezensiert von: martin fritz


In Robert Prossers Erstling Strom ist Sprache nicht nur, wie ein Vorbild zitiert wird, ein Virus aus dem All, sondern verflüssigt. Hier wird nicht einfach linear erzählt, sondern ein kurzgeschlossener Textstrom erzeugt: Die letzten Worte des Gesamttextes setzen die ersten voraus und vice versa. Dieses Gestaltungsprinzip der verdichtenden Verknüpfung über erwartete Grenzen hinweg zieht sich durch die ganze Struktur des Buchs, die Kapitel- und Abschnittseinteilungen werden gleichzeitig unterspült und überbrückt von fortlaufenden Sinn-Nebenläufen. Der Gedanken-, Wahrnehmungs- und Sprachstrom dieser lyrischen Prosa tritt in den einzelnen Abschnitten sogar über die Ufer der Syntax.

Durch seine extrem reflektierte wie hoch artifizielle Erzählweise erzeugt Strom den Eindruck größter Unmittelbarkeit, man hört direkt eine nach Ausdruck ringende, aber erstaunlich sichere, eigenständige, so noch nicht gehörte Stimme, die vorbeirasende Eindrücke, Gefühle und Gedanken im Stakkato verarbeitet. Durchaus in der Tradition großer Direktheits-Blendmeister und Realness-Experten wie der Beat-Literatur, HipHop oder der österreichische Avantgarde- und Anti-Heimatroman-Tradition stellt Strom die alte und doch so wichtige Frage neu, wie aus Leben Text zu machen sei.

Robert Prosser beantwortet diese Frage durch die Verschränkung dreier zeitlicher und thematischer Ebenen: eine Jugend im Tiroler Bergdorf, eine Adoleszenz in der Großstadt und auf Weltreise und die Niederschrift zuhause. Paradoxerweise finden diese Gegensätze gerade durch die gegenseitige Durchdringung und Verästelung der Einzeleindrücke zusammen, der „Fährtenleser durchs Notizbuch” verirrt sich nicht. Wollte man die inhaltlichen Aspekte in einer Tag-Cloud anordnen, käme man wohl nicht um die Begriffe Reisen, Dorf, Wien, Graffiti, Sex, Drogen, Sprache sowie, schon etwas kleiner, Aerosol, Bahn, Raben, Gras, Asphalt, Großvater, Wespen und Synästhesie herum. Prosser verknüpft also, was für junge Leute auf der Hand liegt, mit der Enge des Tals, des Katholizismus und der meta-literarischen Reflexion des Ich-Erzählers, der sich an der kohärenten Verschriftlichung dieser Kontraste abarbeitet und dabei „im Taumel zwischen zwei Ebenen den Gleichgewichtssinn” nie verliert, auch wenn die Musik gerade laut im Innenohr dröhnt.

Das mag kompliziert klingen und ist auch komplex, aber eben nie überfordernd. Es ist dies vielleicht die richtige Stelle, um einzuwerfen, wie wichtig die auditive Komponente für Prossers Schreiben ist. Wer eine von seinen Text-Performances gehört hat, wird den Sog, den diese Prosa im Vortrag entwickelt, ohnehin nicht mehr so leicht aus dem Ohr bekommen, aber auch ohne diese Erfahrung dürfte die Wirkung des rhythmisierten Flow der Erzählung zuhause im Ohrensessel nicht fehlgehen. Heraus kommt eine eigene Sprache, zu der viele Namen assoziierbar, doch die wenigsten Vergleiche wirklich treffend sind. Aber auf die Gefahr hin, dass das so ganz, ganz genau niemand versteht, sei eine berühmte Spex’sche Analogie erlaubt: Rolf Dieter Brinkmann verhält sich zu Josef Winkler auf Acid in etwa wie William S. Burroughs auf Aerosol zu Robert Prosser. Mit anderen Worten: Strom ist wie vier Grad kaltes Wasser – das größte spezifische Gewicht, doch immer noch flüssig.