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ernst im alltag

myriam keil | ernst im alltag

I. Ernst in der S-Bahn
Jeden Morgen steht Ernst eine halbe Stunde früher auf als nötig. Das ist erforderlich, um in der S-Bahn noch einen Sitzplatz zu ergattern. Ein Sitzplatz muss sein, weil Ernst zu den Menschen gehört, die morgens vor der Arbeit schon die Zeitung lesen wollen. Die unabhängige, überparteiliche natürlich. Und auch sonst steht Ernst über den Dingen, so lange, bis sie ihn einholen. Manchmal passiert das bereits, wenn ihn in der Bahn jemand anhustet; so etwas kann Ernst gar nicht ab. Und obwohl er es außerdem auch nicht mag, wenn fremde Leute Stielaugen machen, um in seiner Zeitung kostenlos mitzulesen, nimmt er dies heute zum Anlass für ein Gespräch über den die finanzpolitische Misere behandelnden Leitartikel. Denn das ist ein Phänomen der Krise: Fremde sprechen miteinander darüber. In den überfüllten Bahnen, die jene zur Arbeit bringen, die noch Arbeit haben, wird palavert wie nie zuvor.

Man ist sich einig, der kleine Mann ist mal wieder der Leidtragende. Und die Bahn ist voll von kleinen Männern. Große halten sich in aller Regel nicht dort auf, was auch besser für sie sei, sagt jemand: Die könnten was erleben! Aber das tun sie doch eh schon – ein Erlebnis ist der Flug mit dem eigenen Privatjet ja durchaus.

Vielleicht, sagt nun ein anderer, sei alles gar nicht so schlimm, er persönlich habe von der Krise jedenfalls noch nichts bemerkt, er habe sein Geld auf einem risikoarmen Sparkonto, außerdem sei er Beamter und könne nicht betriebsbedingt seinen Arbeitsplatz gekündigt bekommen. Das hätte er besser nicht sagen sollen. Ab jetzt wird er mit den Privatjet-Eigentümern in einen Topf geworfen.

Überhaupt ist es eine gute Sache, ein Hassobjekt direkt vor der Nase zu haben. Da kann man seine Aggressionen schon morgens vor der Arbeit abbauen. Das findet auch Ernst und betitelt den Beamten (ein kleines Licht bei der Gemeindeverwaltung) als faulen Schmarotzer. Derartige Schmähungen würde er normalerweise schon aus Mangel an Traute niemals aussprechen, aber in dieser Situation glaubt er, dass die meisten der Umsitzenden ihm zustimmen werden. Allgemeines Ni­cken. Einzig eine diplomatisch veranlagte Dame meint, er solle nicht so hart sein, Beamte seien schließlich auch nur Menschen. (Das ist übrigens ein Satz, der in Krisenzeiten etwa 2,7 Mal häufiger fällt als sonst.)

Der Beamte steigt dann, weil er sich verständlicherweise unwohl fühlt und nur noch weg will, eine Haltestelle früher aus als sonst. Das weiß aber von den Leuten in der S-Bahn niemand, und während das überladene Gefährt wieder losruckelt und ein Kind dabei auf den Hintern plumpst, überlegt Ernst, was er sich gleich in der Bäckerei fürs zweite Frühstück im Büro mitnehmen wird.


II. Ernst im Büro
Den Bürotag startet Ernst mit einem Kaffee und einem Schokocroissant. Sagt der Bürokollege: Auf‘m Klo hängt jetzt so’n Schild, Die Toilettenbürste darf kostenlos benutzt werden! Sagt Ernst: Manchen sollte man auch verklickern, dass sie da nicht Zeitung lesen sollen oder wenigstens mal’n bisschen früher die Spülung betätigen. Apropos Zeitung, sagt der Kollege. Ernst reicht ihm die Unabhängige, Überparteiliche, und der Kollege taucht damit hinterm Computermonitor ab, nur noch seine Haare kann Ernst sehen, durch die der Kollege, während er liest, immer wieder mit den Fingern fährt. Das Reibegeräusch der Fingerspitzen auf Kopfhaut und umgeknickten Haaren erzeugt ein leises Knistern.

Ernst beginnt nun, was wegzuarbeiten, wie er es nennt. So sehen bei ihm meistens die ersten beiden Stunden im Büro aus (nach dem schnellen zweiten Frühstück). Wenn die Stapel erkennbar kleiner werden, spätestens jedoch nach zwei Stunden, verringert sich sein Arbeitstempo. Er wäre kein guter Ausdauersportler.

Die Lühmann wird heute in den Ruhestand verabschiedet, sagt der Bürokollege irgendwann, um halb elf Versammlung vor ihrem Zimmer. Dort steht man dann herum, als die Zeit gekommen ist, wartet auf die Nachzügler, endlich: Überraschung!, und die Lühmann tut überrascht, obwohl sie das Getrippel und Getuschel vor ihrer Tür schon seit mindestens fünf Minuten gehört haben muss. Immer schön die Erwartungen erfüllen, auch am letzten Tag.

Zuerst ist das Gespräch noch flüssig, die guten Wünsche werden ausgesprochen, das Geschenk übergeben (Überraschung! Sie hat sich Theaterkarten gewünscht, was wird sie wohl bekommen?) ... Sie hat Kuchen, Kekse und Schokoriegel auf ihrem Schreibtisch stehen, greift zu, sagt sie, keiner will der Erste sein, schließlich macht einer den Anfang: Ich nehm mir mal das hier. Als ob die Leute keine Augen im Kopf hätten, immerhin muss jeder gesehen haben, was er nimmt. Bald schon das erste Stocken im Gespräch, das erste „Ich muss dann mal wieder was tun“, die Reihen lichten sich. Sie haben es gut, sagt jemand, der Ernst des Lebens ist vorbei. Und die Lühmann denkt: Die fünf Jahre, bis der Krebs als geheilt gilt, sind noch nicht überstanden. Aber das sagt sie nicht, sie nickt nur. Immer schön die Erwartungen erfüllen, auch am letzten Tag.

III. Ernst bei Tisch
In der Kantine gibt es heute Bock­würstchen mit Salat oder Milchreis mit Kirschen. Ernst hätte gern beides, die Bockwürstchen zuerst, dann den Milchreis als Nachtisch, aber das geht ja nicht, denn man kann nicht zwei Hauptgerichte essen – auch nicht, wenn eines davon wie ein Nachtisch daherkommt. Du hattest doch heute schon was Süßes, sagt eine Kollegin, die zur Mittagstischrunde gehört, nimm die Bockwürstchen. Ernst nimmt die Bockwürstchen und ist froh, dass ihm jemand die Entscheidung abgenommen hat. (Am Nachmittag wird er allerdings wieder Lust auf etwas Süßes verspüren und sich dann unten am Kiosk eine Tafel Schokolade kaufen.)

Jawohl, Ernst gehört mitunter zur Fraktion der Unentschlossenen. Deswegen kommt es auch vor, dass er über einen Witz lacht, obwohl er ihn gar nicht komisch findet – wenn sich die Mehrheit zum Lachen entschließt, dann lacht auch Ernst, denn bei der Mehrheit ist man auf der sicheren Seite.

In dieser Mittagspause macht allerdings niemand einen Witz, weil jemandem aus der Mittagstischrunde ein Haustier gestorben ist, und das ist bekanntlich eine ernste Sache. Zudem war Bello schon fast wie ein richtiges Familienmitglied, erzählt der Betroffene, der dunkle Ringe unter den Augen hat: Ich hab die halbe Nacht die Kinder trösten müssen. Bello war übrigens kein Hund, sondern ein Kater, aber darüber kann nun keiner mehr lachen, und folglich lacht auch Ernst nicht.

Sie sind jetzt in einem Alter, wo sie alles hinterfragen, sagt der übernächtigte, katerlose Familienvater, wo kommt Bello hin, wenn er tot ist, gibt es den Himmel wirklich oder ist der auch nur so was wie der Osterhase, da nimmst du ihnen eine oder zwei Illusionen und sie zweifeln fortan an allem. Ist doch bei den Erwachsenen nicht anders, meint Ernst, und schon ist man wieder bei der Krise: Das Schlimmste ist das negative Gerede in den Nachrichten, die Schwarzmalerei, die nimmt der Gesellschaft jede Hoffnung, und dann kann man es gleich vergessen. Als ob es irgendwas beeinflusst, ob ich positiv oder negativ in die Zukunft sehe, mischt sich die Bock­würstchen-Befürworterin ein, das wird doch auf einer ganz anderen Ebene ausgetragen.

Man beendet das Mittagessen nach der üblichen Warterei auf Niemeier, der nicht gleichzeitig essen und reden kann, aber immer beides tun möchte und doppelt so lange wie die anderen braucht, um seinen Teller zu leeren. Er leert ihn deshalb fast nie komplett und nennt die Überbleibsel charmant den Anstandsrest. Er weiß nicht, dass die Mittagstischrunde ihn gerne aus selbiger ausschließen würde, weil er regelmäßig allen ein paar Minuten stiehlt, die sie wegen der überzogenen Pause später nacharbeiten müssen.


IV. Ernst ohne Ende
Schließlich, nach einer erneuten Arbeitssequenz und einer weiteren S-Bahn-Fahrt, ist Ernst zu Hause. Brigitte, seine Frau, ist auch gerade erst von der Arbeit gekommen und hat keine Lust aufs Kochen. Sie will etwas beim Lieferservice bestellen, aber: Viel zu teuer!, sagt Ernst. Nach einem Essen im Restaurant fragt sie schon lange nicht mehr, sie kennt ihren knauserigen Gatten, und obwohl sie ihr eigenes Geld verdient, kann sie nicht einfach einen Restaurantbesuch von ihrem Geld anordnen, weil ihr Geld nicht mehr als solches existiert, da es seit zwanzig Jahren ein gemeinsames Konto gibt. Und weil ja schließlich das Haus abbezahlt werden will. Brigitte löst den Kochkonflikt, indem sie den vor wenigen Monaten aus dem elterlichen Haushalt ausgezogenen Sohn zum Essen einlädt, und der isst schließlich am liebsten Pizza, also doch der Lieferservice. Ernst schmollt. Der Sohn erzählt zwischen Pizza Funghi und frisch gepresstem O-Saft (etwas Gesundes muss dabei sein, sagt Brigitte) von seiner neuen Freundin, die aus Schweden stammt und mit ihm zusammen bereits Pläne für die Auswanderung schmiedet. Nicht das Schlechteste, hier hat man eh keine Perspektive, denkt Brigitte, ach, macht doch, was ihr wollt, schimpft Ernst. Später sehen sich alle drei noch gemeinsam im Fernsehen ihre Lieblingsdoku an: Raus aus den Schulden. Gemeinschaftlich freut man sich, dass es anderen noch viel schlechter geht als einem selbst, diese Doku verbindet die Generationen. Versöhnt geht man auseinander, der Sohn in seine WG ein paar Straßen weiter, Brigitte nach oben ins Schlafzimmer, Ernst lümmelt noch ein bisschen vor dem Sportkanal herum. Irgendwann schläft Ernst dann auf dem Sofa ein, und als er in den Morgenstunden endlich mit schmerzendem Rücken ins eheliche Bett findet, ist er froh, keine Haustiere zu haben, die einem wegsterben, ja, genau das denkt er in diesem Moment, eigentlich weiß er gar nicht so recht, warum.