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"film" (familienserie, D 2009)

roland steiner | "film" (familienserie, D 2009)

DVD 1 – Teil eins
Den Konturen nach musste es ein Mensch sein, der [in einer roten Ledercouch versunken einem zusieht der] vor einem Paravent in einem Wirtsvolkshinterzimmer gestikulierte, dessen Inhalt aber fehlte. Ich konzentrierte mich, hielt ein Auge bedeckt, spreizte das andere mit zwei Fingern und strengte mich an, die Fülle wieder zu Gesicht zu bekommen, doch der Szene, landfilmläufig wie sie war, versagte der Mensch, der sie darstellte. An der Kontur bloß konnte ich erkennen, dass ich mir damals einen Bart hatte wachsen lassen – um unverkennbar zu sein, ein Markenartikel, oder um fremd zu wirken, wem gegenüber? Ihr, die Frau vieler Menschen ist, der ich an Wochenenden meine dem Rauchen geschuldet sonore Stimme [dachte ich], meinen ihren deftigen Gerichten geschuldet verwachsenen Körper [dachte sie] lieh? Mich bekomme ich nicht mehr zu Gesicht, die Wahrnehmung ist zerstoben.
Ich drehe den Fernseher ab, rufe den Hund, Braver, komm’ her, so ist’s gut, hänge ihm und mir die Leine an, schleiche zur Tür. Die Plastikab­deckung der Klingel ist durch Bimmel und Bammel verzogen, wir verlassen das Haus.

In den Sperrzonen / Evakuierung / Der Massen / Alle einsammeln / Die krank oder einsam sind / In Hospize stecken … Braver ist von der Kälte begeistert und balgt sich mit Vorstellungen im Schnee, während ich versuche, die Schlagzeilen zu verscheuchen, um mich eines Vorhabens zu entsinnen, das ich verdrängte, weil nicht ausgeführt hatte, als ich den Fernseher eingeschaltet hatte und im Anschluss der Nachrichten Konturen zu sehen bekam [die meine waren]. Die Matratzen am Dachboden wollte ich entfernen, verboten sei es, sie neben die Müllcontainer zu stellen, die Hausmeisterin schläft nie, verboten, sie zu lagern, wenn sie ihn putzen musste, würde ich zahlen, für Entrümpelung oder Schweigen. Bereits am Dachboden erspähte ich die Martins: Der pummelige EM und der dürre EM standen auf dem asphaltierten Moto­rentestgelände vor dem Haus, das sie sahen, die mich nicht sehen konnten, das ich nicht sah, gleichwohl es mir inszeniert vorkam, wie bedeutsam sie ein Bild ergeben hatten, Vorabbild einer Reise, die voller Ernst [diskursive Floskel] man antritt, um sich anderswo anderswie zu nützen. Bildschwanger in die Wohnung zurückgekehrt ist mir bewusst geworden, keinen Führerschein zu besitzen … und die Wochenendefrau hatte aus Zeitungen ausgeschnittene Annoncen [Nietzsche-Look­alike gesucht; Wenn Sie Marx ähnlich sehen, wählen Sie …] am Küchentisch hinterlegt, kaum entlohnte Drecksarbeiten, sie drängte ins Telefon, dass sie wen kenne, klar, sie kennt jeden, nur dich und deine Fragen nicht. Die Rührung, Berührungen am Dach, wusste sie Bescheid? Immerhin besaß sie ein Duplikat des Schlüssels, den extrakleinen zum Freidach – um sich nackt zu sonnen, beobachtet zu werden von den Autoclubfetischisten, den Martins, dem Sohn? Einstmals [vor tausend Jahren] hielt sie den Jungen fern vom Rand, nicht hinunter, nichts zu sehen, stellte den zappeligen in die Mitte auf den groben Kies, wo er scharrte. Seine Angstlust, ihre Lustangst? Meine Flucht und Rettung ineinander gehakt, Phantasien wie Macht der Ohnmacht, Wahrheit, Einsamkeit – und sie, die unbestimmt befehlend sagte, sie wolle mehr sein als sie selbst? Leuchtend Glas [ein Fenster]? Draußen, vor dem Fenster der Volksschule in der ich angewinkelt stehe, bellt der Hund. Mehrsein konnte Bindung meinen, ein Kind, ich drehe mich um, gehe zur Tür, ich komm’ ja schon, Braver, und muss laut auflachen, ein Kind mit 57.

Auf halbem Weg zur Wohnung überkommt mich Schwindel [stehen tief atmen es ist nichts], ein Hund stupst an mein rechtes Bein … es ist nichts, Braver, atme tief ein und hohl aus, die Sicht beginnt sich zu klären, ich gehe weiter, Angst bleibt. Zu viele Zigaretten, Auftritte und Proben, der Stress, die Alimente und Schweigensgeschenke wieder hereinspielen zu müssen, ja – ja – ja, und vor den Besuchen bei ihr die Versagensangst, die Hilfskonstruktionen. Im Vergleich – das Vertreterdasein nach der geblendeten Medizinerkarriere, abertausende leere Kilometer, die kaputte Ehe, distanzierten Töchter, ein Sohn, retardiert, Hotelzimmerkälte, billige vor- wie nachgeschlechtliche Einsamkeit – im Vergleich dazu führst du ein selbständiges Leben [aber sicher]. Stehen tief atmen es ist nichts, Braver, ich nehme den Hund und mich an die Leine und betrete das Pub Ponderosa.

- Wusstest du, dass dein Vater mit mir auf Entzug war?
- Nein.
- Wusstest du überhaupt-
- Nein.
- Ich habe geschworen, aber dass du … Hast du gewusst, dass er im Hinterzimmer – da warst du ein Kind und bist bei uns am Tisch gesessen mit deiner Himbeerlimonade und hast beim Kartenspiel zugesehen –, wo jetzt der Billardraum ist, hat er die Kellnerin gefickt und andere junge Dinger, weibliche, mein’ ich, dabei hat er an du weißt schon was gedacht, gell, das hast du nicht gewusst.
- Nein.
- Ich sehe dich oft im Fernsehen, du bist gut, echt witzig.
- Danke.
- Nein, nicht danke, das mein’ ich ernst, wann – Martin, noch zwei Bier und Schnaps! – trittst denn wieder auf, ‚Herr André’, hm?
- Nie, nie mehr.

Angezogen von meiner Scheißkontur kamen sie und entblößend standen sie an der Theke um die Fülle, und behaupteten, irgendwen aus meiner Sippe zu kennen, mich so und auch anders, mussten von Vater, Mutter, Ex, gar Töchtern, Wochenenden und Elisabeth erzählen. Ein Glatzkopf, der, bis auf die Unterhose ausgezogen, seine Tätowierungen erläuterte, bat mich [bei deinen Kontakten zum Fernsehen!], das Buch eines verurteilten Revisionis­ten zu besorgen, Du, Primar, ich brauch’ ein Bett, forderte ein anderer Statist. Geschichte um Geschichte, Geheimnisse und Stadtgespräche, Lügen und Verleumdungen verdrängten mein privates, so nicht gefilmtes Ich, und ich erinnere mich, geschrieen zu haben, Vater ist lang tot! Und: Lasst den Jungen in Frieden.


DVD 1 – Teil zwei
Die Ex-Geisel scheint bei bester Gesundheit zu sein, das künstliche Koma war eine Lüge, nie sei sie gezwungen worden, einen Brief zu schreiben oder mitzugehen, sie werde auch jetzt keinen Brief schreiben oder zurückkehren, alles Lügen [die Kamera steht ihr im Weg], so könne sie nicht aufrecht gehen, souverän wirken, transportiert werden. Die Gesellschaft habe ein Anrecht darauf, nein, sie könne nur souverän werden, wenn sie auf sich allein gestellt sei, ohne auf sich und die Geschehnisse zurückgeworfen zu sein – das ist doch Schwachsinn, hört man und die Kamera fährt aus. Wie die Autonomie zu bewerkstelligen ist, murmelt das Off, sei nicht ihre Sache, sondern zu kooperieren, das Geiselpathos abzulegen, Punch zu beweisen, ein Verhaltenspaket werde geschnürt. Die Scheinwerfer abgeblendet, der Reporter grüßt mit blinkenden Kopfhörern, Punch im Sack – Ja zur Meinungsfreiheit, nein zu Provokationen, Er ist unser Leben wird eingeblendet, emblematisches Staccato, bis der Ton sich abschaltet, abrupt das Bild, die Realität off air.

Ich … mit der linken Hand greife ich zur Brust, Hand aufs Herz … fasse es pressend, eine Schmierenkomödie, mit der rechten nach dem Vatertagsgeschenk, schütte das verklumpte Salz­streuersalz auf den linken Handrü­cken, schlürfe es mit Speichel, huste, tief atmen es ist nichts, und schreie: Ich bin die Ausgeburt des Frohsinns, Immergrün der heiteren Natur, Blick­fang im leichten Meer der Lüste, Harlekin des Stegreifs, Scharlatan der Erbsünde [Arschlöcher] … bis der Schwindel verebbt und ich wieder klar sehen kann.

Spritziger Eindruck, das sind die anderen, Erbrochenes bist du, tatsächlich, erbrochen, die Ecken deines unbehausten Daseins kraulend, was würde die Frau jetzt – sie schriee Tunichtgut [Taugenichts], würde explodieren in dir. Säubern musst du, sage ich mir vor, die leeren Flaschen wegräumen, den Boden aufwischen und die Gerüche beseitigen, was stinkt da so, Braver? Der Hund winselt, angeleint hat er eine Haftspur Urin durch die Wohnung gezogen. Ich ziehe mich aus, stopfe alles in die Waschmaschine und stelle die noch zitternde Kontur unter die Dusche. Nein, die Nacht war keine entscheidende, ohne Bilder, bloß eine Nacht, du wirst wieder sehen, sage ich mir vor, öffne die Duschkabine, der Hund hopst herein und pisst sogleich, ich trete ihn hinaus, er jault. Nass genug, ohne sauber geworden zu sein, schleiche ich im starren Gefäßmantel vor die Tür, hebe die [abergläubisch infarkternste] Zeitung auf, der Hund, unter den Küchentisch verzogen, hat Angst oder Hunger. Ich leere eine Dose in seinen Napf; er bleibt liegen, dann nähert er sich, mir, dem Napf. In letzter Zeit ist dir oft Angst im Magen gelegen, dein Appetit war schwach, rede ich ihm zu, er frisst, ich meinte mich. Drehe den Fernseher auf, ein äußerst hoher Standard, jubelt der Kommentator, der Hund jault freudig, im Frieden mit mir, und stupst an meinen rechten Knöchel, der nötige Punch, hören wir, ehe ich die Toilettentür schließe und zu heulen beginne.
Die Toilettentür geöffnet, sehe ich Zielflaggen, die Schnauze des Hundes, Schübe des kollektiven Frohmuts. Ich schleiche zum Kühlschrank, nehme das Eis heraus, löffle Enttäuschung und weiß: Heute sagen dir wieder die anderen, was zu tun ist [und das andere, was du tust].


DVD 1 – Teil drei
Ich locke, dann ziehe ich ihn ohne zu streicheln in meine Kemenate am Dach, lege mich auf das Bett, zerre das blau gestreifte Leibchen hoch, er neben der Bettkante, kniend. Ich erzähle von den Wundern der Medizin [kein Heft des Vaters], ein frei verkäufliches Bilderbüchlein für die nach Abenteuern strebende Jugend zeige ich ihm, bunte Experimente und Gesundungswunder schildernd befehle ich ihm, dem schwerhörigen, kleinen Nachbar, ich Bauchweh ... du Doktor ... hier reiben, Martin, hier –
Der lieblosen Schande hinterher versucht er zu sprechen und reiht has­pelnd Silbe um kotbraune Silbe: Ich sammle Mücken ... ohne sie zu lieben ... in Mappen ... die ich unter dem Bett in Plastik verschweißt ... vor mir verheimlichend ... aufbewahre ... die Mappen sind kalt ... und tragen Ränder wie Kränze. Ich trete ihn, steige auf sein Ungesicht, seine schiefe Nase, pupillenlosen Augen, ich zeige Dir, was mächtige Hengste sind. Im Bademantel schleife ich ihn [furchtlos über vier Seelenstockwerke tief] an einer imaginären Leine zum Kleiderschrank im Schlafzimmer, zur Tabuzone. Zerreiße die Abendkleider meiner Mutter, hinterlasse Schweiß auf dem dunkelbraunen Frack des Vaters und finde, wonach ich suchte: Männer im weißem Kaftan, Schwänze wie von Pferden zwischen weißen Lippen in zu Feldern aufgerissenen Mündern. Er heult, ich entlasse ihn.
Die Erbsünde und das Reinemachen anvertraue ich taub dem Blitz, fort in den präventiven Hass auf dich [Sohn].

Und als der Sohn zuletzt, vor tausend Jahren, meinen Schoß empor kroch, garend flehte, kehlte –
- Papa, ich spiele ein bisschen am Computer.
- Nein, den brauche ich, muss arbeiten.
- Dann schaue ich die Zeitschriften durch.
- Nein, die brauche ich, muss arbeiten.
- Dann spiele ich mit dir.
- Fang an
– da sahst du ihn, kalt und unbedeckt in der Seeau.

Filme, Filme, Filme. Von Theater, TEVAU und Filmchen bist du radiert worden, und was passiert?! Eine Tochter passiert die Filmwissenschaft, die andere du ich studiere Theaterwissenschaft und werde bald fertig, und der Sohnemann, immerhin nicht im Gewerbe, tingelt als Historiker von kurz angesagten zu längst abgesägten Aufträgen, für die er aberdutzende Anträge stellen und bei Gewährung die Anekdote einer Person als Großportrait gestalten muss, die Gerichte und Gerüchte einer Volksgruppe, deren auf ethnisch aufgeblasen blasse Histörchen von Idioten er nach Marktmehrwert filtern muss – nichts anderes tust du. Nichts anderes, Bildloser, tust du, lustloser, geistloser … immerhin verbreite ich Lachen, ein hohler Gewinn, muss nicht mehr operieren, heilen, muss nicht so sein, wie ich drinnen im Licht, daheim bei euch so war, oder mit der Frau, alleine bin – die Videos verbrennen, brennen Videos, Braver? Der Hund, wo ist der Hund? Die Aufnahmen vernichten, der Hund muss an die Luft, scheißen, pissen, ihn loswerden, den Film zerstören, anrufen, alles loswerden, es ist nichts sagen, es ist nichts –


DVD 2 – Teil eins
Der dritte Herzinfarkt. Den Köter ins Tierheim bringen, von der Wochenendfrau befreit. Berichten, einen Herzinfarkt der Vater hätt’ erlitten, im Spital sei er, nein, nicht in seinem, ja, kritisch, nein, nicht lebensgefährlich, die Ärzte hätten gesagt, er überlebe. Oder: Michael ist kurz im Spital, ein Schwächeanfall, der Stress, es geht ihm schon besser. Oder: Ich glaube, ‚Herr André’ dreht durch. Oder: Ihr wisst, Vater ist – so gut wie – tot. Grübel, grübel [scheiß drauf].

[Kundschaft]
- Der Herr weiß Bescheid?
- Nun, ja, ich hab’ Sie angerufen.
- Ach, Sie?
- Hier, Ihr Film. Sind Sie eigentlich Geschwister?
- Im Geiste, vielleicht.
- Ihr Vater? – Ach ja, Süßigkeiten.
- Ich werde sie Martin geben, danke.
- Oder dem anderen, dem Jungen – ist’s Ihr Junge?

Husch, husch, ich bugsiere den alten Spanner aus dem Film, Knabenliebhaber, Vater ist – was?


DVD 2 – Teil zwei
Die Geisel / Bei bester Gesundheit / Unversehrt … mit den Zeigefingern kreise ich unter leichtem Druck an den hinteren Ausläufern meiner Schläfen, um mich wach zu halten, konzentriert zu bleiben gegenüber dem, was der Produzent noch abzusondern hat an überhitzten Bildideen, um ihm nicht mehr folgen zu müssen. Stell dir vor, du stehst an einer Straße, von der die Wut wegführt, weiße Vögel ziehen über dich, verdeckte Ermittler, und du erkennst augenblicklich, diese Stelle muss neu besetzt werden, denn du gehst fort. Dabei presst er drei Finger seiner Rechten auf die errötete Stirn, formt sie zu einem [familienfilmischen] Dreieck, unter dem der Topasring glänzt – und jetzt, jetzt weiß ich, so machst du es mit dem Jungen, Martin, wie Vater mit mir, drei Finger im After.
Ich schlage ihm ins Gesicht und verlasse das Studio.

Haushaltsreinigungs- und Desinfektionsmittel, Müllsäcke und weiße Farbe kaufe ich. Die Frau an der Tür mit dem angeleinten Hund und Wochenendblick fragt, Ist es wahr? Wahr ist‘s, als ob Realität eine gespielte wäre.