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gerettete reime

| gerettete reime

Im frühen Sommer 2009 schrieb die schreibkraft einen Wettbewerb zur Rettung des Reimes aus, der sich seit geraumer Zeit im Würgegriff von Rechtsparteien und Boulevardblättern befindet. Aus allen Zusendungen haben wir, resp. die Schriftsteller Andrea Stift und Andreas Unterweger, eine Auswahl getroffen.

 

Der Ziege ein Lied

Ein Loblied auf das Ziegentier
Singt niemand, weder Alt noch Jung.
Den Brüdern Grimm verdanken wir
Den Funken einer Würdigung.

Alleine schon das Angesicht,
Gäb Stoff für Hymnen und noch mehr.
Im Auge schillert Bernsteinlicht,
Der Sehschlitz steht verblüffend quer.

Der Bart verschafft dem Ziegenhaupt
Erinnerung ans Morgenland
Und wer den alten Mythen glaubt,
Sieht Pan an Geißbocks Hinterhand.

Der Teufel leiht sich das Gehörn.
Vergleich, der metaphorisch hinkt?
Bei Gott, ich könnt es nicht beschwör’n,
Doch richtig ist, die Ziege stinkt.

                                  Ingo Baumgartner


Regenmelodien

Es prasselt, die Felle der Trommeln erzittern,
Die Dächer versuchen als Pauken ihr Glück.
Kapellmeister proben mit Sommergewittern,
Stakkati befehlend, ein schauerlich Stück.

Naturnahe Ohren entzückt die Kapelle,
Verfolgen das Tremolo voller Genuss.
Dann ziehen die Wolken, des Notenblatts Quelle
Vorüber, ein Donner, symphonischer Schluss.

                                          Ingo Baumgartner

 

 

Herrlicher Oktober!

Der Bäume Laub färbst du zinnober
und golden ocker.
Dein warmer Sturmwind lässt nicht locker,
bis er das letzte müde Blatt
von jedem Zweig gerissen hat.
Ich wollt, ich hätte Flügel
und flöge über ferne Hügel
zu schauen weit die Farbenpracht,
die du gemacht.
Mein Leben hat den Herbst erreicht,
der bald dem kalten Winter weicht.
Vor kurzer Zeit noch war ich Kind.
Ich liebte damals schon den Wind,
das goldne Ocker, das Zinnober.
Mein ganzes Leben ist Oktober.

                       Inge Ursula Gugler


Ende gut, alles gut,

sprach die Mütze zu dem Hut,
lieber wär ich a Melone,
ein Barett wär auch nicht ohne,
gerne wär`ich ein Sombrero,
ungern Lorbeerkranz auf Nero,
Stahlhelm wäre mir zuwider,
Trachtenhuterl viel zu bieder.
I woaß eh, dass ois nix nütze,
also bleib ich eine Mütze.

                        Michael Honzak

 


Lyrik

Lyrik vor dem Schlafengehen
trägt in einer guten Stube
Mollis, dieser schlaue Bube,
vor, um nachher wegzugehen.

Ratlos saßen da die Leute,
wussten sich nichts anzufangen;
das Gefühl, das sie befangen,
klang wie silbernes Geläute,

Süß wie nie gehörte Lieder,
weitete die engen Herzen,
und beim Schein der Abendkerzen
weinten alle, still und bieder.

Noch im Bett, im wohlig tiefen,
dachten sie der zarten Weise
bis sie selig lächelnd, leise
allesamt in Ruh’ entschliefen.

                      Herbert Duffek

 

vierzeiler

abendland ist abgebrannt,
ermattet ist die christenhand,
nur einem ist dies nicht bekannt -
ha tse ist wo dagegen g'rannt.

                             klaus nüchtern

 

das kind der unteren zehntausend

vater fährt die einfahrt herauf,
mutter verkocht den einkauf und

das kind der unteren zehntausend
nimmt i don’ t like mondays auf,
die dummen menschen, denkt es,
kommen nie darauf, worum es geht und

so nehmen dinge ihren lauf,

vater fährt die holprige einfahrt herauf,
er riecht nach shit, mutter verkocht den abgelaufenen einkauf,
ihr vergeht der appetit und
das kind der unteren zehntausend bekommt alles mit,
die dummen menschen kommen nie darauf,
worum es im hit i don’ t like mondays geht und

so nehmen dinge ihren lauf,

vater und mutter sagen,
es war ein faux-pas, aber nun
ist das kind der unteren zehntausend da und bald
zeigt es den dummen menschen auf,
worum es in i don’ t like mondays geht

und bis dahin
nimmt es jeden montag
die unteren zehntausend dinge in kauf

                                    Reinhard Lechner

 


gedicht über gedicht

ein gedicht___
findet meine zungen
die sommerfisolen
die jungen

auf so ein feines
fisolengericht
erfindet sich mir
ein sommergedicht

dies grüne gedicht
___von einem gericht
zergeht
auf der zungen

ich leck das buch
aus bohnenzeilen___
lass labsal uns wie lese-
wonnen teilen

                  Brigitte Menne


erkenntnis einer bäuerin,
die auf ihren unergiebigen feldern
ein mäßiges comedy-festival veranstaltet

wenn auf diesen miesen wiesen
solche sachen lachen machen

dann wird mir eines evident:
das liegt nicht am top-event

ohne amsterdamer gras
hätte keine sau hier spaß

                       Stephan Roiss

 

 

Ende

Ein Pfarrer singt vor morsch Gestein
Dem Toten seine letzte Ehre
Und leuchtet schwarz vor dem Gebein,
Das langsam sinkt ins kalte Leere.

Dem Brot und Wein der Sinn entschwindet,
Wenn der Wind sich vor dem Tod verneigt,
Gleich dem welken Blatte, das sich windet
Und dann zu Boden fällt und schweigt.

Und jener dürren Sinnes Worte spricht,
Vom Garten Eden,wunderbar und grün,
Indes der Herbst die letzten Rosen bricht,
Die gleich dem Toten fahl verglühn.

                                                Erich Ernst