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hubertushirsch und pornobräute

Ja und ja und nochmals ja: Lobhudelei über ein Meisterwerk


Ulrich Schlotmann: Die Freuden der Jagd

Weil am Rhein: Urs Engeler Editor 2009

Rezensiert von: max höfler


Um jegliche Spannung aus dieser Rezension zu nehmen bzw. jene erst gar nicht aufkommen zu lassen, sogleich das folgende Zusammenfassungsende vorweg: Ja, das hier zu besprechende Buch ist ein Meisterwerk, wie ein solches seit (mindestens und noch etwas mehr) Jahrzehnten nicht mehr verfasst wurde. Ja, das hier zu besprechende Buch zeigt, was Literatur im 21. Jahrhundert zu leisten vermag – oder besser: zu leisten vermögen sollte. Ja, an diesem hier bald besprochen sein werdenden Meisterwerk wird sich jede nach ihm geschriebene Literatur nicht nur zu messen, sondern vor allem die Zähne und Wörter auszubeißen haben. Ja und ja und nochmals ja, Sie dürften das kaum Übersehbare mittlerweile mittels Eigenlogik wohl auch schon selbst herausgefunden haben: Diese Rezension ist Lobhudelei in reinster Hochform. Und das zu Recht!

Triftige Gründe
Und damit Sie auch wissen, was mich denn in solch seltene Verzückung versetzt, folgen ein paar triftige Gründe, sich dieses Buch unverzüglich anzueignen. So lassen Sie uns mal mit den Äußerlichkeiten beginnen: Da liegt nun dieses jägergrüne Riesendrum – mächtige 1.100 Seiten – vor mir und verspricht mit seinem durchaus martialischen Titel Die Freuden der Jagd vielmehr weidmännisches Standardwerk als höchst literarische Wortkunst zu sein. Ich bin – wie immer bei solchen Wälzern – geneigt, mir vorzustellen wozu solch schwerstes Buchwerk zweckentfremdet werden könnte, und komme – wohl durch den Titel bereits in eine bestimmte Richtung gedrängt – nur auf jagdbezogene Gemeinheiten: unhandliche Fliegenklatsche u. ä. Und tatsächlich: So man das Buch nun aufschlägt und somit dem ursprünglich angedachten Verwendungszweck zuführt, liest man hierin nicht selten von Jägern, die aber nicht der Fliegen-, sondern vielmehr der Nieder- und Hochwildjagd nachgehen, bei der sich aber auch schon ab und an die eine oder andere Kugel in Richtung Powerwalker verirren kann. Aber nicht nur Jäger irren da durch Schlotmanns Meisterwerk, denn das Inventar, das ein Panoptikum unserer Mediengesellschaft darstellt, reicht vom jägermeisterlichen Hubertushirsch über den fit- und wellnessbedürftigen Powerwalker bis hin zu hochbekannten Pornobräuten wie „Gina Wild®”.

Opus Magnum
Aber nun alles von Anfang an: Ulrich Schlotmann, der 1962 im sauerländischen Balve geborene und nun in Berlin lebende Autor, lässt sein Opus Magnum, an dem er zehn lange Jahre sprachgearbeitet hat, mit einem aus diversen Klamauk- und Tränensendungen hinlänglich bekannten Klassiker des feigen Abgangs beginnen: mit dem Schatz-ich-geh-nur-mal-kurz-Zigaretten-hohlen-aus-dem-Staube-Machen. So platt dieser Beginn zu sein scheint, umso mehr entwickelt sich durch den Kontrast zwischen dieser abgegriffenen Abgangsfigur und der von Schlotmann entwickelten Kunstsprache ein seltsam schimmernder Humor:

Der Mann der in den Wald (hinein)geht hat seinem Ehegespons – „(schon) vor Jahr/& Tag (geschah das) – womöglich: dass (seitdem) schon Jahre sieben – an der Zahl – vergangen” – die (nun) folgende/mehr oder weniger – unwahre Geschichte aufgetischt: er gehe – "(nur mal) eben – um die Ecke, (um) Zigaretten (zu) holen” – lediglich – (einige) wenige – Minuten benötige er (dazu) – „dann: bin ich (wieder) zurück – zurück: an dem mir angestammten Platz – hier: auf der Chaiselongue, neben dir.” Er habe – eigenen Angaben zufolge – (schon) damals – „(schon) in der – (ganz) konkreten – Situation” – geahnt/wo nicht (sogar): (definitiv) gewusst – „dass sie wusste, dass ich wusste, dass sie wusste – ja: dass sie es (förmlich) gerochen haben muss, dass ich sie mit dieser – im Grunde (genommen) doch – (mehr als) hanebüchenen/(komplett) an den Haaren herbeigezogenen Behauptung anlog” – sei er doch – „zu dem – in Frage stehenden – Zeitpunkt” – (schon) seit Jahren/& Jahrzehnten – „eigentlich: immer (schon)” – ein – (nahezu) fanatischer – Nichtraucher – „um nicht zu sagen: ein – (beinah) militanter – Antiraucher” – gewesen. Doch sei ihm – „auf die Schnelle” – (einfach) nichts Besseres eingefallen. Es habe ja (dann) auch noch prima geklappt – „im Endeffekt.”

Schon der erste Blick auf die Textoberfläche des Schlotmann’schen Textes lässt unschwer erkennen, dass es sich bei Die Freuden der Jagd um keine herkömmliche Belletristik handelt. Hier wird auf Teufel komm raus geschoben, gestückelt, geklammert, montiert und formatiert. Sofort denkt man an den Großmeister Arno Schmidt, und wie bei Schmidt wird auch hier nichts dem Zufall überlassen: Jedes Anführungszeichen, jeder Gedankenstrich, jede Klammer verweist auf eine bestimmte Ebene des Textes.

Humorvoll dekuvrieren
So sehr die Form des Textgewebes eine exaltierte ist, umso deftiger erscheinen die abgehandelten Themen: Der Protagonist begibt sich aufgrund der immer komplizierter und fragmentierter werdenden Welt in den Wald, um dort „das (finstere) Herz des Waldes” zu erkunden. Diese eskapistische Reise soll ihn letztendlich nicht nur immer tiefer in das Unterholz des Waldes führen, sondern vor allem auch in das seines eigenen Ichs: „Der Mann & der Wald, in den er (hinein)geht […] – sind eins – ‚ein/& dasselbe Ding – kann man mir – da/in dem Punkt – folgen?‘“ Der Wald wird in Die Freuden der Jagd zur Projektionsfläche der ganzen Bandbreite kleinbürgerlicher Ideologeme – Misogynie, Rassismus, religiöser Fundamentalismus und ähnliche Grauslichkeiten –, die Schlotmann mithilfe seiner Kunstsprache derart klug und humorvoll zu dekuvrieren weiß, dass man nicht selten von Lachkrämpfen heimgesucht wird, die einem im nächsten Moment – wie nicht anders zu erwarten – auch schon wieder die Kehle enger schnüren.

Der Wald vor Bäumen
„Ein Mann der in den Wald (hinein)geht [..]”, mit diesem Satz beziehungsweise mit einer Variation dieses Satzes beginnt Schlotmann fast jedes Kapitel seines Werkes – so man hierbei überhaupt von Kapiteln und nicht von Textblöcken sprechen sollte. Immer wieder von Neuem macht sich der Protagonist auf, um den Wald und somit auch sich selbst zu erkunden, aber die erhoffte Erkenntnis und Befreiungen bleiben nicht nur aus, sondern er verstrickt sich mehr und mehr in die Komplexitäten, aus denen er sich zu befreien trachtete. Auf der formalen Ebene zeigt sich diese zusehende Verstrickung dadurch, dass die Textblöcke zum einen immer länger und zum anderen immer dichter werden, ohne aber hierbei erstaunlicherweise ihre eigentümliche Ironie zu verlieren:

Der Mann der in den Wald (hinein)geht sieht – „die Hand vor Augen” – nichts. Auch dies: sein Atem steht ihm weiß/& warm vor dem Angesicht – er sieht von dem – (nur) wenig mehr als – nichts. „Ich seh den Wald vor lauter Bäumen” – dies Bonmot verkneift er sich – „nicht.”

Wer das nicht liest, ist selber schuld!