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humpty dumpty has left the building

Verhalten bei und nach Sprachlawinenabgang


Markus Köhle: Bruchharsch. Prosa

Innsbruck, Bozen, Wien: Skarabäus 2009

Rezensiert von: stefanie lehrner


Wenn Markus Köhles Wortlawine abgeht, sollte man versuchen, Haltung zu bewahren, die Ski gerade zu belassen und so lange wie möglich mit der Lawine mitzugleiten. Denn nicht nur literarische Spitzensportler wissen: Man wird es kaum schaffen, einer Wortlawine durch Abfahrtsflucht zu entkommen. Durch ein derartiges Verhalten kann man sich unter Umständen nur noch mehr in Gefahr bringen – man wird weiter in den Text gezogen. Hat man die gemeinen Bestsellerpisten nämlich einmal verlassen und wendet sich Poesie-Freeridern zu, dann muss man sich auch auf das höhere Risiko einlassen, mitgerissen zu werden. Literaturvereine und Wortlawinenwarndienste empfehlen Bruchharsch-Opfern, sich durch Schwimmbewegungen so lange wie möglich an der Oberfläche der Sprachlawine auf der Prosapiste zu halten und mithilfe des aufgeklappten Buches einen Hohlraum vor Mund und Nase zu schaffen. Wenn man merkt, dass die Lawine langsamer wird, Hockstellung einnehmen, Arme vor Brust und Gesicht kreuzen, das Gesicht mit den Händen bedecken und weiterlesen! Wenn alle diese Maßnahmen und Hilfsmittel versagt haben und das Wortlawinenopfer vollkommen von den Sprachmassen verschüttet ist, läuft die Zeit: Bei der Literatursuche zählt nun jede Minute ...

Der Prosaband Bruchharsch des Tiroler Sprachvirtuosen und Poetry-Slam-Kapazunders Markus Köhle versammelt Texte in drei Kapiteln Firn, Harsch und Sulz über Lebensbegebenheiten und Weltungereimtheiten, Schattenseitiges und Schmelzförmiges. Bruchharsch ist innerer Monolog, gewiefter Dialog und mitunter Lebensfragenkatalog: „Aber Kinder, jetzt?”, „Wie hätten Sie Ihren Wunschsozialsalat gerne?” oder „Ist die Bedeutung eines Wortes bloß dessen Gebrauch im Wortspiel?” – Beziehungs- oder Tabubrüche, Firngespinste haarscharf gewürzt in der Bildungsbürgerwissensmüllküche, manchmal als Sulz serviert, aber meistens paniert.

Da wird im Frühling im Park verblüht und im Sommer am Kamin sinniert, im Herbst im Wortmüllschrebergarten mit dem Erb-Rechen gewerkt und man selbst im Winter entleert. Und unter Wasser, da ist alles Heilbutt. Denn Köhle ist mit allen Schiwassern gewaschen. Er lässt Worte flattern, fliegen, schweben, zittern, schwingen, gleiten, wehen, segeln, baumeln, schwirren, beben und wedeln. Zwischen Witz und Ernst bringt er manches auf den Punkt: „Vom Streben zum Sterben ist es nur ein kleiner Schritt”, „Poesie ist wie warmer Käse” oder „Jesus ist ein monetäres Erzeugnis, die Marie oder Maria das Zentrum vieler Bereiche”.
Bruchharsch ist Kunstschnee. In allen seinen Texten antwortet Köhle auf die Welt mit Sprache – zu Beliebigem und Groteskem mischen sich Wahres und Bedeutsames.

Man möge mir vorwerfen, ich leide unter Akkumulationsmanie, strebe ein allumfassendes Amalgam an, habe Weltversprachlichungszwang. Das ist leider nicht von der Hand zu weisen, aber Sprachsträucher und Wortwildwuchs schärfen den Blick fürs Wesentliche.

So lasset uns nach Sprachlawinenabgängen neue Satzpflanzen säen, Sprachblüten lesen und Worthülsenfrüchte ernten.