schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 19 - im ernst? im 86. jahr
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/19-im-ernst/im-86-jahr

im 86. jahr

anna weidenholzer | im 86. jahr

Porträt einer alten Dame

Wegen ein paar besorgniserregender ökonomischer Basisdaten nicht in Panikstimmung zu verfallen, mag von staatsbürgerlicher Reife oder von großer Gelassenheit zeugen, man könnte genauso gut aber auch von Lethargie sprechen.
Ulrich Peltzer: Zwischen Lethargie und Staunen, taz, 27.05.2009

„Ist die klar im Kopf?”, sagt der Heimleiter. Frau Lampl sei klar im Kopf, dürfte die Pflegerin am anderen Ende der Leitung sagen. Der Heimleiter nickt. Drei Stockwerke über ihm sitzt Klara Lampl in ihrem Zimmer, Klara Lampl, die nicht mehr stehen kann, nur für kurze Momente.

Klara Lampl fährt jeden Tag bis zum orangen Strich. Sie bewegt ihren Rollstuhl nicht mit den Händen, sie stößt sich mit den Füßen ab. „Ich sag Ihnen was, ich finde es nicht schlecht hier”, sagt sie und rollt dabei ein Stück heran, wie sie es immer tut, wenn ihr etwas betonenswert erscheint. Klara Lampl wohnt in Zimmer 321 des Linzer Altenheims. Sie sieht Blätter, Bäume, bei Föhn sogar bis in die Berge. „Ich sag Ihnen was, ich finde es nicht schlecht hier”, sagt sie und sagt es immer wieder. Die Wirtschaftskrise winkt sie mit der Hand ab, die Wirtschaftskrise betreffe sie hier nicht. Klara Lampl schaut auf die Bäume, auf das Haus, das vor ihrem Fenster gebaut wird, auf das Leben draußen, das in der Krise steckt. Sie weiß Bescheid, sie weiß viel von draußen, sie sieht dreimal täglich die Nachrichten und abends Kultursendungen. Klara Lampl erzählt von GeneralMotors, von Magna und Opel, und ihr ist das mit der Wirtschaftskrise ziemlich egal. „Was geht mich das noch an”, sagt sie mit fester Stimme und beginnt zu erzählen.
“Ich bin hierher gekommen und es ist ein Schock gewesen, dass ich nicht mehr nach Hause kann, dort sind überall Stiegen, na ja. Ich konnte eine Zeit lang gar nicht mehr stehen, wenn sie mich aus dem Bett gehoben haben, ist mir der Urin rausgelaufen, das ist so deprimierend. Ich bin mit meinem Leben jetzt sehr zufrieden. Andere denken, das muss einem leidtun, wenn man im Heim ist – was soll ich mich da aufregen. Das ist toll hier, ich kann mir jeden Tag ein Essen aussuchen, schauen Sie, heute der Fisch, morgen Rinderbraten und am Sonntag Gulasch. Die, die sich über das Essen aufregen, das sind die, die zu Hause auch nichts Gutes hatten. Mein Sohn hat das Zimmer neu gestrichen, ich mag kein grün, danach bin ich hereingekommen und habe mir gedacht, da bin ich zu Hause, nach zu Hause komm ich nicht mehr.
Was soll ich mir wegen der Wirtschaftskrise noch Sorgen machen, ich bin im 86. Jahr. Meine En­kel, wie soll ich sagen, die haben alle was gelernt, um die mache ich mir keine Sorgen.”

Klara Lampl wurde 1923 geboren. „Ich bin ein 23er-Jahrgang und ich habe die 30er-Jahre miterlebt, da ist jetzt alles wunderbar. Das war eine schreckliche Zeit, jeden Tag sind Bettler gekommen, man hat ja nicht immer allen etwas geben können.” Klara Lampl schaut auf die Pflanze in ihrem Zimmer, aber sie sieht darüber hinaus, ihre Augen werden noch ein Stück blauer, wenn sie in der Vergangenheit ist. „Es hat Leute gegeben, da hat die ganze Familie in einem Zimmer geschlafen, Großeltern, Eltern, Kinder. Das war eine schreckliche Zeit. Und dann ist Hitler gekommen und hat gesagt, ‚Ihr bekommt alle Arbeit’, natürlich haben sie ihm zugejubelt. Der Strache? Ja, der ist auch so ein Typ. Diese Hetzerei, ich mag das gar nicht.”

Am Sonntag wird Klara Lampl wählen, ihre Tochter besorgt ihr immer die Wahlkarte, auch damals im Diakonissen-Krankenhaus hat sie die Karte gebracht. „Ich bin nicht alleine”, sagt Klara Lampl, ihre Familie kommt sie oft besuchen. Zu den anderen Bewohnern des Altenheims hat sie wenig Kontakt. Klara Lampls Stimme wird lauter, sie rollt heran und schreit fast. „Die sind ja alle nicht mehr ansprechbar.” Manchmal, da trifft sie auf ihrem Weg zum orangen Strich Frau Bauchinger, deren Körperumfang Klara Lampl mit den Armen andeutet. „Ich gebe ihr dann ein wenig eine Zeitung. Ich glaube, ich habe die meistens Besuche hier. Ich komme jetzt an Orte, von denen ich nie geglaubt habe, dass ich da mal hinkomme. Wissen Sie, wo ich unlängst war? In der Solarcity, das ist toll. Einfach toll, ich habe ein Eis gegessen, eine Heiße Liebe, ich bin eine Eisesserin. Auf der Lentos-Terrasse bin ich auch schon gesessen, in der Sonne, das war für mich ganz super. Am Anfang war meine Tochter jeden Tag hier. Irgendwann hat sie dann gesagt, Mama, hast du schon mal darüber nachgedacht, wie es mir jetzt geht, seit du nicht mehr bei mir lebst?” Klara Lampl schüttelt den Kopf, ob sie schon einmal nachgedacht hätte, wie es ihr jetzt gehe, habe sie die Tochter gefragt. Sie hatte noch nicht darüber nachgedacht. „Wir haben fünfundzwanzig Jahre gemeinsam in einem Haus gelebt, jetzt sind die Kinder weg, und ich bin weg. Das ist für sie auch nicht leicht.”

Die Uhr ist rechts neben dem Fenster an der Wand montiert. 13.00 Uhr, 17.00 Uhr und 19.30 Uhr sind die Fixpunkte, da kommen die Nachrichten. In der restlichen Zeit löst Klara Lampl Kreuzworträtsel, sie liest Zeitung, „aber die Krone nicht, das ist ein Revolverblattl”, in den Garten geht sie nur, wenn Besuch da ist. „Wer nicht sät, kann nicht ernten”, sagte Klara Lampl immer zu ihrem Mann, „meine Enkelin ist wie ich, kein Glück mit den Männern. Mein Mann war Alkoholiker, er hat mich geschlagen, mich und die Kinder. Karin war zwölf, als sie zum ersten Mal gesagt hat, ich soll mich scheiden lassen. Ich habe gewartet, bis die Kinder groß waren, ich wusste nicht, wohin mit den Kindern.” Die Nachbarin war Deutsche, sie war geschieden und einmal, da fuhr sie mit ihrem Sohn nach Deutschland, um ihre Sachen zu holen. Sie kam alleine zurück. „Ich fahr schnell mit dem Klausi wohin, hat ihr Mann gesagt. Dann hat er das Gas in das Auto geleitet, Klausi war tot und der Mann war tot. Ich hatte Angst, dass mein Mann das auch tut, dass er meinen Kindern etwas antut. Ich habe gewartet, bis sie groß genug waren, um sich zu wehren. Nach der Scheidung traute ich mich über keine Straße mehr gehen. Ich hatte Angst, er kommt mit dem Auto und überfährt mich.” Klara Lampl wartete, bis die Kinder alt genug waren. „Ich hatte wieder Glück, ich fand ein Zimmer bei einer Familie, das war nicht teuer.” Im Altenheim stehen dreißig Zimmer leer, nicht, weil es keine Nachfrage gibt, sondern weil die Pflegekräfte fehlen. Die Schwiegereltern der Tochter sollen auch ins Altenheim. Das Nebenzimmer würde bald frei werden, sagt Klara Lampl und deutet mit dem Kopf hinüber. „Die stirbt jetzt schon drei, vier Tage da drüben, schrecklich ist das. Ich habe das Sterben in meinem Leben genug gesehen. So will ich nicht sterben, nein, ich hoffe das bleibt mir erspart.” Die Greisin im Nebenzimmer liegt mit offenem Mund auf ihrem Bett, sie atmet laut und neben ihr sitzen Verwandte. „Ich schau da nie rein in das Nebenzimmer, ich habe auch immer meine Türe geschlossen, ich mag das nicht.” Als Klara Lampl später an dem Zimmer ihrer Nachbarin vorbeifährt, bleibt sie eine Weile länger stehen, als sie brauchen würde, um durch die Tür auf den Gang zu kommen und schaut ins Zimmer, bis die Tochter der Greisin grüßt.

„Mir ist es immer gut gegangen, ich war ein Einzelkind, jaja”, sagt Klara Lampl mit verklärtem Blick. „Jaja, ich war das einzige Mäderl.” Im 35er-Jahr wurde sie im Stephansdom gefirmt, danach wurde im Prater Geisterbahn gefahren. „Als es mit meiner Mutter zum Sterben war, hat sich Samon nicht mehr bürsten lassen, ein schöner Perserkater war das, wir waren beim Tierarzt, na ja. Dann habe ich ihn müssen einschläfern lassen, Gift hat er gefressen, ich bin beim Tierarzt über der Katze gelegen und habe geheult wie ein Schlosshund. Ich habe zum Tierarzt gesagt, die Katze ist alles, was ich noch gehabt habe, da können Sie denken, was Sie wollen.”

Als die Enkel noch klein waren, hat Klara Lampl zwei Mal in der Woche Apfelstrudel gebacken, „für einen Germ brauchst du Zeit.” Sie hat Andreas heimlich Wurstsemmeln gegeben, „weil der immer Hunger hatte.” Als ihre Tochter das bemerkte, nahm Klara Lampl das Brett mit der Wurstsemmel mit in ihr Schlafzimmer und stellte es dort neben ihr Bett. „In mein Schlafzimmer hat sich Karin nicht getraut, da hat sie Andreas nicht erwischt.” Während Klara Lampl erzählt und vor sich hin lacht, liegt einen Stock unter ihr eine Greisin am Gang auf der Couch. Mit ihren Augen fährt sie über die Decke. In der Cafeteria sitzen am frühen Nachmittag Kinder, die bereits selbst zu Eltern geworden sind, mit ihren Müttern und Vätern und sehen ihnen beim Rotweintrinken zu. „Die Schweizer, was die für eine Ruhe ausstrahlen,” sagt eine Frau, die gerade in der Schweiz gewesen ist, „sich wo anstellen, das kann der Österreicher sowieso nicht. Das haben wir nie gelernt.”