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kabarett ohne pause

werner schandor | kabarett ohne pause

Der Mythos vom Witz der Krise

Dinge ernst sagen, aber witzig meinen, ist das Privileg von Scherz, Satire, Ironie und tieferer Bedeutung, um einen fast vergessenen jungen Wilden des deutschen Dramas zu zitieren. Im ernst gesagt, auf Lacher gehofft, das ist auch die Haltung von Kabarettisten, die in Österreich hohes Ansehen und regen Publikumszuspruch genießen, auch wenn viele nur halb so witzig sind, wie es ein auf Unterhaltung gierendes Publikum gerne hätte.
Neben jenen vielen Menschen, die eine Kabarettvorstellung besuchen, um mehr oder weniger niveauvoll unterhalten zu werden, gibt es auch solche, die sich der Materie professionell nähern: Kritiker und – ja, die gibt es auch – Archivare und Forscher bzw. -innen, die sich einen Überblick über die laufenden Entwicklung der Kleinkunst verschaffen wollen.
Das im Jahr 2000 gegründete Österreichische Kabarettarchiv (ÖKA) hat seinen Sitz – und das ist ein wenig außergewöhnlich – nicht in Wien, sondern im oststeirischen Örtchen Straden. Das ÖKA archiviert mediale Bewegungen rund ums österreichische Kabarett (das man, im Gegensatz zum deutschen „Kabbarettt“, eigentlich „Kabaré“ spricht) und gestaltet auch jährlich Ausstellungen zur österreichischen Kabarettgeschichte. Die 2009er-Ausstellung widmete sich unter dem Titel Zwischen Tränen und Gelächter den Nachkriegsjahren im Spiegel des Kabaretts, davor waren für die Ausstellung Verdrängte Jahre. Unterhaltungskultur im Schatten der Krisen die Jahre 1918 bis 1938 aufgearbeitet worden.

Ob und was Krise und Kabarett miteinander zu tun haben könnten, wollten wir im Gespräch mit Kabarett-Expertin Iris Fink, der Leiterin des Österreichischen Kabarettarchivs, klären.


Es gab in den 1990er-Jahren einen Kabarettboom, sagt man …
Ich habe Ende der 1980er-Jahre in meiner Diplomarbeit geschrieben, der Zenit des Kabarettbooms sei endgültig überschritten, aber …

… das hat nicht ganz gestimmt, oder? In den 1990er war die Zeit, wo die Kabarettisten auch zu Schauspielern wurden und damit Fernsehstars; ich denke an Roland Düringer und Josef Hader.
… es gibt den Boom noch immer, er ist anhaltend. Wenn Kabarettisten bei Fernsehsendungen mitspielen, haben die hohe Einschaltquoten. Das liegt einfach daran, dass die Kabarettisten den Ruf haben, dass sie lustig sind. Man hat lieber „Lustige“ als nur Schauspieler, die ihren Text mehr oder weniger gut aufsagen.
Seit den 1970er-Jahren und speziell in den 80er-Jahren hat sich das Kabarett in Österreich weg vom Ensemblecharakter und auch weg von der traditionellen Theaterbühne entwickelt. Aufgrund der zahlreichen neuen Spielstätten und regionalen Kulturzentren wurde das Kabarett mobiler und formal auch eigenständiger. Verkürzt könnte man sagen: Seitdem steht ein Solist auf der Bühne, der hat meist das Kabarettstück selber geschrieben und auch Regie gemacht …

Dabei kommt mir vor, dass Lustigsein von manchen Kabarettisten bewusst vermieden wird. Viele wollen gar nicht lustig sein.
Naja, sie erzählen keine Witze im klassischen Sinn, aber was sie sagen, ist oft mehrdeutig. Da hat man im Kabarett mehr als im Theater die Möglichkeit, dass du etwas anderes sagst als du spielst.
Aber Kabarettisten, die den Witz scheuen, haben es schwer. Von ihnen erwartet man, dass sie witzig sind, und wenn sie auch nur einen Satz sagen, wird automatisch angenommen, dass der witzig ist, was man zum Beispiel bei Literaten nicht automatisch annehmen wird. Das gehört halt zum Berufsbild des Kabarettisten: witzig sein. Und immer einen Witz auf den Lippen haben.

Es heißt auch immer, das Kabarett boomt in Zeiten, die wirtschaftlich eher schwierig sind. Wie verträgt sich das mit dem Umstand, dass die 1990er-Jahre wirtschaftlich eher Gold waren?
Ich weiß nicht, wer diesen Mythos aufgebracht hat, dass in schlechten Zeiten das Kabarett boomen würde oder besser sei. Wenn es wirklich in schlechten Zeiten besseres Kabarett geben würde, dann hätte es beispielsweise von 1939 bis 1945 sehr viel gutes Kabarett geben müssen.

… im landläufigen Verständnis waren die Zeiten von 1939 bis 45 ja nicht schlecht …
Ja, die „gute alte Zeit“. Aber nochmals zum Gerücht, schlechte Zeiten seien gute Zeiten fürs Kabarett: Das kann ich nicht feststellen. Vielleicht sind Umbruchszeiten gute Zeiten für das Kabarett. Aber wir haben nur 100 Jahre als Beobachtungszeitraum – das ist eigentlich noch zu wenig, um daraus etwas abzuleiten.

100 Jahre Kabarettgeschichte. Da wäre es eigentlich an der Zeit, den Tod des Kabaretts auszurufen. Hat das schon jemand gemacht?
Georg Kreisler …
Der war aber früh dran!
… hat ein Chanson geschrieben: „Das Kabarett ist tot“.
Gegenfrage: Warum soll das Kabarett sterben? Hat es seine Funktion erfüllt?

Nein, das ist einfach immer ein Gag, dass sich jemand wichtig macht und sich hinstellt und sagt: Das ist jetzt tot! „Die Malerei ist tot“, weil: Foto, Film … „Die Literatur ist tot“, weil: Autoren tot … und so weiter.
… wie sprach schon Karl Farkas: Ich mache mir ernstlich Sorgen um die Zukunft der österreichischen Literatur. Grillparzer ist tot, Nestroy ist tot – und ich bin auch nicht mehr der Jüngste …
Beim Kabarett müsste man aber sehr viele töten. Vor allem das unterhaltungswütige Publikum müsste man da töten. Bei manchen Kabarettisten – oder sagen wir: bei manchen Leuten, die auf die Bühne gehen – denke ich mir schon, es ist verwunderlich, dass sie Publikum finden; dass die jemanden finden, der dafür bezahlt!
Kabarett ist eine scheinbar unaufwendige Kunst, da meinen viele: Ich stelle mich einfach auf die Bühne und erzähle Witze. Wenn ich zum Vergleich ein Stück schreibe, da brauche ich ein Theater, das es aufführt, da brauche ich Schauspieler etc., das habe ich beim Kabarett nicht, dadurch bleibt den Solisten auf der Bühne mehr Geld.

Wie hat das Kabarett in Österreich begonnen?
Mit einem Misserfolg; Das erste österreichische Kabarett war 1901 das „Jung-Wiener Theater zum lieben Augustin“ von Felix Salten, das hat sich gerade über 7 Vorstellungen gerettet. Die wollten etwas Ähnliches machen wie das „Überbrettl“ in Berlin und haben auch literarisches Kabarett angekündigt, aber von Schnitzler abwärts hat da keiner mitgemacht. Das „Zum lieben Augustin“ sollte eher das Bodenständige ausdrücken. Und so wurden einerseits Volksschauspieler engagiert, andererseits aber auch Frank Wedekind, und das ist nicht zusammengegangen. Wedekind hat drei Lieder zur Laute gegeben, ist dafür ziemlich ausgepfiffen worden und durfte auch nur bei der Premiere auftreten. Nach sieben Vorstellungen ist die Direktion des Theaters an der Wien, wo Salten sein Kabarettexperiment veranstaltet hat, wieder zur weitaus heitereren Operette zurückgekehrt …
Ein wesentlicher Aspekt beim Kabarett ist aber, dass diese Bühnen nie subventioniert wurden. Deshalb muss man dem Publikum entgegenkommen, denn wenn das Publikum nicht will, dann muss man entweder zusperren oder ein unterhaltsameres Programm abliefern.

Wie würdest du die aktuellen Tendenzen im österreichischen Kabarett beschreiben?
Es gibt ungefähr 60 bis 80 Premieren jährlich, und es gibt 60 bis 80 verschiedene … jetzt such ich nach dem Wort … sagen wir so: es gibt nicht viele, die etwas Ähnliches machen, jeder macht individuell etwas anderes.
Aber die große Tendenz geht schon länger in die Richtung, dass etwas Privates oder scheinbar Privates herausgekehrt wird und weniger Politisches und Gesellschaftskritisches.
Und ein großes Manko des österreichischen Kabaretts ist seit jeher die nicht vorhandene Frauenquote. Jetzt könnte ich sagen: „Das war schon immer so, und das wird immer so bleiben …“ nein, hoffentlich nicht! Es hat in den 1980er-Jahren ansatzweise mehr Frauen auf der Bühne und als Autorinnen gegeben, aber da sagt man ja auch wieder – so landläufig: „Frauen im Kabarett, das ist nicht lustig. Weil Frauen machen nur für Frauen Kabarett, und da gehen die Männer gar nicht hin, weil sich die Frauen da nur über die Männer lustig machen.“ Oder man sagt: „Frauen sind humorlos. Sind nicht witzig“ – Habe ich auch schon gehört.

Gibt es aktuell praktizierende Kabarettistinnen?
Die Vorzeigedamen, die einem größeren Publikum bekannt sind, sind Dolores Schmidinger und Andrea Händler.

Was hältst du von der medialen Tendenz, Kabarettisten in Interviews zu gesellschaftlichen Themen zu befragen? Ist das nicht irgendwie seltsam, Kabarettisten als Gesellschaftsexperten zu sehen?
Nicht alle Kabarettisten werden zu gesellschaftlichen oder politischen Themen befragt. Da müssen schon ein gewisses Programm oder ein Promi-Faktor vorliegen. Aber Kabarettisten haben ja auch den Ruf politisch zu sein, politisch-kritisch; daher haben sie auch den Ruf, sie seien Intellektuelle. Da ist es naheliegend, dass, wenn jemand berufsmäßig die Gesellschaft betrachtet und kritisiert, man sie als Fachleute befragt.

Wobei ich den Eindruck habe, dass es die Kabarettisten leicht haben. Sie brauchen nur den Finger auf eine Wunde legen, aber sie müssen keine Lösungen anbieten. Von dem her ist für mich ein Interview mit einem Kabarettisten uninteressant.
Satiriker – nehmen wir mal im positivsten Fall an, Kabarettisten sind Satiriker – müssen nur hinzeigen. Kabarettisten können oder könnten aber auch analytisch denken, arbeiten, etwas auf der Bühne zeigen. Aber wenn sie das tun, bleibt die Frage, ob sich das Publikum damit auseinandersetzen will.

Ist das sogenannte Seminarkabarett so etwas?
(Greift sich an den Kopf.) Was ist „Seminarkabarett“ überhaupt? Der prominenteste Vertreter ist Bernhard Ludwig. Wenn er sagt, das ist Kabarett und er hat auch ein Publikum dafür … Wahrscheinlich hat er mehr Publikum, wenn er auf die Kabarettbühne geht; mit dem Label Kabarett hat er eine größere Öffentlichkeit, und das ist letztlich eine finanzielle Frage, denn das treibt den Preis. Wenn er eine Gala bei einem Ärztekongress spielt, kann er mehr Gage verlangen, das sehe ich ganz pragmatisch.
Es gibt auch Unternehmenskabarett, Wirtschaftskabarett, Medizinkabarett … man spricht dadurch gewisse Leute an. Es gibt wahrscheinlich alle Arten von Kabarett, außer Kinderkabarett.
Bei diesem Überangebot an Kabarettisten, was soll sich eine Firma da für eine Firmenfeier aussuchen? Wenn man da sagt, ich mache „Wirtschaftskabarett“, das ist gleich ein Einstieg. Während Unternehmenskabarett, wie ich es verstehe, in Unternehmen geht und dort quasi supervisorisch tätig ist, wobei der spielerische Umgang mit Konflikten zu einer Konfliktlösung führen soll.

Was tut sich im Kabarett in Deutschland?
Die haben eine ganz andere Tradition. Das deutsche Kabarettarchiv zum Beispiel sammelt nur Kabarett [“Kabarettt”] und keine Comedy. Ich wüsste aber nicht, wie ich das trennen sollte, wenn ich wollte. Das deutsche Kabarett ist ein auch sehr politisches, zumindest in der Vergangenheit gewesen.

Vielleicht ist das die Trennung: Kabarett – politisch; Comedy – alles, was sich in die Alltagsniederungen begibt und das auf die Schaufel nimmt.
Ja, aber die Comedyschiene ist einfach gigantisch in Deutschland. Die füllen wirklich Hallen. Kürzlich war Michael Mittermeier in Graz, er hat zwei Mal vor über 3.000 Leuten gespielt. Das ist schon eher rockkonzertartig und nicht mehr das kleine, feine Kabarett, wo man die Mimik noch mitkriegt, ohne dass es dazu eine Vi­deowall braucht.
Vielleicht hat diese Trennung zwischen Kabarett und Comedy auch mit der Tradition zu tun. Das sozialkritische Kabarett kommt ja aus Frankreich und ist in Deutschland um 1900 sofort sehr literarisch geworden und auch satirisch. Und in Österreich trifft es auf Volkstheater und jüdisches Theater. Roland Düringer sagt von sich in Interviews: „Ich bin Volksschauspieler“, aber er geht auf die Kabarettbühne, weil er dort mehr Leute erreichen kann als im Theater. Kabarett ist auch Unterhaltung, und diese Funktion erfüllt es gut.

Wie kann man sich eigentlich das Österreichische Kabarettarchiv vorstellen? Ist das wirklich so ein Raum, wo alte Programme, Plakate, Aufzeichnungen archiviert sind und in Regalen lagern, beschriftet, archiviert …
… und mit Signatur versehen? – Ja und nein. Es gibt eine große Zeitungsausschnittsammlung mit Kritiken, Presseberichten, Interviews seit Anbeginn, also 1901. Und dann gibt es eine Fachbibliothek, Programmhefte, Plakate, Tonträger, Videos, DVDs und auch Vor- oder Nachlässe. Alles wohlgeordnet und trotzdem lebendig. Wir haben Plakate und Fotos an den Wänden, so genannte Merchandising-Produkte, wie bedruckte T-Shirts, kleine Schnapsfläschchen, Zündholzschachteln, Bierdeckel oder Zuckersäckchen in Schaukästen. Es sind eigentlich ziemlich bunte Räume mit viel Atmosphäre. Freihandaufstellung, wenn man so will, damit alles für Anfragebeantwortungen schnell zur Verfügung steht. Hin und wieder kommen sogar Kabarettisten ins Archiv, um zu schauen, ob es schon ein Mapperl von ihnen gibt oder um Materialien abzuliefern und die Ausstellung anzuschauen.

Zum Abschluss: Hast Du einen Lieblingswitz aus einem Programm?
Eigentlich nicht.

Einen Lieblingskabarettisten?
365, und in manchen Jahren sogar 366.

Was war bisher das Unlustigste, mit dem du in Sachen Kabarett zu tun hattest?
Ich möchte da keine Namen nennen, aber ich war da in einem Kabarett und dachte mir: „Ich halte das nicht aus, ich gehe in der Pause“, obwohl ich das normalerweise nicht tue. Und da dachte ich eben: „Ich gehe in der Pause“ – und dann haben sie aber keine Pause gemacht …
Aber im Ernst: Ich halte die Programme normalerweise gut aus, aber ich gehe nicht wegen der Unterhaltung, sondern ich schau mir das einfach an …

Mit interesselosem Wohlgefallen?
Mit Interesse! Interesse bringe ich mit.

Professionelle Neugier?
Professionelle Neugier ist gut. Ich vergleiche dann: „Da kommt das jetzt … Das habe ich schon gesehen … habe ich schon besser gesehen … was tut er da überhaupt …?“