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kurze texte

christoph janacs | kurze texte

Erblasser
bei jeder Gelegenheit verliere ich die Farbe. wo andere erröten, werde ich kreidebleich. eine Erbkrankheit, wie man unschwer an verblaßten Fotos aus dem Familienalbum erkennen kann. ob daran das Alphabet Schuld trägt oder eine phonetische Ungenauigkeit, läßt sich nicht mehr mit Sicherheit feststellen. sicher ist nur, ich zedere beim geringsten Anlaß, egal ob im Libanon (der mittlerweile baumlos ist) oder anderswo (wohin ich immer seltener komme)
die Farblosigkeit, ehedem viel geschmähtes Manko, ist nun jene Eigenschaft, auf die ich zwar nicht stolz bin, die mich aber immerhin in eine Reihe von Erblassern stellt, die sich sehen lassen kann: Albert (ja, der mit der Zunge), Luwig der Fromme (steinalt und -grau, der Sarkophag bestätigt es), ja selbst Madonna (auch diese, man hält es nicht für möglich) – alle bleich, alle farblos, alle dem Tode nahe
das wird es wohl sein: wir lassen Farbe, um dem ähnlicher zu werden, der in uns steckt. in Momenten freudiger oder erschreckender Ereignisse schimmert er durch, ruft sich in Erinnerung, und wir geben ihm die Farbe, die ihm entspricht. falsch: die uns entspricht. so wenigstens deute ich, was uns Erblasser miteinander verbindet. ich verliere die Farbe, also bin ich noch. zederum censeo


Elternglück
ich hasse meine Eltern, das ist mein gutes Recht. jeder soll seine Eltern hassen dürfen, ohne sich ihrer schämen zu müssen. meine Mutter wegen ihrer Laute, die sie ausstößt und die regelmäßig in Gesang ausarten (das Wort Sprache vermeide ich bewußt in diesem Zusammenhang), meinen Vater wegen seines Landes und der ungeklärten Besitzverhältnisse (wer gehörte wem und wie lange und warum und wozu?). seit Vater nicht mehr ist (er war seiner Henkersmahlzeit nicht gewachsen), geht es mir schon viel besser. noch besser wird es mir gehen, wenn Mutter das Zeitliche segnet (sie hält viel von Religion und den Segnungen eines guten Todes). dennoch könnte es mir besser gehen, wenn nicht mein Sohn mich seit kurzem so ansähe. ja, so


Beine machen
es kommt eine Zeit, da werde ich euch Beine machen. Schlange werdet ihr stehen vor meiner Hütte und mich bitten, und ich werde euch auf die Sprünge helfen. keine großen, aber immerhin Sprünge. das wird ein Klappern geben. hölzern, eisern, elfenbeinern. besonders letzteres wird hoch im Kurs stehen. seht, wird es heißen, da kommen die Elfen. oder besser: hört. an ihren Schritten werdet ihr sie erkennen. so steht es geschrieben. wer das sagte, war ein wahrer Prophet. ich hingegen passe nur an, was der Mensch getrennt hat. Beine, bisweilen auch Arme. für die Köpfe bin ich nicht zuständig; die rollen woanders


aus der Form
eine Form ist eine Form ist eine Form. ein Kuchen, damit er nicht vorzeitig aus der Fassung gerät (oder sollte ich besser schreiben: Façon?), wird in eine Form gegossen und von dieser erst befreit, wenn er dazu reif und gar ist. ähnlich bei den Gedanken: man muß ihnen eine Form geben, damit sie sich nicht wild wuchernd ausbreiten. wir sind ja nicht im Urwald bei den Wilden und ihrem Wuchs. Schrebers Gärten seien unser Vorbild, Zäune und Heckenschützen mit eingeschlossen. was aus der Reihe tanzt, wird gejätet und mit Mitteln bekämpft, denen kein Kraut gewachsen ist. die Form ist der Inhalt, haben wir gelernt, und der Inhalt die Form. die Lehre besagt: da ist nichts, wo nichts sein kann. und darfs ein bisserl Mär sein? also: im Anfang war die Form und die Form war bei der Form und die Form war die Form


Gartenzwerge

kürzlich hat mich einer gegrüßt, als ich den alten Weg entlangging. ich hätte es kaum bemerkt, hätte die Schelle am Ende seiner roten Mütze nicht geklingelt. ein hoher, gelber Ton. so kamen wir ins Gespräch. über die rechte Länge von Schnittlauch, wenn ich mich recht erinnere. das nächste Mal ging es schon um den Trost frisch geschnittener Hecken. das ging mir zu weit. seitdem grüßt er mich wieder nur lautlos, hält mich nicht mehr ab von meinem Gang durch die Katakomben der Siedlung. was anderes sind sie nämlich nicht, die Gärten der Vorhölle mit ihren altbackenen Wächtern mit Schürze und Scheibtruhe. zuletzt lächelte er wieder nur noch; eine altvertraute Grimasse. ihr, die ihr hier weset, laßt alle Hoffnung fahren


Kopfarbeit
ich denke, es begann alles mit dem Schütteln des Kopfes. einige mißverstanden es als vergeblichen Befreiungsversuch von Läusen und anderem Ungeziefer, die in Haupthaar, Bart und anderswo nisteten, andere als Zeichen der Zustimmung (Zustimmung wo­für?). richtig oder besser: zutreffend war natürlich Antwort A. es müssen Heimkehrer gewesen sein. auf die erste ihnen gestellte Frage schüttelten sie ihre Köpfe: nein, da draußen ist nichts. zumindest nichts von Bedeutung. dann krochen sie zu ihren Frauen und weinten. oder kicherten. es läuft auf dasselbe hinaus. Weltläufige, die heimkehren und bleiben, sind keine. und die fort bleiben? die sind dem bösen Wolf begegnet oder einer vergifteten Prinzessin. auch das läuft auf dasselbe hinaus. ich denke, es beginnt alles mit dem Schütteln des Kopfes


anonymus
heute bin ich anonymus begegnet. das war ein besonderer Glücksfall, denn normalerweise zeigt er sich niemandem. überdies hat er viel zu tun, sein Schaffen ist ungebrochen, wenngleich aus jüngerer Zeit weniger Werke bekannt sind. aber das mag an seiner Bescheidenheit liegen, die sprichwörtlich ist. wer kennt schon anonymus. wie er aussieht? wer spricht hier von er, anonymus kann genausogut weiblich sein (auch wenn die Wahrscheinlichkeit eher dagegen spricht). nun, um ehrlich zu sein: ich weiß es nicht. ich habe keine Erinnerung an Aussehen und Stimme, nur an das, worüber wir sprachen. es war, wenn mich nicht alles täuscht – aber auch das ist mir entfallen. anonymus hat die seltene Gabe, gleichzeitig anwesend zu sein und nicht zu existieren. aus diesem Widerspruch (wenn es denn einer ist) schöpft er oder sie die Kraft zu so vielen Werken. es könnte sogar sein, daß dies die Bedingung ist, unter der er oder sie nur arbeiten, mehr noch: sein oder besser: nicht sein kann. in der Nicht-Existenz wiederum liegt der Grund für seine resp. ihre Existenz und das unermüdliche Schaffen. ein System aus wechselseitigen Bezügen und Bedingungen, aus denen es kein Entkommen gibt. einmal mit einem Namen versehen, und anonymus ist niemand mehr