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Literarische Texte der Ausgabe 19 - im ernst?

myriam keil | ernst im alltag

I. Ernst in der S-Bahn Jeden Morgen steht Ernst eine halbe Stunde früher auf als nötig. Das ist erforderlich, um in der S-Bahn noch einen Sitzplatz zu ergattern. Ein Sitzplatz muss sein, weil Ernst zu den Menschen gehört, die morgens vor der Arbeit schon die Zeitung lesen wollen. Die unabhängige, überparteiliche natürlich. Und auch sonst steht Ernst über den Dingen, so lange, bis sie ihn einholen. Manchmal passiert das bereits, wenn ih... lesen


kerstin kempker | ein sturz

Zum Reden, hatte mein Bruder geschrieben, müssen wir uns draußen treffen, auf freiem Feld. In Häusern spreche er nicht mehr, hatte er ergänzt und zur Erläuterung angefügt: Weil ich wissen muss, wie es beginnt. „Ich muss ihnen zuhören, damit ich es nicht verpasse“, sagt er und läuft mir über die weißen Felder voraus. „Es geht um Sekunden, mehr bleibt uns dann nicht. Ich traue ihnen nicht. Sie geben sich unbeeindruckt, schweigs... lesen


roland steiner | "film" (familienserie, D 2009)

DVD 1 – Teil eins Den Konturen nach musste es ein Mensch sein, der [in einer roten Ledercouch versunken einem zusieht der] vor einem Paravent in einem Wirtsvolkshinterzimmer gestikulierte, dessen Inhalt aber fehlte. Ich konzentrierte mich, hielt ein Auge bedeckt, spreizte das andere mit zwei Fingern und strengte mich an, die Fülle wieder zu Gesicht zu bekommen, doch der Szene, landfilmläufig wie sie war, versagte der Mensch, der sie darst... lesen


christoph janacs | kurze texte

Erblasser bei jeder Gelegenheit verliere ich die Farbe. wo andere erröten, werde ich kreidebleich. eine Erbkrankheit, wie man unschwer an verblaßten Fotos aus dem Familienalbum erkennen kann. ob daran das Alphabet Schuld trägt oder eine phonetische Ungenauigkeit, läßt sich nicht mehr mit Sicherheit feststellen. sicher ist nur, ich zedere beim geringsten Anlaß, egal ob im Libanon (der mittlerweile baumlos ist) oder anderswo (wohin ich im... lesen


cordula simon | severin

Der Vogel, sagte sie, sei vor der Windschutzscheibe umhergeflattert und sie habe sich erschrocken, als sie ihn plötzlich auf ihrem Rückspiegel niedergelassen fand. Wie er das geschafft hatte, habe sie sich kaum erklären können, denn sie fuhr doch fast 80 Stundenkilometer, und beinahe wäre sie in den Graben geschlittert, so sehr habe sie das Tier abgelenkt. Zwischen Kleinwaldlicht und Großmoordorf. Und dort saß es dann, das Tier, bis es... lesen


felix wallner | von der leidenschaft kinder zu zeugen

Josef K. hatte sie schon seit Monaten heimlich beobachtet. Endlich hatte er ihren Namen herausgefunden. Jeden Morgen, beim Rasieren, beim Duschen, beim Pinkeln, flüsterte er diesen Namen und versuchte sich an seine sperrige Melodie zu gewöhnen: Rosamunde Y. Langsam kam ihm der Name schön vor. Er hatte auch beobachtet, wo er sie verlässlich antreffen konnte. Jeden Samstag erschien sie immer um dieselbe Zeit im Billa-Markt und kaufte einen... lesen


tobias falberg | wir bilden die liebe nach

Wimperntierchen am Lid / stützen das Irisrund, strudeln Blicke herbei, / Paarungsreflexe, Glanz, aus Mascara gegossen, lang, geschwärzt und gebogen die Widerhaken in spe / ankern am Gen, das wir optimieren. Du kannst / dich überzeugen, kannst Pfirsichkörper betasten, faltenfreie Verlockung sehn. Auf Befehl wird er feucht, / Pawlowscher Mund, gespritzt mit Lipiden, mit Öl / gleitend lackiert. Ein Film tollkirschsaftig im Auge dehnt... lesen


ron winkler | gedichte

Rosenkranz für das Gefühl anlässlich des letzten neuen Rohöls so schön kann es sein im Staatslicht. inmitten der Frische von Wesen unterhalb von Kentauren auf der Suche nach Silikon. Silikontälern und -tümpeln. auf den Autobahnen zwischen dir und deinem Gesicht fuhren Schuldenpanzer auf und ab. die Pilotenmasse in Greiffarben zeigte halbdimensionales Lächeln – von Anfang an. Vorstufen von Clubs, erogene Pathologen, Weisheit... lesen


| gerettete reime

Im frühen Sommer 2009 schrieb die schreibkraft einen Wettbewerb zur Rettung des Reimes aus, der sich seit geraumer Zeit im Würgegriff von Rechtsparteien und Boulevardblättern befindet. Aus allen Zusendungen haben wir, resp. die Schriftsteller Andrea Stift und Andreas Unterweger, eine Auswahl getroffen.   Der Ziege ein Lied Ein Loblied auf das Ziegentier Singt niemand, weder Alt noch Jung. Den Brüdern Grimm verdanken wir Den... lesen